Zwischen Star-System und Street Credibility

Baukultur auf dem Weg zur Stiftung, der 1. Konvent der Baukultur in Bonn

Viel wird gestöhnt über den Zustand unserer Städte, den Geschmack ihrer Bewohner und die Qualität der Architekten. Neidisch fällt der Blick dann ins Ausland, auf kleine Länder mit großen Baukulturen. Warum geht in Deutschland nicht, was in der Schweiz und in den Niederlanden möglich ist? Mit dieser Frage beschäftigt sich seit zwei Jahren eine Initiative des Bundesbauministers, die Initiative Architektur und Baukultur: es wurde also im Ausland nach positiven Beispielen gesucht, ein Bericht zur Lage der Baukultur wurde vorgelegt und langsam entstand ein Netzwerk von Fachleuten, die sich für die Verbesserung der Baukultur in Deutschland einsetzen wollen. „Baukultur soll in Deutschland eine beachtete und weithin hörbare Stimme erhalten“ so Karl Ganser, einer der Moderatoren des Gründerkreises.

Am 4. und 5. April trafen sich nun in Bonn weit über 1.000 Akteure des Planens und Bauens zum ersten Konvent der Baukultur. Eingeladen waren diejenigen, die sich in der Vergangenheit um Baukultur verdient gemacht haben, dazu aber auch die Auslober, die Gewinner und die Bauherren der wichtigsten Architekturpreise. Dieses Mischungsprinzip führte zu einer heterogenen Zusammensetzung des Konvents, die die heutige Struktur des Bauwesens widerspiegelt: vom Nachwuchs-Architekten bis zum Grandseigneur der Bauingenieure, von der Wohnungsbaugenossenschaft bis zum Global Player waren alle in den ehemaligen Plenarsaal des Bundestags nach Bonn gekommen, um sich als Träger baukultureller Verantwortung zu präsentieren. Bundespräsident Johannes Rau ermahnte jedoch in einer eindrucksvollen Rede die Anwesenden, sich nicht als alleinige Experten der Baukultur zu fühlen, sondern auch den Geschmack der Bürger, also die Baukulturen des Alltags zu berücksichtigen.

Immer noch fragen sich viele, was das eigentlich ist: Baukultur. In den vielen Definitionsversuchen des ersten Tages wurde deutlich, dass Baukultur mehr umfasst, als die schöne Gestaltung von Gebäuden. So wie heute keiner mehr von nur einer Ess-, Trink-, Fahr- oder Wohnkultur spricht, sondern sich in der Vielfalt der Möglichkeiten die jeweils Passende sucht, so gibt es auch keine Instanz mehr, die ein Dogma der Baukultur formulieren kann. Das macht den Begriff komplexer, schraubt die Anforderungen an die Akteure in die Höhe. Als Christoph Ingenhoven sich zu einer Aufzählung der dringendsten baukulturellen Handlungsfelder aufmachte, wurde daraus ein nicht endender Wortschwall, vom Marktplatz bis zum Friedhof, von der Bushaltestelle bis zur Autobahnbrücke, von der Leuchtreklame bis zur Landwirtschaft.

Damit nicht genug. Um Baukultur zu befördern, braucht es auch Planungskultur. Dies machte Bärbel Dieckmann deutlich, die als Oberbürgermeisterin der Gastgeberstadt einen Einblick in die baukulturelle Praxis vor Ort lieferte. Die intensive Diskussion von Bürgern und Experten um den Bau des benachbarten Post-Towers nahm sie als Beweis für und nicht gegen die Bonner Baukultur. Und bestätigte damit eine These von NRW-Bauminister Vesper, das Thema Baukultur vereine im Allgemeinen, trenne aber im Besonderen. Vesper selbst musste Kritik aus dem Konvent einstecken: für die Genehmigung zum Abriss der denkmalgeschützten Duisburger Mercator-Halle. Und so gelangte man nach aller Harmonie doch noch zu einem weiteren Element von Baukultur, dass Kulturstaatsministerin Christina Weiss angesprochen hatte: Nicht nur das Sprechen und Schreiben, gerade auch das Streiten über die gebaute Umwelt stärkt die Baukultur.

Mit dem von Karl Ganser (IBA EmscherPark) und dem Präsidenten der Bundesarchitektenkammer Peter Conradi vorbereiteten Konvent wurde die Grundlage für eine nationale Stiftung Baukultur gelegt. Die vom Bund unterstützte Schaffung einer solchen zentralen Institution ist ein großer Schritt für die Baukultur in Deutschland. Der Konvent müsse so Ganser „über eine klare Konstruktionslogik verfügen und Kontinuität in der Kommunikation beweisen“. Als Parlament des Konvents arbeiten zukünftig die Experten der Stiftung, sie ermitteln die wichtigsten Themen, die ein Sachverständigenrat dann in Berichten zur Lage der Baukultur untersucht und dem Bundestag vorstellt. Eine Hauptstadt der Baukultur soll ausgerufen, ein Maßsystem für Baukultur entwickelt und, sicher die populärste aller Ideen, ein Schwarz-Weiß-Buch mit positiven und negativen Beispielen herausgegeben werden. Auf welcher Seite wird da wohl Köln auftauchen?

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