„The Missing Landskape“ von Vajiko Chachkhiani. Baumskelette erzählen vom Krieg in Georgien. Foto: Uta Winterhager

Eine Bushaltestelle, magische Bohnen und Minigolf auf dem Dach der Bundeskunsthalle

Sie singt mich an. Irgendein nettes Lied, das ich nicht kenne und sie schaut mir dabei direkt in die Augen, meint also wirklich mich. Ich kann nicht einfach weggehen, sondern muss die Peinlichkeit  aushalten, sie aber auch. Und dann ist es schon vorbei. Sie lächelt und erklärt, dass sie Teil der Ausstellung sei. Mit „This you“ möchte Tino Sehgal den Besuchern ein Geschenk machen, das überraschend, intuitiv, irritierend und – wenn man es zulassen kann – vielleicht auch poetisch ist. „Ärger im Paradies“, dieser Titel ist ein geflügeltes Wort und verheißt einen handfesten Skandal. Doch so schlimm wird es wohl nicht werden, denn die Kunst genießt wesentlich mehr Freiheiten als damals Adam und Eva. Vor dem Museum steht ein hölzernes Bushaltestellenhäuschen. Kurz mag man sich fragen, ob das nicht schon immer da gestanden hat, aber nein, so sehen die doch heute und hier schon gar nicht mehr aus. Michael Sailsdorfer hat fünf dieser kleinen Buden gerettet, als sie in seiner Heimatgemeinde ersetzt wurden. Er hat sie möbliert, zu Einraumhäuschen umgebaut und platziert sie unter dem Titel „Wohnen mit Verkehrsanbindung (Großkatzbach) nun wieder in ihrem ursprünglichen Kontext am Straßenrand. Und noch etwas ist anders auf dem Museumsvorplatz. Eine Zypressenformation scheint Stellung bezogen zu haben, um das Museum zu entern. Woche für Woche, unbemerkt nachts, werden sie vorrücken und, so ist es zu erwarten, ein wenig Ärger im Paradies machen.

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Maria Loboda This Work is dedicated to an emperor, 2012 © Maria Loboda, Schleicher/Lange, Berlin, Maisterravalbuena, Madrid, und Andrew Kreps, New York Ausstellungsansicht Foto: Dr. Mark Brandenburgh, 2015 © Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland GmbH

 

Maria Loboda hat neben dieser Arbeit, deren Titel „This Work ist Dedicated to an Emporer“ die vermutete Angriffslust bestätigt, noch eine weitere im Foyer des Museums platziert. Ein großes Bouquet frischer Schnittblumen, sorgsam arrangiert. Ein kurzlebiges Luxusgut, ebenso wie ein bezaubernder Anblick. Doch dieser Schein trügt nur solange, bis der Wandtext die wahren Konnotationen der Blumen verrät, sie zu Synonymen für Krieg, Eifersucht und Arroganz macht. Und der schöne Strauß nicht nur zu einem Bündel bösartiger Schmähungen, sondern zu einem „Guide to Insults and Misantrophy“ wird.

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Olaf Nicolai That day i oft remember, when from sleep i first awaked, and found myself reposed, Under a shade, on flowers, much wondering where and what i was, whence thither brought, and how. 2015 © Olaf Nicolai und Galerie EIGEN + ART, Leipzig/Berlin. Foto: Uta Winterhager

 

Auf dem Dach der Bundeskunsthalle finden sich die Werke von zehn weiteren Künstlern und Künstlerinnen. Da gibt es die scharfkantige Mauerkrone mit dem vierzeiligen englischen Titel von Olaf Nicolai, der man besser nicht zu nahe kommen sollte und nur wenige Schritte davon entfernt riesige runde Ballen aus bunten Sangriastrohhalmen, die zum Klettern und Draufsitzen einladen.

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Michael Beutler Ballenernte, 2014 © Michael Beutler, courtesy Galerie Nagel Draxler Berlin. Foto: Uta Winterhager

 

Seine „Ballenernte“ hat Michael Beutler schon in mehreren Städten gezeigt, zum Teil auch partizipatorisch angelegt und mit einem großen Erntedankfest abgeschlossen. Bösartig neben freundlich also. Und noch ein schwieriges Nebeneinander finden die Besucher hier. Petrit Halilaj pflanzte magische Bohnen aus seiner Heimat Kosovo und lässt sie über den Sommer an einem kegelförmigen Rankgerüst neben Peichl ikonenhaften Dachaufbauten zu einem Liebesnest zuwachsen. Daneben sind zahlreiche tote Bäume in die Rasenfläche gepflanzt, traurige, verkohlte Mahnmale, die Vajiko Chachkhiani als Zeitzeugen vom Krieg in Georgien berichten lässt. „The Missing Landskape“ tut weh, denn dieses Paradies ist wirklich verloren.

Ina Weber Trümmerbahnen-Minigolf 2010 © Ina Weber, Courtesy Galerie Hammelehle und Ahrens, Köln und Georg Kargl Fine Arts, Wien. Foto: Uta Winterhager

 

 

Ina Weber spielt mit dem Kaputten, lädt ein zu einer Partie Minigolf. Alles ist wie immer, doch die Hindernisse sind 12 kleine Architekturen, ein Plattenbau, ein Tempietto, ein Bunker, eine Strandbar. Keine Modelle echter Bauten, doch könnten sie es sein. Readymades, irgendwo in der Stadt gefunden, als „Trümmerbahnen-Minigolf“ inszeniert. Es ist ein seltsames Nebeneinander verschiedenster Kunstwelten, verschiedenster Paradiese, die verlocken, verwirren, verletzen oder schon lange verloren sind.

Doch noch ein Aspekt der Ausstellung sollte hier betrachtet werden, denn dem Intendanten Rein Wolfs und seiner Kuratorin Susanne Kleine scheint es zu gefallen, die architektonische Haltung der Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland, die ist aus heutiger Sicht ein wunderbares Symbol für die Bonner Republik, eine große, repräsentative Geste ist, mit ihren Inhalten zu konterkarieren, zu hinterfragen und auf sehr zeitgemäße Weise neu zu inszenieren. Vierzehnmal gibt es nun „Ärger im Paradies“, weil die postmoderne Perfektion gestört und imitiert wird, als Träger kritischer oder zynischer Botschaften herhalten muss, als Spielwiese und Kulisse.

 

Uta Winterhager

 

„Ärger im Paradies“  ist vom 24. April – 11. Oktober auf dem Dach, im Foyer und auf dem Museumsvorplatz der Bundeskunsthalle zu sehen.

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