Die "Freiheitsstatue von Mülheim" in einer Lego-Vision aus einem der Workshops; Foto: Vera Lisakowski
Die "Freiheitsstatue von Mülheim" in einer Lego-Vision aus einem der Workshops; Foto: Vera Lisakowski

"Die Stadt von der anderen Seite sehen" – das Schauspiel Köln startet mit einem Workshop-Tag sein Projekt zur städtebaulichen Entwicklung Mülheims.

Eine überdimensionale Figur mit geringeltem Hemd steht direkt am Rhein, noch vor dem Ort, wo heute die Mülheimer Brücke ist. Die ist inzwischen abgerissen und durch einen Tunnel ersetzt worden. Die Flächen am Rhein sind saftig grüne Parks, durchzogen von Radwegen. Diese erschließen auch das restliche Mülheim und führen zu völlig durchmischten Vierteln, wo sich Wohnen, Arbeit und Kultur ergänzen.

Die "Freiheitsstatue von Mülheim" in einer Lego-Vision aus einem der Workshops; Foto: Vera Lisakowski

Die „Freiheitsstatue von Mülheim“ in einer Lego-Vision aus einem der Workshops; Foto: Vera Lisakowski

 

 

So sieht eine der Zukunftsvisionen aus, die am 5. März bei den zehn Workshops des Projektes „Die Stadt von der anderen Seite sehen“ vom Schauspiel Köln herausgekommen ist. Noch ist sie aus Lego – und an den Feinheiten muss gearbeitet werden: „Man könnte auch denken, die Figur warnt ‚Vorsicht Mülheimer‘, also dass sie gefährlich sind“, erklärt die kleine Urheberin bei der Präsentation. Man einigt sich aber dann schnell auf eine positive Besetzung und erklärt sie zur „Freiheitsstatue von Mülheim“.

 

Workshop-Leiter Elisa Hofmann und Heiner Remmert betrachten die ersten Lego-Entwürfe; Foto: Vera Lisakowski

Workshop-Leiter Elisa Hofmann und Heiner Remmert betrachten die ersten Lego-Entwürfe; Foto: Vera Lisakowski

 

Der kindliche Blick, der diesen Workshop mit Erwachsenen ergänzt, ist vielleicht genau der richtige. „Man muss frei werden für neue Ideen. Manchmal ist das schwer, wenn man sich so lange mit einer Sache beschäftigt hat“, sagt Elisa Hofmann, die den Lego-Workshop mit leitet, „aber wir wollen das ’nee, das geht nicht‘ aus den Köpfen kriegen“. Und so mussten die Gruppenmitglieder aus ihren ersten Entwürfen, die sich noch stark an der Realität orientierten, die besten Ideen zusammenführen und sollten bewusst reale Gegebenheiten außer Acht lassen.

 

Workshop-Leiter Boris Sieverts erklärt zu Beginn, was mit den viereinhalb Tonnen Lehm passieren soll; Foto: Vera Lisakowski

Workshop-Leiter Boris Sieverts erklärt zu Beginn, was mit den viereinhalb Tonnen Lehm passieren soll; Foto: Vera Lisakowski

 

Wo ist der Rhein?

Die Realität finden musste zunächst die Gruppe, die aus viereinhalb Tonnen Lehm Mülheim formen sollte. „Man kommt sich vor wie am ersten Tag der Schöpfung“, entfährt es einem der Teilnehmer, als sie beginnen, den Lehm platt zu stampfen. Andere sind schon weiter und diskutieren, wie genau der Bogen des Rheins auf dem zehn Quadratmeter großen Palettenboden verlaufen soll. Nach nicht einmal vier Stunden ist Mülheim inklusive Brücke in dem beeindruckend großen Modell gut zu erkennen, auch wenn die Dimensionen nicht ganz stimmen: „Es ist bezeichnend, wie monumental der Wiener Platz ausgefallen ist – und dass es mir nur ein bisschen verzerrt vorkommt“, stellt Boris Sieverts, einer der Leiter des Workshops, mit Blick auf das fertige Modell fest. Auch welche Liebe ins Detail die Teilnehmer investieren, zeigt die Wichtigkeit bestimmter Orte. „Reine Wohngebiete sind fast nicht abgebildet“, erklärt Sieverts, „es sei denn, jemand wohnt genau dort, sonst finden sie im Modell nicht statt.“ Vier Stunden harter körperlicher Arbeit. Die Teilnehmer sehen erschöpft aus, sind aber sehr angetan vom Ergebnis, in dem sich auch erste visionäre Elemente finden. „Ich finde die Utopien am besten, die sich an der Realität abarbeiten“, erläutert Sieverts seine Idee – und ist auch zufrieden mit der Dynamik innerhalb der Gruppe: „es war ja für jeden genug zu tun, das ist immer die Hauptsache“.

 

Das fertige Lehm-Modell von Mülheim wird mit einem Gabelstapler ins Depot 2 gebracht; Foto: Vera Lisakowski

Das fertige Lehm-Modell von Mülheim wird mit einem Gabelstapler ins Depot 2 gebracht; Foto: Vera Lisakowski

 

Den Nachbarn ansprechen

In der Workshop-Gruppe, die Mülheimer als Nachbarn des Schauspiels befragen sollte, regt sich hingegen gleich zu Beginn Widerstand. Als Vertreter des Schauspiels aufzutreten ist den Teilnehmern unangenehm, dies in der sensiblen Umgebung der Keupstraße zu tun, umso mehr. Einen Einfluss darauf, in welchen Workshop sie kamen, hatten die Teilnehmer nicht, sie wurden zufällig eingeteilt. Überhaupt hatten die beiden Projektleiterinnen, die Regisseurin Eva-Maria Baumeister und die Stadtplanerin Isabel Finkenberger, im Vorfeld bewusst wenig über die einzelnen Workshops verraten. Offen für Neues zu sein wurde hier auch von den Teilnehmern erwartet. Auch für die Befragung in der Nachbarschaft fand sich letztlich ein Kompromiss und die Ergebnisse der Befragung zu dem was Nachbarschaft ist und was sie sein könnte sind durchaus bemerkenswert: Schon in der Gegend direkt hinter dem ehemaligen Güterbahnhof ist kaum bekannt, dass das Schauspiel seit nunmehr knapp drei Jahren in Mülheim ist. Die Definition von Nachbarschaft ist bei den Befragten weniger räumlich orientiert als sozial: Die Familie wird als Nachbarschaft gesehen oder die Freunde. Die wirklichen Nachbarn? Da reicht es, wenn sie die Pakete annehmen. Ein Bedürfnis, darüber zu reden, haben die Bewohner aber offenbar doch: „Als wir angefangen haben zu fragen, ist ein riesengroßes Tor aufgegangen“, berichtet Volker Katthagen, einer der Workshop-Leiter. Und einer der Teilnehmer erzählt: „Alle Befragten waren außerordentlich freundlich und wollten mir alle hinterher sogar die Hand geben“.

 

Pläne zum Projekt "Die Stadt von der anderen Seite sehen" des Schauspiels Köln; Foto: Vera Lisakowski

Pläne zum Projekt „Die Stadt von der anderen Seite sehen“ des Schauspiels Köln; Foto: Vera Lisakowski

 

Die Sicht auf den Ort verändern

Um direkten Kontakt mit der Nachbarschaft geht es auch beim Workshop „Mülheimer Wunderkammer“. Nach einem Rundgang durch den Stadtteil sollen die Teilnehmer Objekte in Mülheim sammeln und die Geschichten dahinter erzählen. „Man kann in vielen Orten, die von außen nicht so gut aussehen, mit der eigenen Phantasie oder einer erhöhten Wahrnehmung viel machen“, erläutert Workshop-Leiter Markus Ambach das Konzept. Die zusammengetragene Sammlung, die am Abend präsentiert wird, reicht von Gegenständen aus einem Abbruchhaus, das womöglich „warm saniert“ wurde über einen Pokal von einem Radrennen bis zu einer lebenden Person: Eine der Teilnehmerinnen hat zufällig eine Schulfreundin aus der Eifel getroffen, die seit einigen Jahren in Mülheim lebt und dort als Deutsche mal in einer türkischen Backstube gearbeitet hat. Eine Offenheit, die für sie auch für Mülheim stehe.

 

Schilder der Workshop-Gruppen beim Projekt "Die Stadt von der anderen Seite sehen" des Schauspiels Köln; Foto: Vera Lisakowski

Schilder der Workshop-Gruppen beim Projekt „Die Stadt von der anderen Seite sehen“ des Schauspiels Köln; Foto: Vera Lisakowski

 

Projekt gegen „Kölner Fatalismus“

Etwa 200 Teilnehmer hat dieser erste Workshop-Tag zu dem auf zwei Jahre angelegten Projekt des Schauspiels Köln angezogen. Es war nicht das klassische Schauspiel-Publikum, sondern ein völlig gemischtes aus allen Stadtteilen Kölns. Oft Menschen, die sich schon lange Jahre beruflich oder privat mit Stadtentwicklungs- oder Nachbarschaftsprojekten beschäftigen, aber auch Mittzwanziger, die es auf Facebook gelesen haben und „einfach interessant“ fanden. Sie alle haben „sehr ernsthaft gespielt“, wie der Leiter des Kölner Schauspiels Stefan Bachmann seine Beobachtung aus den Workshops schildert. „Unser Lebensraum muss unbedingt besser werden“, umreißt er die Motivation seines Hauses zu diesem Projekt, „der Kölner Fatalismus ärgert mich sehr, denn ‚et kütt wie et kütt‘ heißt im Umkehrschluss auch: es bleibt, wie es ist.“

Vera Lisakowski

 

Die Projektwebseite des Schauspiels Köln

 

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