„Keine Käseglocke“

Interview mit Dr. Renate Kaymer, der neuen Stadtkonservatorin von Köln

Seit 1912 – und damit länger als in jeder anderen deutschen Stadt – gibt es in Köln das Amt des Stadtkonservators. Dr. Renate Kaymer, die frühere Stadtbaudirektorin von Stolberg, ist – als Nachfolgerin von Dr. Ulrich Krings – die neue Stadtkonservatorin von Köln. Ihre Behörde verwaltet nahezu 10.000 Baudenkmale aus allen Epochen der mehr als 2000jährigen Stadtgeschichte.

Frau Kaymer, warum stellt man alte Gebäude überhaupt unter Schutz?

Wir schauen in die Vergangenheit, um die Gegenwart, und damit den eigenen Standort zu bestimmen aber auch, um eine Perspektive für die Zukunft zu haben. Damit haben wir bauliche Zeugnisse unserer Geschichte, die wir als Erbe an nachfolgende Generationen weiterreichen.

Wie sollte die Gegenwart mit der Vergangenheit umgehen? An welchem Ideal orientiert sich die konservatorische Arbeit? Geht es um eine möglichst präzise Rekonstruktion eines Originalzustandes, oder bewahrt man das Objekt mit allen seinen historischen Spuren nur vor einem verändernden Zugriff?

Die Rekonstruktion ist ein Sonderfall. Die möglichst originale Rekonstruktion, wie etwa im Falle der Frauenkirche in Dresden, hat eine emotionale Signalwirkung, die nur vor dem Hintergrund der Wende verständlich wird. In Köln ist die Rekonstruktion eine absolute Ausnahme. Es muss in der Regel möglich sein, aus der heutigen Zeit heraus eine Form zu finden, die verantwortungsbewusst mit dem Alten umgeht und dem Gebäude eine nachhaltige Nutzung garantiert. Wir sind dabei bemüht, dem Gebäude auch einen Wandel zuzugestehen. Das Gebäude sollte seine Geschichte erzählen können. Kriegsschäden können beispielsweise stehen bleiben, der Wiederaufbau soll sichtbar werden, etwa dadurch, dass ein Fassadenteil in ein neueres größeres integriert wird. Mit dem ,Stehen lassen’ der Plombe am Kölner Dom hätte ich keine Probleme gehabt. Das ist ein Zeichen der Geschichte. Wir wollen verständlich machen was geschehen ist.

Wie würden Sie die Werte beschreiben, die es zu bewahren gilt?

In Köln gibt es eine Fülle historischer Bauten, die das individuelle Stadtbild prägen. Unsere Aufgabe ist die Beantwortung der schwierigen Frage, was des ,Pudels Kern’ ist: Wo steckt der Wert, was können wir ändern, ohne ihn zu verlieren. Das ist ein ständiger Prozess: Stadtentwicklung passt sich auch den sich ständig verändernden Ansprüchen der Bürger an. Geht es beispielsweise um einen Anbau an ein Denkmal: Was mach ich mit dem Anbau? Hier lautet mein Credo: Nicht historisierend, sondern in der heutigen Sprache bleiben. Das historische Stadtbild muss ablesbar bleiben. Wir müssen sehen können wie diese Stadt entstanden ist. Die einzelnen Gründungsphasen müssen im Stadtbild festgehalten sein. Damit nach uns kommende Generationen sehen wie es einmal war.

Was wird bewahrt, wie erfolgt die Auswahl?

Es geht dabei nicht um Ästhetik, um Gefallen oder Nichtgefallen, es geht darum, herauszukristallisieren was typisch ist für die Zeit. Wir müssen analysieren, was wichtig für das Allgemeinwohl ist, welches Gebäude als Erbe für nachfolgende Generationen eine besondere Stellung einnimmt. Es gibt aber nicht nur die baugeschichtliche Ebene, es gibt auch die emotionale Ebene. Man muss ein Gefühl für die Altbausubstanz bekommen und dieses Feeling wollen wir beim Eigentümer entwickeln.

Im Tagesgeschäft ist Denkmalschutz ein bunter Gemischtwarenladen und die Denkmalliste ist nicht abschließend. Das ist mal die Villa, das Wegekreuz, oder z.B. die Forts, die gesamte Palette, die halt in der Stadt anzutreffen sind und sie ausmachen. Das finde ich das Interessante an der Denkmalpflege. Es wäre langweilig, wenn es nur um die Filetstücke ginge.

Ist es nicht auch eine Gefahr des konservatorischen Geschäfts, dass die Gegenwart in den Spiegel der Vergangenheit schaut mit dem Wunsch sich bestätigen zu lassen?

Nein, es geht keineswegs um eine Selbstbestätigung, sondern man muss als Denkmalpfleger immer wieder seine eigene zeitgeschichtliche Befangenheit analysieren.

Wie kann man sich dabei die Einflussmöglichkeiten Ihres Amtes vorstellen?

Haben Sie dabei neben der beratenden Funktion auch Instrumente direkter Einflussnahme?

In erster Linie beraten wir die Eigentümer. Wir sind aber auch eine Sonderordnungsbehörde. Dieses schlimme Wort bedeutet, dass der Schutz der Denkmäler eine Pflichtaufgabe des Staates ist. Denkmäler, die wichtig für das Allgemeinwohl und, für unser kulturelles Erbe sind und eine besondere Bedeutung für nachfolgende Generationen haben, werden unter Schutz gestellt. Alle Änderungen unterliegen dann der Erlaubnispflicht gemäß dem Denkmalschutzgesetz.

Und wenn der Eigentümer nicht mitspielt?

Wenn die Merkmale eines Denkmals vorhanden sind ,der Eigentümer aber nicht will, dann ist die Schutzfunktion höherrangig als das Einzelinteresse des Bauherrn. Das klingt aber schlimmer als es tatsächlich ist. Über den Bau stülpen wir keine Käseglocke. Da muss man sich miteinander einem Kompromiss annähern, und dafür geben wir genügend Spielraum. Wir empfehlen dem Eigentümer stets schon zu einem möglichst frühen Zeitpunkt der Planung, zu uns zu kommen, möglichst schon im Vorentwurfsstadium.

Die größten Komplikationen gibt es erfahrungsgemäß nicht mit privaten Eigentümern, sie entstehen dort, wo es sich um städtisches Eigentum handelt. Wie werden Sie Ihre Position im innerstädtischen Konflikt stärken?

Genauso wie bei privaten Eigentümer, es gilt das Gleichbehandlungsprinzip.

Städtische Objekte gelten vielfach als Vorbilder, das muss immer wieder allen Beteiligten verdeutlicht werden.

Wie läuft das Verfahren ab, wenn ein Gebäude unter Denkmalsschutz gestellt wird?

Die gesetzliche Grundlage ist das Denkmalschutzgesetz. Dieses schreibt ein zweistufiges Verfahren vor: Zunächst die Erfassung, sprich die Inventarisation ,es folgt das Verfahren der Unterschutzstellung des Einzeldenkmals, des Ensembles, beweglicher Objekte oder ganzer Denkmalbereiche wie Straßenzüge und Plätze.

Wenn dann der Rechtstatus eines Denkmals etabliert ist, setzt die praktische Denkmalpflege

ein, nämlich dann, wenn etwa vom Eigentümer Änderungen geplant sind. Dann geben wir eine Bauberatung und erteilen die Erlaubnis nach § 9, die sog. 9er-Erlaubnis.

Konservatorische Anstrengungen kosten Geld. Angesichts der Ebbe in den öffentlichen Kassen: Inwieweit sind Ihre Handlungsspielräume enger geworden?

Tatsächlich können wir immer seltener mit dem goldenen Zügel lenken. Die Beihilfe – in der Regel eine Mischfinanzierung aus Landes- und kommunalen Mitteln – wird zunehmend schwieriger. Doch es gibt neben der direkten auch die indirekte Förderung die steuerliche Abschreibung.

Das konservatorische Interesse an einem Gebäude ist in der Regel nicht das einzige. Wie stehen Sie zu Umnutzungen, wie zu Weiterbauten?

Umnutzungen und Weiterbauten müssen möglich sein. Konservieren heißt wie gesagt nicht Käseglocke über das Objekt und es heißt nicht, dass die Eigentümer in Holzpantinen gesteckt werden und Hafergrütze schlürfen müssen. Wir haben in der heutigen Zeit ein sich wandelndes Anforderungsprofil, und da sage ich ,wir sind offen’ und finden meist eine Lösung.

Ab welchem Alter kann ein Gebäude geschützt werden? Ab wann ist ein Gebäude historisch? Gibt es eine feste zeitliche Grenze?

Es kann sehr zeitnah sein aber ein Gebäude muss natürlich fertig hergestellt sein. Sonst gibt es keine zeitlichen Vorgaben. Denken Sie etwa an das Klinikum in Aachen, das schon unter Schutz steht. Ein bisschen zeitliche Distanz ist allerdings erforderlich, um die Wertigkeit richtig einschätzen zu können.

Was möchten Sie konservieren? Gibt es für Sie in Köln Favoriten?

Lieblingsstandort ist für mich die Schäl Sick, wo ich das Filetstück, die Altstadt sehen kann. Aber ich bin nicht fixiert auf einen Gebäudetyp oder eine Epoche. Gerade die Abwechslung find ich schön.

Eine persönliche Frage: Wie wird man Stadtkonservatorin?

Ich bin nicht als Stadtkonservatorin auf die Welt gekommen. Ich habe Architektur mit dem Schwerpunkt Stadtplanung studiert und in Stadtbaugeschichte promoviert. Im Anschluss habe ich die zweite Große Staatsprüfung in Hochbau gemacht. In meiner beruflichen Tätigkeit hatte ich mit Stadtplanung, Sanierung und Denkmalpflege zu tun und habe gesehen, wie wichtig die Verzahnung ist,. Dann kam der Glücksfall, die Ausschreibung in Köln. Das man mir den Zuschlag erteilt hat finde ich gut.

Eine unumgängliche Frage: Kommen Sie mit der Kölner Mentalität und mit der angeblichen Kölner Art Politik zu machen gut zurecht?

Wer kommt denn mit Kölnern nicht zurecht? Ich bin sehr offen aufgenommen worden. Und das, obwohl ich in Aachen geboren wurde. Das soll aus Kölner Sicht ja schon eine Küstenstadt sein.

Axel Joerss

Dr. Renate Kaymer

1 Kommentar

Sollten sich die Begebenheiten tatsächlich so als Wahrheit herausstellen, wie es im Spiegel-Online Artikel dargestellt wurde, dann wäre es in der Tat skandalös.

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