Die Sinnfrage

Traditionsgemäß widmete sich das letzte BDA-Montagsgespräch im Jahr der Vorstellung junger Architekturbüros.

An diesem Abend gab es passend zur Jahreszeit ziemlich viel Weltanschauung. Die Frage, ob Nachhaltigkeit durch mehr neue Technik oder durch Technikverzicht zu erzielen ist, zog sich als Leitmotiv durch den Abend.

Schlicht, wahr, komplex

Sohrab Zafari vom Atelier Zafari aus Berlin begann mit einem Rundumschlag zur Klima- und Finanzkrise, um dann aber vorzurücken zu der Frage „was braucht man und was braucht man nicht,“ die er am eigenen Architekten-Leib zu beantworten suchte. Zwei Jahre lebte er mit seiner Frau und zwei kleinen Kindern auf 56 qm. Ein Kamin heizte die gesamte Wohnung, Podeste dienten als Abstellfläche, die Bettflächen entwickeln sich aus der Architektur, so dass außer Regal, Tisch, Sofa und Stühlen keine Möbel gebraucht wurden. „Wir wollten back to the roots, aber nicht im Mief“, so Zafari.

Noch tiefer in die Sinnfrage führte Jörn Köppler von Köppler Türk Architekten aus Berlin. Als Ausgangspunkt für einen Entwurf zum Umbau der Prinz Eugen Kaserne in München Bogenhausen diente nichts weniger als die Idealstadt der Renaissance, Pienza. An die Stelle der Kirche als ideelles Zentrum allerdings tritt die Natur: „… denn Wahrheit ist Wirklichkeit und Wirklichkeit ist Natur.“

Jung Stadtkonzepte aus Köln begleiten Modellprojekte der Stadtentwicklung und Energiewirtschaft. Stadtplanung im herkömmlichen Sinne hat ihrer Meinung nach ausgedient, Projektentwicklung muss an diese Stelle treten. Auch beschäftigt sie die kniffelige Frage, wie von Ökonomen zusammengetragenes Datenmaterial Eingang in die Stadtentwicklung finden kann. Armin Jung nannte als Beispiel ein Projekt mit den Stadtwerken und der Stadt Herten zur Entwicklung neuer Siedlungen und für das kommunale Klimakonzept. Hierbei spielen Strukturen einer ganzen Region mit hinein oder sind mit betroffen.

Intelligent und reduziert

Stand bei seinem Vorredner Moderation und Prozessbegleitung im Vordergrund, so beschäftigt Axel Ritter aus Bad Neuenahr-Ahrweiler das Thema Nachhaltigkeit in Hinblick auf Baumaterialien. Smart materials sind solche, die durch externe Stimuli ihre Eigenschaften ändern. Diese Reaktionsfähigkeit kann unterschiedlichste Effekte etwa in der Schadstoffreduzierung, Beleuchtung, Klimatisierung oder Isolierung erzielen, ganz ohne oder mit nur geringer Energiezugabe. Dass ein Gebäude reagiert, kann nach Ritters Meinung sogar als künstlerischer Prozess angesehen werden.

Mehr und neuere Technik – dieser Forderung wiedersprach Michael Doering aus Köln, der das Aachener Mogam vorstellte. Auf einem Brandwandgrundstück gegenüber dem zentralen Campus entstand ein Gebäude mit 180 Internetarbeitsplätzen. Sichtbeton, Glas und PVC-Folie sind die Materialien, das Raumklima wird weitgehend durch die statische Masse bestimmt, Additionen wurden vermieden – das Logo beispielsweise ist in den Beton eingeschrieben. „Es durfte ja alles nichts kosten, und das war ganz gut so“, sagte Doering. Mogam ist das Familienmotto des koreanischen Stifters Young-Sup Huh: die Erde zum Blühen bringen.

Kompostierbar, konstruiert und betroffen

Rückbau ohne ökologischen Fußabtritt ist das Anliegen von partnerundpartner mit Büros in Berlin und im Schwarzwald. Für die Madrider Buchmesse entwarfen sie einen Pavillon, dessen Tragwerk und raumbildende Struktur aus Astabschnitten, Hanfseilen und Buchendübel besteht und 100 % kompostierbar ist. Derartige Projekte dienen als Experimentierfeld für die „normale“ Architektur des Büros.

Unter dem Titel „Komplexität konstruieren“ spann Rüdiger Karzel von bk2architektur aus Köln einen Bogen von Materialsystemen über geometrische Gebilde bis zu Produktionstechnologien und dem Thema Nachhaltigkeit. Der Solar Elevation Tower war ein Wettbewerbsbeitrag zur Entwicklung eines energieautarken Aussichtsturmes eines Parks in Dubai.

sh8 architekten aus Köln schließlich realisieren als betroffene Eltern die schlechte Verfassung historisch bedeutsamer Schulgebäude in Köln. Das Architektenpaar beließ es dabei, den großen Bedarf an Moderation und Prozessbegleitung festzustellen.

Vom Veranstalter gefordert waren „ dialogfähige Beiträge“ – aber genau das, der Dialog, fiel wieder einmal der Sperrstunde zum Opfer. Sieben Minuten waren jedem Beitrag reserviert, und hätten die Organisatoren diesen Zeitplan durchgezogen, so wäre der im Anschluss an jeden Vortrag versprochene Meinungsaustausch zumindest in Kürze auch möglich gewesen. Der Abend endete aber mit einer kurzen Statement-Runde der Vortragenden zum Thema „Netzwerk“, und das Publikum musste Fragen oder Kommentare in den kalten Abend mit hinaus nehmen. Und so blieb den jungen Architekten bei allem Aufwand gerade das verwehrt, was sie mit ihren Vorträgen doch wohl erzielen wollten, nämlich die Reaktionen des Publikums.

Ira Scheibe

Sohrab Zafari probte an sich selbst das Prinzip „Minimum ist Maximum“ und lebte zwei Jahre mit seiner Familie in einem ehemaligen Einraum-Atelier mit Nordfenster.

Fotograf: Sohrab Zafari

partnerundpartner, Berlin / Schwarzwald, realisierte einen Kiosk im Buga-Park Potsdam als Simple-Tec Konstruktion aus einem Weidentragwerk.

Fotograf: Stefan Günther

Axel Ritter „macht“ in smart materials: Eine spezielle, durch Tageslicht und LEDs geladene Folie leuchtet nachts nach. Das Licht wird über light tubes in die Gebäudehülle geleitet.

Fotograf: Axel Ritter

Mogam von Nikolic + Doering bietet Computer-Arbeitsplätze in Aachen. Mit dem baulichen Prinzip der Reduzierung ist ein Nerv bei den Studenten getroffen, sie „kapieren“ das Gebäude.

Fotograf: Jörg Hempel (www.joerg-hempel.com)

Im Aufwindschacht des Solar Elevation Tower von bk2architektur sollte der thermische Sog einen Generator antreiben, der den Turm mit Energie versorgt.

Perspektive von Frank Nilles, Darmstadt

Schreibe einen Kommentar