Zwischen Festung und Zelt

Shigeru Bans Werkbericht im Kunstverein Köln

Für Shigeru Ban muss der Bau eines Hauses kein Lebensprojekt sein. Er sieht eine Welt voller „leichter“ Baustoffe. So verschiebt er das „schwere“ Projekt Bauen in Richtung Zeltaufschlagen. Davon profitieren auch Flüchtlinge und Menschen in Erdbebengebieten.

Wie koche ich ein Drei-Gänge-Menü, wenn ich nur die Zutaten verwenden kann, die in einer nachts geöffneten Tankstelle verfügbar sind? Wie baue ich als Obdachloser im Winter eine isolierte Überlebenszelle für eine Nacht, wenn mir dazu nur städtischer Müll zur Verfügung steht? Oder, allgemeiner: Wie erweitere ich mit findigen Antworten auf ungestellte Fragen eine Welt, die von Standardfragen begrenzt und konfektioniert ist? Drei mögliche Fragen, die eine Freude sind für einen beweglichen Geist.

Wie dieser japanische Stararchitekt da zum Pult schlurft lässt nichts von seinem Popstatus ahnen, den er zweifellos besitzt. Das beweist auch sein Kölner Publikum, das – sehr dezent, sehr gutaussehend – eine aufwendige Selbstinszenierung zur Schau stellt. Shigeru Bans Habitus bildet dazu einen merklichen Kontrast. Seine Art zu sprechen, eher nuschelig, sein Englisch eingefärbt von diesem Akzent, mit dem Asiaten diese Sprache halt einfärben. Dieser Japaner macht in den ersten zwanzig Minuten keinen einzigen Witz. Und als sie dann kommen sind sie very english. Eigentlich hält er keinen Vortrag, er zählt beschreibend einige seiner Projekte auf, ohne jede theoretische Ambition, so als gäbe es keinen Mehrwert. „Next please“ beendet er jede kurze Beschreibung, das nächste Lichtbild fordernd.

Ironische und konzeptionelle Projekte wie das „Curtain Wall House“, bei dem die über zwei Stockwerke reichende Gardine außerhalb des Gebäudes angebracht ist, oder einem ganzen Gebäudekomplex, das er um eine bestehende Baumgruppe herum baute, das Haus, dessen Innenwände sich alle verschieben lassen und Häuser, in denen sich „home-boxes“, das sind Räume in Räumen, auf Rollen bewegen lassen, oder sein eigenes temporäres Architekturbüro, das er wie ein Nest oben in das Centre Pompidou setzte …

paper-honeycombs

Sihergu Ban ist bei uns aber vor allem durch den mittlerweile recycelten japanischen Pavillon auf der Expo 2000 in Hannover in Erinnerung. Der war (fast nur) aus Papier. Als junger Architekt hatte er ein Material gesucht, das leicht ist, belast- und recycelbar, preiswert und trotzdem ästhetisch spektakuläre Lösungen ermöglicht. Seither benutzt er immer wieder Papier, oft in Form von Pappröhren – einem industriell hergestellten Standardmaterial. Aber auch andere „schwache“, billige Materialien, die als Massenprodukte vorliegen, aber nicht als Baumaterialien gelten und sogar aus Abfallstoffen.

So baute er das „Furniture House“ aus vorgefertigten Schrankmodulen, er baute eine Bücherei aus Papier, er ordnete Karton-Verbundplatten zu einer Wabenstruktur und benutzte diese hochfesten „paper-honeycombs“ für Dachkonstruktionen, er verwendete in Beutel gefüllte Luftpolsterfolie zur Wärmedämmung in einem lichtdurchlässigen Gebäude, setzte Holz für den Feuerschutz ein, entwickelte eine gitterförmige Struktur aus 1,60 Meter langem Bambus-Laminat, wie es als Fertigprodukt auf dem Markt vorhanden ist und baute daraus die freitragende Konstruktion einer großen Sporthalle.

Seine Fähigkeit, leicht zugängliche Materialien konstruktiv zu verwenden, prädestinierte ihn auch dazu, Notunterkünfte in Katastrophengebieten zu bauen, 1995 in Kobe etwa, wo er eine tragende, mit Kabelbindern verbundene Konstruktion aus Pappröhren mit Folie überspannte, in Ruanda oder in der Türkei. Dort waren es mit Erde gefüllte Bierkästen, die das Fundament bildeten, das Dach diesmal mit Plastikplanen japanischer Baufirmen bespannt. Die hatte er geschenkt bekommen, weil er die Baufirmen mit dem Argument überzeugte, ihre Firmenlogos würden in den Katastrophengebieten von CNN werbewirksam in Szene gesetzt. Seither, sagt er, bekommt er nach jeder Katastrophe ein Fax vom Flüchtlingskommissar der UN.

Es kann sein, dass Planungsverfahren mittlerweile so viele Ressourcen verbrauchen, dass sich der Blick dabei verengt – so wird es schwer in architektonische Lösungen ganz andere Gedanken einfließen zu lassen. Was bei Shigeru Ban dagegen aufscheint, ist das Ideal einer planerischen Haltung. Sie sieht vom engen Korsett der Planungs- und Genehmigungsverfahren ab und (er)findet die Lösungen vom Problem aus. Dazu gehört unter anderem, dass der Gebrauchswert eines Materials offensichtlich nur von der Einbildungskraft desjenigen begrenzt ist, der sie verwendet, dazu gehört es, neue Verbündete zu finden, die Medien für sich arbeiten zu lassen und der Mut zu minimalistischen Lösungen …

Später, auf dem Nachhauseweg, ist der Rezensent angestiftet. Eine jugendliche Planungsfreude und Bastellust überkommt ihn: Selber bauen ohne nennenswertes Budget, warum nicht? „Wo finde ich das Loch im Genehmigungsverfahren? Es sollten doch flüchtige Bauten denkbar sein für die kommenden Jahre, in denen wir immer flexibler werden müssen und immer weniger Geld haben werden.“ Doch erst mal an der Tankstelle halten, vielleicht gibt´s noch die Möglichkeit zu einem Aral-Sushi …

Axel Joerss

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Shigeru Ban im Kunstverein Köln

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Die tragende Struktur für den japanischen Pavillon auf der Expo 2000 aus Papprohren und Kabelbindern.

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Notunterkunft für türkische Erdbebenopfer aus Bierkästen und Papprohren.

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