Der leitende Planer Kurt Jatho wählte für die Gestaltung des Ebertplatzes ein für die damalige Zeit typisches „Waben“-Modell. Der gesamte Platz ist in polygonalen, also vielwinkeligen Formen gestaltet, die im Grunde von einem Sechseck abgeleitet sind. ©Barbara Schlei

Wie geht es weiter mit dem Ebertplatz, fragt Martin Bredenbeck

Ein bisschen Abkühlung täte den Diskussionen um den Kölner Ebertplatz ganz gut. Erfreulicherweise heißt es dort bald „Wasser marsch!“: Die von Wolfgang Göddertz künstlerisch gestaltete Brunnenanlage, viele Jahre versiegt, oder besser: abgestellt, wird seitens der Stadt Köln instandgesetzt und soll Mitte Juli 2018 wieder ans Laufen gebracht werden. Mit dieser Aktion erfährt der Platz endlich einmal das, was er eigentlich vor allem braucht: Pflege.

Das weiterentwickelte Zwischennutzungskonzept der Stadt Köln sieht vor, die Wasserkinetische Plastik des Künstlers Wolfgang Göddertz zu sanieren und wieder in Betrieb zu nehmen. © Elke Wetzig 2018 / CC BY-SA 4.0 (via Wikimedia Commons)

Debattenqualität?

Die Debatte um den Platz hatte einen teils schon unsäglichen Charakter angenommen. So besitzt die Gegenwart beispielsweise die Keckheit – Frechheit? –, ungeprüft von einem städtebaulichen Fehler zu sprechen. Keine Frage, die Aneignungsgeschichte des Platzes erscheint vielen heute wie ein Fehler. Aber etwas sachlicher gesehen: Als der Ebertplatz 1977 fertiggestellt wurde, war die Zeit solcher Planungen eigentlich vorbei. Etwa in der Mitte der 1970er Jahre liegt ein wichtiger Einschnitt zwischen den Planungsvisionen der späteren Nachkriegsmoderne und der Wiederentdeckung der historischen Stadt, symbolisch manifestiert im Europäischen Denkmalschutzjahr 1975. Auch wenn der Platz anfangs rege im angedachten Sinne benutzt wurde, war er doch bald nicht mehr modern. Und da sich die nachlassende und schließlich nicht ausreichende Pflege durch die Stadt irgendwann immer deutlicher bemerkbar machte, gaben einige gesellschaftliche Gruppen dieses Habitat frei, das in der Folge in den letzten Jahren immer stärker von einer anderen Klientel besetzt wurde.

© Elke Wetzig / CC BY-SA 4.0 (via Wikimedia Commons)

 

In der Presse ist zu lesen, der Ebertplatz gelte als Kölns hässlichster Platz. Lassen wir solche Journalismen einmal beiseite, denn Venedig gilt hierzulande als die Stadt mit den meisten Brücken und die Engländer als die fleißigsten Teetrinker. Statistisch hat Hamburg jedenfalls mehr Brücken, und die Finnen trinken mehr Tee. Solche Meldungen sind es, die zum Image des Platzes fast wie eine selbsterfüllende Prophezeiung beitragen.

Ein historisches Zeugnis

Der Ebertplatz steht für einen Platztypus der 1960er und 1970er Jahre, der in diesen Jahren allüberall verschwindet: abgesenkte, auf mehreren Ebenen verteilte Anlagen, oft mit Sichtbeton gestaltet, oft reich begrünt und mit der erklärten Absicht gestaltet, Verkehrsverteiler zu sein. Einerseits dient der Platz der Entflechtung verschiedener Verkehrsströme – automobiler Individualverkehr und Fußgänger – an einer Schnittstelle von Radiale und Ausfallstraße, andererseits verknüpft er Verkehrsmittel, da hier UBahn, Bus und Fußgänger zusammengeführt werden. In der Entstehungszeit war es charakteristisch, bei der Verteilung der verschiedenen Verkehrsteilnehmer die Fußgänger in die abgesenkte Zone einzuordnen, während auf der Null-Ebene der Autoverkehr floss, planerisch durchaus nachvollziehbar. Die Tunnellage von Autoverkehr ist dann erst seit den 1980er Jahren das vorherrschende Paradigma geworden.

Auch ausgeweitete Gastronomie-Angebote sollen im Rahmen der Zwischennutzung zur Belebung des Platzes beitragen. Es ist vorgesehen, auf der Platzfläche ein Café oder biergartenähnliches Gastronomieangebot im saisonalen, gegebenenfalls auch ganzjährigen Betrieb zu ermöglichen. ©Barbara Schlei

 

Historisch lässt sich der heutige Kölner Ebertplatz durchaus mit seiner historistischen Vorgängergestaltung vergleichen, denn auch dieser Platz – dieser Tage auf s/w-Bildern immer wieder mit einem Schuss Melancholie in Erinnerung gerufen – war ein Verkehrsknotenpunkt und Verteiler, nicht lediglich ein geruhsamer Schmuckplatz.

Von Köln aus vielen sicher geläufig ist das frisch verschwundene Bonner Loch, also korrekt gesagt der Bahnhofsvorplatz, der in beiderlei Gestalt als abgesenkter Treppenplatz mit polygonal korrespondierendem Hochbau (Hotel, Praxen, Lokale) auftrat und nun dem Neubau zweier Einkaufsmalls mit UBahnanschluss Platz macht. Es geht in den derzeitigen Debatten auch immer um die Frage: Was kommt stattdessen?

 

Eine baukünstlerische Gestaltung

Für die Gestaltung des Ebertplatzes hat der leitende Planer Kurt Jatho ein für die damalige Zeit typisches „Waben“-Modell gewählt. Der gesamte Platz ist in polygonalen, also vielwinkeligen Formen gestaltet, die im Grunde von einem Sechseck abgeleitet sind. In dem Lichthof tritt es in der reinen Form auf. Die Materialwahl ist ebenfalls typisch: Sichtbeton, der als Waschbeton gestaltet ist, also Beton, dessen Oberfläche so behandelt wurde, dass die sogenannten Zuschlagstoffe – farbiger Kies – ästhetisch in Erscheinung treten und eine lebhafte Oberfläche ergeben. Zur Gesamtgestaltung gehört auch die mobile und feste Ausstattung, beispielsweise die Lichtkapitelle an den (natürlich) polygonalen Pfeilern und die Brunnenanlage, die Kunstwerk, Erfrischung und Beitrag zum Mikroklima zugleich ist, und sogar Lärmschutzfunktionen übernahm. Und schließlich ist die Bepflanzung zu erwähnen. Bei ihr kommt als Pointe hinzu, dass die Bäume und Sträucher im Grunde erst heute, im Alter von 40 Jahren, richtig ausgewachsen sind. Alles in allem ein Schutzraum für Fußgänger mit einer gehörigen Aufenthaltsqualität.

Roter Teppich und Perspektivwechsel für den Ebertplatz: Der BDA Köln hat seinen Jahresempfang am 6. Juni der Platzanlage gewidmet. Auf einer Hebebühne, 10 Meter über der Stadt, wechselten die Gäste die Perspektive auf Stadt und Architektur. ©Barbara Schlei

Bild und Gegenwart

Es gibt auch vom heutigen Ebertplatz veritable schöne Bilder, meist alte! Historische, professionelle Aufnahmen des sozusagen taufrischen Platzes lassen die Gestaltungsqualitäten wieder lebendig werden. Sie zeigen auch die lebhafte Benutzung des Platzes, beispielsweise durch Mütter mit Kinderwagen, für die das Vorhandensein von Sitzbänken natürlich eine Voraussetzung war. Gehen wir einmal davon aus, dass diese frühere intensive Benutzung nicht für städtische Imagebroschüren gestellt war, sondern wirklich die Inbesitznahme des Platzes abbildet.

Was mit einer solchen Anlage geschieht, bei der Wartung und Reinigung nicht ausreichend ausgeführt werden, liegt auf der Hand. Die an sich schönen Alterungsspuren am Beton, also die Patina, sind etwas für den geschulten Blick, während der Stillstand der Rolltreppen, klebende Kaugummis, Uringeruch und fehlende Aufenthaltsmöglichkeiten direkt und unangenehm wahrgenommen werden. Und sich leider auch im Bild bannen lassen, oft genug dem laienhaften Schnappschuss, heute dann auch in den Printmedien und sozialen Medien vielfach verbreitet. Zur narrativen Dekonstruktion des angeblich hässlichsten Platzes kommt die bildnerische hinzu.

„Betongold“ am Ebertplatz. Leerstehende Ladenpassage auf der Ebene -1 gibt es schon lange nicht mehr. Die freie Kunstszene profitiert vom Glück mitten in der Stadt einen bislang wenig beachteten Ort zu finden. ©2018© Elke Wetzig / CC BY-SA 4.0 (via Wikimedia Commons)

Und die Denkmalschutz-Debatte?

Vermutlich war es nicht erst 2018, dass sich amtliche und ehrenamtliche Denkmalschützer mit dem Gedanken an eine mögliche Unterschutzstellung des Ebertplatzes befassten. Wer sich mit der Architekturgeschichte der 1960er bis 1970er Jahre beschäftigt, dem springt die Qualität dieser Anlage geradezu ins Auge. Doch dieses Jahr wurde der Vorschlag dann ausgesprochen und führte zu den bekannten Irritationen. Wie sehr unsere Zeit mit dem Erbe der Moderne fremdelt, zeigt sich exemplarisch am Kölner Vorgang. Der Wunsch nach Sicherheit – nach einem sicheren Gefühl – ist natürlich ein hohes Gut, auch der Wunsch nach etwas Neuem ist völlig nachvollziehbar. Aber warum muss sich eine solche Diskussion fast automatisch mit Hohn und Spott auf den Bestand verbinden? Stadtpolitik und Stadtverwaltung haben sich von dieser Hysterie leider an stecken lassen.

Und das führte dann dazu, dass ein völlig normaler Vorgang, die Denkmalwertprüfung, mit den falschen Argumenten abgelehnt wird. Das Denkmalschutzgesetz NRW sieht einen zweistufigen Ablauf vor. Der mögliche Denkmalwert eines Objekts wird geprüft, unabhängig von seiner stadtplanerischen und wirtschaftlichen Verwertbarkeit. Genau das ist nun durch die Kölner Denkmalbehörde aber verwehrt worden. Hier wurde Schritt 2 vor Schritt 1 getan und Denkmalpflege mit Stadtentwicklung verwechselt. Wie soll ein unabhängiger, sachlich begründeter Denkmalschutz so funktionieren?

 

Der Slogan: „Wasser marsch“ gehört zum Kunst-, Performance- und Musikprojekts von Grischa Göddertz und Stefanie Klingemann die darauf aufmerksam machen, dass die Brunnen-Fontänen nach 20 Jahren Trockenheit bald wieder sprudeln werden. ©Barbara Schlei

 

Jenseits des Denkmalschutzes

Zurück zum Anfang. Selbst wenn der Platz nicht Denkmal im rechtlichen Sinne würde: Es gibt keine Notwendigkeit, ihn zu verwerfen. Eine Reinigung, Ergänzung der Bepflanzung, Sitzgelegenheiten, ein Café-Roller, ein neues Ausleuchtungskonzept: Das sind Stellschrauben, die keine vollständige Neugestaltung erfordern. Kulturelles Erbe ist über Jahrhunderte hinweg gerade auch durch Veränderung geschützt worden. Diese Chance sollte dem Ebertplatz gegeben werden. Über die Behauptung unserer Gegenwart, einen Fehler zu beseitigen, wird eine zukünftige Gegenwart nämlich möglicherweise ihrerseits sanft lächeln. Jetzt erstmal „Wasser marsch!“ – und dann das, was für alle Gebäude jeglicher Zeit gilt: „Putzen und Benutzen!“.

 

Dr. Martin Bredenbeck, Rheinischer Verein für Denkmalpflege und Landschaftsschutz

 

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3 Antworten auf “„Putzen und Benutzen!“”

  1. St. Schugt

    Die Meinung des Autors ist offensichtlich als gut gemeinter Beitrag zur Debatte um die berechtigten und wichtigen Belange des Denkmalschutzes im Allgemeinen gemeint. Er scheint mir jedoch seinen überheblichen Beitrag aus weiter Entfernung von den Lebenswirklichkeiten des Platzes und der angenzenden Veedel – Agnesviertel und Eigelstein – verfasst zu haben. Er macht es sich meines Erachtens sehr leicht mit der Behauptung es gäbe keine Notwendigkeit der Umgestaltung. Offensichtlich hat er die realen Probleme und Missstände der aktuellen Platzgestaltung nicht umfänglich verstanden. Ein bisschen Kosmetik in Form von Reinigung, Bepflanzung, Sitzgelegenheiten, Licht etc wird den tiefen Graben nicht überwinden helfen, der dieser Platz zwischen den angesprochenen Veedeln de facto ist.

    Mag sein, dass man langfristig im Rückblick nicht verstehen wird, warum man den Platz abgerissen und umgestaltet hat, denn hoffentlich wird der neue Ebertplatz dann eine Aufenthaltsqualität bieten, die nicht nur ein veedelverbindendes Element wird, sondern auch die beseitigten Fehler schnell vergessen lässt. Das von ihm angesprochene „sanfte Lächeln der Gegenwart“ erscheint mir in Anbetracht der Ignoranz gegenüber der realen Probleme und Missstände der aktuellen Platzgestaltung doch reichlich arrogant.

    Antworten
    • Martin Bredenbeck

      Der Autor dankt mit Lächeln für diese profunde Aufklärung!

      Antworten
  2. Marlis Grüterich

    Warum kann der Ebert-Platz nicht auf dem Stadtboden Kunst u. Erholung anbieten
    – geschützt vor dem Lärm des Verkehrs?
    Warum nicht die Decke der heutigen Unterführung einladend überbauen:
    Café, Ausstellung + zugleich Schutz vor dem Verkehr???
    Ich werde nie unter die grelle Beleuchtung in die Tiefe gehen.
    Die Kunst ist es, mit so wenig Kunstgriffen wie möglich einen Aufenthaltsort schaffen.
    Schaffen Sie die vielen Ecken ab: kleine durchgehende Pflastersteine, die sich zur Beet-
    Einfassung runden. Die vielen Ecken sind aggressiv.

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