Ausstellungsansicht Arp Museum, Malachi Farrell, Nothing stops a New Yorker, 2005 Foto: Mick Vincenz

Türme im Arp Museum

Der Mensch möchte bauen, selbst die kleinen Menschen möchte schon Türme bauen, größer als sie selbst, um mit ihnen zu wachsen, sich über andere zu erheben. Die wiederum sollen dann im Schatten stehen, der umso länger ist, je höher der Turm ist. So wird der Turm zum Symbol für Macht und (der reinen Form geschuldet: männlicher) Potenz. Rapunzel und die Heilige Barbara litten im Turm, und weil nur Märchen immer gut ausgehen, wurde die eine zur glücklichen Braut, die andere zur Märtyrerin. Kirchtürme suggerieren einen Zugang zum Himmel, doch wer zu hoch baut und Gott damit zu nahe kommt, den straft er, wie Babel zeigte.

Das Arp Museum Rolandseck, von Richard Meier als postmoderner Burgfried in den Hang gebaut, lässt Künstler in der Ausstellung Rapunzel & Co von Türmen und Menschen in der Kunst erzählen. Gezeigt werden somit zwar architektonische Skulpturen, die sich bis in den Grenzbereich des klassischen Modellbaus vorwagen, aber keine Architektur.

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Links: Heilige Barbara, Schwäbisch, 1420–30,Lindenholz, gefasst, Courtesy LVR-LandesMuseum Bonn
Foto: Astrid Frenkel © LVR-LandesMuseum Bonn
Rechts: Hans Arp Turmmensch Trier, 1961, Arp Museum Bahnhof Rolandseck
Foto: Mick Vincenz © VG Bild-Kunst Bonn 2014

 

Alte Geschichten neu erzählt

Der Turmmensch Trier von Hans Arp, die Heilige Barbara eine Lindenholz-Skulptur aus dem 15. Jahrhundert und das Ölgemälde Turmbau zu Babel von Jan Breughel d.J. eröffnen die Ausstellung. Türme stehen für Macht, Wahn, Vision, so fasst es der Untertitel zusammen, und immer wieder werden die 40 Beiträge zeitgenössischer internationaler Künstler um diese darum kreisen. Als Besucher fühlt man sich mittendrin, mal klein, mal groß, umgeben von Hochgerecktem, Gestapeltem und Gestrecktem, Menschlichem, Abstraktem und Konkretem. Die Maßstabslosigkeit, in der die Künstler arbeiten, macht alles möglich, für sie ist Stabilität nicht Notwendigkeit, sondern Spiel, Zerstörung genauso Programm wie Aufbau.

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Ausstellungsnasichten: Links: Tony Cragg, Minster. Rechts: Annette Streyl, Funkturm Berlin Fotos: Uta Winterhager

 

Tony Craggs Minster, spitz zulaufende Türme aus bis zu 4 m hoch gestapelten Scheiben unterschiedlichster Herkunft sind so schön, so simpel und einzigartig, dass das Architektenherz höher schlägt. Annette Streyl hat den Fernsehturm Berlin gestrickt. Gleich zweimal ist er in der Ausstellung zusehen, einmal mit Drahtgerüst von der Decke abgehängt, einmal nur die schlaffe Hülle um eine Stange gewickelt. Genuin weibliches Handwerk konterkariert die Idee männlicher Standhaftigkeit und Größe. Davon unbeeindruckt hält sich Paul McCarthy Stainless Steel Butt Plugg, dem seine schiere Größe und alles spiegelnde Oberfläche jegliche Privatheit absprechen.
Mit Mies van der Rohe Melting trifft Erwin Wurm die Architekten an ihrer Achillesferse. Er hat das Seagram Building angeschmolzen und gibt die entstellte Ikone mit ihrem nun plumpen Fuß der Lächerlichkeit preis. Ein seltsam hässliches Gummiding ist es, das unwillkürliche Schaulust weckt und heimliche Freude an der inszenierten Zerstörung.

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Ràul Ortega Ayala Babel Fat Tower, 2010 Courtesy Der Künstler und Rokeby Gallery
Foto: Roberto Rubalcava © Ràul Ortega Ayala

 

Es ist das Privileg der Künstler, dass ihr Schaffen eben auch destruktiv sein kann, um im Kaputten Neues entstehen zu lassen. So baute Rául Ortega Ayala seinen Babel Fat Tower nur, um ihn im Scheinwerferlicht der Ausstellung über Wochen schmelzen lassen. Das elfenbeinfarbene Gebilde, das Breughels gemalter Architektur unverkennbar nachempfunden wurde, wird also viele Gestalten annehmen, während es sich auflöst. Der Künstler, gottgleich, hat den Prozess der Zerstörung angeordnet und überlässt die Konsequenzen nun anderen.

 

Das letzte Kapitel

Fast unumgänglich scheint die Thematisierung der Terroranschläge des 11. September 2001. In Malachi Farrells Installation Nothing stops a New Yorker erheben sich seltsam anmutende Mischwesen aus Mensch und Wolkenkratzer aus einem Berg von Kartons und Pappe. Simple Konstruktionen mit sinnlos rotierenden Armen, die einer zu nehmend bedrohlichen Geräuschkulisse von Fitnessstudiokommandos bis zu den O-Tönen der Terroranschläge auf das World-Trade-Center ausgesetzt sind. Berührt und irritiert verlässt man das Kabinett dieses Projektes und läuft in einen Wald aus leise schwingenden Turmaten von Bettina Bürkle und Klaus Illi. Türme, Bäume, Phalli – wenn das Gebläse aussetzt, fallen die ballonseidenen Objekte lautlos in sich zusammen.
Die unendliche Freiheit, die der künstlerischen Beschäftigung mit dem Turmbau innewohnt, führt, so zeigt es die Ausstellung, dazu, alles in Frage zu stellen und gegebenenfalls zu zerstören. Wenn Architekten bauen, dürfen sie keine Frage stellen, sie müssen immer eine Antwort geben.

Uta Winterhager

Die Ausstellung „Macht, Wahn, Vision. Rapunzel & Co., Von Menschen und Türmen in der Kunst“ läuft bis 31. August 2014 im Arp Museum Bahnhof Rolandseck.

 

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Leise schwingen die Turmaten von Bettina Bürkle und Klaus Illi.

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