Dieser Platz ist ein Skandal!

Es muß etwas positives, herausragendes geschehen.

Curt Hondrich sprach mit Hanns Schaefer

Auf Initiative der „Chargesheimer Gesellschaft“ kam es Anfang Mai 2000 mit dem Vorsitzenden des Kölner Haus- und Grundbesitzervereins, Hanns Schaefer, zu einem Gespräch über den Zustand des Wallrafplatzes und die Gründe, warum eine Neugestaltung des Platzes bisher nicht zustande kam. An dem Gespräch waren neben Hanns Schaefer Gigi Campi und Dieter Pesch, Vorstandsmitglieder der „Chargesheimer Gesellschaft“, und der Journalist Curt Hondrich beteiligt. Hier eine Zusammenfassung von Curt Hondrichs Fragen und den Äußerungen von Hanns Schaefer.

?? Herr Schaefer, was halten Sie von einer Neugestaltung des Wallrafplatzes, wie sie die „Chargesheimer Gesellschaft“ vorgeschlagen hat?

!! Davon bin ich begeistert. Es wurde auch wirklich Zeit, oder allgemein wird es Zeit, dass wir uns um die sogenannten Plätze in Köln kümmern. Denn es gibt in Köln ja gar keine eigentlichen Plätze mehr. Leider Gottes sind sie nach dem Krieg dem Verkehr geopfert worden, und das urbane Leben findet nicht mehr auf Plätzen statt, wie das vor dem Krieg der Fall war. Da gab es in Köln gepflegte, kultivierte, beschauliche Plätze. Die haben wir nicht mehr.

?? Wie ist denn der Zustand des Wallrafplatzes nach Ihrem Eindruck jetzt?

!! Der ist greulich, das ist ein Skandal, möchte ich sagen. Hier ist so vieles versäumt worden. Sehen Sie sich den Flickenteppich an. Sehen Sie sich die Architektur rund um den „Wallrafplatz“ an. Sehen Sie sich die Baulücke an, das schreit doch zum Himmel, dass die noch nicht längst geschlossen ist.

?? Wieso gibt es eigentlich mehr als 50 Jahre nach dem Krieg immer noch solche Baulücken an einem der zentralsten Plätze in Köln?

!! Wir haben in Köln ein Baulückenprogramm aufgelegt, an dem sich auch meine Organisation aktiv beteiligt hat. Durch Gespräche mit Eigentümern ist es mir gelungen, an zwei sehr wichtigen Stellen der Stadt die Baulücken zu schließen. Wenn am Wallrafplatz immer noch zwei Baulücken sind, dann fragt man sich, wer die Eigentümer sind. Wenn das Erbengemeinschaften sind – in einem Fall ist das so -, dann können sie davon ausgehen, dass wir und unsere Kinder und Kindeskinder es nicht mehr erleben, dass sie geschlossen werden. Wenn da 7 Erben sind, dann kommen die nie unter einen Hut. Und hier erwarte ich einfach, dass die Stadt Köln das Schwert aus der Scheide zieht und von den Eigentümern nach dem Baugebot verlangt, sich zu einigen. Sonst muss enteignet werden. Ich bin weiß Gott kein Sozialist, der nach Enteignung schreit. Aber hier verlangen Stadt und Bürger, dass aus städtebaulichen Gründen die Baulücken rund um den Dom geschlossen werden. Das ist unmöglich, dass das so bleiben soll. Hier fordere ich von der Stadtverwaltung Durchsetzungsvermögen und Rückgrat. Dieses Baugesuch gibt es seit Ende des Krieges und es ist in Köln nie angewandt worden.

?? Wie ist es denn mit den Anrainern? Sie haben von den Hausbesitzern gesprochen. Das sind zum Teil ja zugleich auch Geschäftsleute?

!! Ja.

?? Die müßten doch ein Interesse daran haben, dass der Wallrafplatz besser aussieht. Warum ist denn bisher nichts passiert?

!! Ich bedaure natürlich, dass auch in meiner Klientel das Interesse an der Gestaltung der Stadt gleich „Null“ ist.

?? Woran liegt das?

!! An Vielfältigem. Natürlich im Mehrfamilien-Hausbau haben wir Eigentümer es schwer. Aber die Geschäftsleute hier rund um den Dom können nicht sagen, dass sie am Hungertuch nagen. Die sind auch an ihre Sozialpflichtigkeit zu erinnern. Nicht nur die kleinen Hauseigentümer, die in Nippes oder in Sülz ein Mehrfamilienhaus haben, sondern auch und vor allem die, die hier ihr Geld machen. Die haben auch eine Verpflichtung gegenüber der Stadt und ihrer Gestaltung.

?? Aber die Logik ist doch, dass sie das Geld machen, auch ohne dass sie irgendwas für den Platz ausgeben müssen.

!! Das ist richtig. Aber das ist zu bedauern und ist zu kritisieren, und zwar lebhaft zu kritisieren. Ich erwarte mehr Engagement dieser Eigentümer, sich für die positive Gestaltung ihrer Stadt einzusetzen. Und das muß man ihnen vormachen. Die haben doch keine Verluste, wenn sie sich engagieren. Im Gegenteil:

Ist das Ambiente gut, läuft der Laden noch besser. Aber das Problem ist: Kaum ein Eigentümer wohnt noch in seinem Objekt. Die wohnen alle nicht mehr da. Die Ausnahmen können sie an zehn Fingern aufzählen. Becker, Matheisen, Voosen und Rochels auf der Hohe Straße. Wrede, Greve und Lambertin auf dem Wallrafplatz. Die anderen: alles Renditeobjekte. Und die meisten Eigentümer wohnen noch nicht einmal mehr in Köln. Sie wohnen im Ausland oder haben Fonds. Das heißt: sie setzen Verwalter ein. Und die Verwalter interessieren sich überhaupt nicht für den Zustand der Plätze und der Straßen der Stadt. Und es kommt noch hinzu, dass sie die Mieten hochtreiben, indem sie z.B. einen Mieter-Wechsel ausnutzen, um die Mieten anzuheben. Es ist einfach nicht zu begreifen, dass zum Beispiel auf der Hohe-Strasse die höchsten Mieten in Deutschland zu erzielen sind. Das ist ungesund. Das hat zur Folge, dass gute Einzelhandelsgeschäfte verschwinden. Die Verwalter haben ein Interesse an dem Wechsel, weil sie bei jedem Mieterwechsel wieder Provisionen kassieren. Und das ist bedauerlich. Das habe ich 1973 schon als Katastrophe bezeichnet und habe prophezeit, das Niveau der Hohe-Strasse werde weiter sinken. Und es ist ja leider so gekommen.

?? Ist der Wallrafplatz ein Spiegel dieser gesunkenen Kultur der Hohe-Straße?

!! Absolut!

?? Welche Aufgabe hat denn für Sie, Herr Schaefer, ein Platz wie der Wallrafplatz in Köln?

!! Die wichtigste Aufgabe überhaupt: Er ist das Entree der Stadt. Der Fremde kommt aus dem Bahnhof und wird empfangen von einer Reibekuchen-Bude. Und dann kommt er auf den Domvorplatz. Der ist auch nicht allzu bewegend. Und dann kommt er zum Wallrafplatz, dem Beginn der Einkaufsmeile. Und darum muß da etwas Positives, etwas Herausragendes geschehen. Die Kölner meinen immer, wenn ein Baum auf dem Platz steht, dann ist das ein Platz. Das ist natürlich Unsinn, einen Platz nach der Zahl der Bäume zu beurteilen. Auf dem Wallrafplatz ist allerdings ein Baum. Der könnte ja ruhig da stehen bleiben. Das ist eine Art Dorflinde. Die zweitwichtigste Funktion hat der Roncalliplatz. Aber der wird zum Zirkusplatz degradiert. Ich werfe der Stadt vor, dass sie meint, damit Geschäfte machen zu können. Nach dem Motto: „Lebendigkeit ist alles.“ Aber es entsteht nur Unruhe und keine Lebendigkeit. Wie sagt der Kölsche ? „Man kann auch mit einem Reibekuchen eine Treppe ölen.“

?? Herr Schaefer, fehlt in Köln eine städtebauliche Vision?

!! Es fehlt in Köln an Zivilcourage. Genau die scheint die „Chargesheimer Gesellschaft“ zu haben.

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