Paul Böhm © Elke Wetzig

Im Gespräch mit Paul Böhm über die Kölner Zentralmoschee

Herr Böhm, wie geht es Ihnen heute, wenn Sie die Moschee sehen?

PB: Eigentlich ziemlich gut, danke. Wir haben viel erreicht, sodass ich die Moschee heute an dieser Stelle als eine Bereicherung empfinde. Sicherlich, wenn man etwas plant und es wird dann nicht exakt so, bleibt eine gewisse Unzufriedenheit.

Sie haben einmal gesagt, eine stimmige Architektur erreiche man nicht durch Kompromisse. Aber so ohne Kompromisse ging es doch nicht?

PB: Diesen Satz habe ich wahrscheinlich im Zusammenhang mit der Diskussion über die Höhe der Minarette gesagt. Damals baten Politiker darum, mit der Höhe der Minarette wenigstens einen Meter runterzugehen. Ich habe dann argumentiert, dass es um städtebauliche Qualität geht und die erreicht man nur durch konsequente Durchformulierung der Form und nicht durch Kompromisse. Da der Innenraum nie unser Planungsauftrag gewesen ist, hatten wir dort auch keine Handhabe, konnten also noch nicht einmal Kompromisse machen.

Sie haben viel Erfahrung aus dem Bau katholischer Kirchen, nicht zuletzt deswegen waren Sie einer der gesetzten Teilnehmer des Wettbewerbs. Aber wie lernt man als katholischer Kölner Architekt, wie man eine Moschee baut?

PB: Ja, wie lernt man, wie man ein Krankenhaus baut? Man hat einiges gesehen, Erfahrungswerte, dann studiert man ein wenig die Literatur und beschäftigt sich zumindest damit. Auf der anderen Seite kann man ein neues Thema auch relativ frei und unbelastet angehen. Ein bisschen haben wir auch darauf vertraut, dass Gläubigen – egal welcher Glaubensrichtung – ähnliche Bedürfnisse und Empfindungen an einen Gebetsraum knüpfen. Ich denke, dass ich ein gesundes Empfinden dafür habe, wie ich an eine Planungsaufgabe herangehen muss, egal ob das nun eine Schule, eine Kirche oder eine Moschee ist.

Kohlezeichnung der Kuppelschalen © Architekturbüro Paul Böhm

 

Wie findet man für eine türkische Moschee in Deutschland Bilder oder Gesten, die von beiden Kulturen gelesen werden können?

PB: Wie man einen sakralen Raum formt, hat viel mit dem Empfinden von Licht, Material und Raum zu tun. Die Ausschreibung ließ zum Beispiel die Frage nach der Kuppel offen, wenn ich mich recht erinnere – wir entschieden uns dafür. Eine Kuppel ist ja zunächst einmal nichts Orientalisches, auch die katholische Kirche hat viele Kuppeln gebaut und damit besondere Orte in der Stadt markiert. Die Formensprache der Minarette ist sicherlich nicht mit der unserer Kirchtürme vergleichbar. Sie sind das Element, das den Bau am stärksten als einen muslimischen Gebetsraum kennzeichnet.

Während einer Führung, die ich kürzlich besucht habe, wurden die Schalen der Kuppel als schützende Hände erklärt, die ganze Anlage als geöffnete Arme.

PB: Ich kann das sehr gut nachvollziehen. Dass die Schalen, die sich über dem Gebetsraum wölben, ein Gefühl von Geborgenheit erzeugen, ist sicherlich etwas, das wir versucht haben. Ob das jetzt schützende Hände sind oder Rosenblätter, es lässt sich dort vieles hineininterpretieren. Wir alle haben Bilder im Kopf und die spielen bei allem, was wir machen, eine Rolle. Aber ich habe mich nicht hingesetzt und gesagt, ich will jetzt ein Tulpenblatt zeichnen. Irgendetwas nachzuahmen funktioniert nie, das muss ich auch meinen Studenten immer wieder sagen.

Modell mit umgeplantem Sockel. Die acht Schalen der Kuppel bilden in ihrer Mitte ein Kreuz. Eine bildneutrale Formation ließ sich aus sechs Schalen bilden. © Foto: Uta Winterhager

 

Was hat der öffentliche Diskurs an baulichen Änderungen gefordert?

PB: Nach dem Wettbewerb wurde der Gebetsraum umgeformt und ist nun viel stärker geöffnet. Ursprünglich hatten wir nicht sechs Schalen, sondern acht, was dazu führte, dass sich in dem mittleren Bereich ein Kreuz abgebildet hat. Uns wurde zum Vorwurf gemacht, dass wir da heimlich christliche Symbole einführen wollten, also mussten wir umplanen. Das war aber auch das einzige Mal, wo wir wirklich gesagt bekommen haben, dass es nicht anders geht. Aus Kostengründen wurde in den unteren Etagen, auch um den Konferenzbereich viel verändert, auch das Hamam wurde fallen gelassen. Die runde Form der Minarette war keine Forderung. Als sich der Gebetsraum in diese Schalen aufgelöst hat, verwandelten sich nach einer langen Diskussion und vielen Versuchen auch die Minarette. Das war aber kein Kompromiss, sondern ein Entwurfsprozess, eine Verbesserung. Ich finde das gebaute Ergebnis viel besser als den Wettbewerbsbeitrag. Ein Wettbewerbsbeitrag kann immer nur die Basis für die Möglichkeiten der weiteren Entwicklung darstellen. Das wird häufig missverstanden. Nicht ganz zu unrecht, oft wird ja im Nachhinein vieles verschlimmbessert.

Sehen Sie denn den Bau der Moschee als exemplarisch für zukünftigen Moscheebau in Deutschland? Oder ist das, was sich hier entwickelt hat, eine Kölsche Moschee?

PB: Dieser Bau ist genau an diesem Ort entstanden. Ich wünsche mir aber schon, dass er dazu anregt, den noch sehr traditionsbehafteten Moscheebau in Deutschland zu entwickeln. Wir haben letztes oder vorletztes Jahr an einem Wettbewerb in Leipzig teilgenommen. Der Entwurf ist natürlich völlig anders.

Die Kölner Moschee wurde schon sehr früh von den Medien zum Meilenstein der Integration gemacht. Kann Architektur das überhaupt leisten? Wurde der Moschee damit nicht zu viel zugemutet?

PB: Unserem Bau wurde auf jeden Fall viel zugemutet. Allerdings denke ich, dass wir als Architekten hier Verantwortung tragen. Der Moscheebau ist sicherlich ein Beispiel dafür, dass Architektur auch gesellschaftlich relevant sein kann und sich vielleicht auch mit dem Wandel der Gesellschaft bewegen kann. Ganz toll wäre es, wenn er diesen Wandel mitgestalten kann. Der Moscheebau ist sicherlich ein Beispiel dafür, dass Architektur auch gesellschaftlich relevant sein kann. Wir können allerdings natürlich nur Angebote machen und unsere baulichen Strukturen so ausbilden, dass sie z. B. Offenheit ausstrahlen. Aber wir können nichts erzwingen. Bis zum Schluss haben wir uns dafür eingesetzt, dass Männer und Frauen die gleichen Eingänge benutzen und zusammen beten. Ich habe mir aber immer gedacht, dass auch ein so traditionell in der Tradition verankertes Thema sich wandeln kann. Die Eingänge werden nun gemeinsam genutzt und es hat sich nun sogar ergeben, dass die Frauengalerie zu klein geworden ist und nun überlegt wird auf der Hauptebene weitere Bereiche für Frauen anzubieten.

Paul Böhm während der der Pressekonferenz im März 2012 © Foto Uta Winterhager

 

Wann hatten Sie denn das erste Mal das Gefühl, dass mit der DITIB nicht gut läuft?

PB: Diplomatisch ausgedrückt, haben wir immer intensive Diskussionen geführt. Aber als im Frühjahr 2011 der Gutachter erschien und die DITIB die Zahlungen an uns eingestellt hat, hatte ich da Gefühl, dass es nicht mehr gut läuft.

Es ist aber schon ungewöhnlich, wenn man als Architekt plötzlich mit seinem Namen und seiner Person im Mittelpunkt einer bundesweit geführten Diskussion steht, in der es im weit mehr als um Baukultur geht.

PB: Das hatte ich, ehrlich gesagt, so auch nicht erwartet. Im Nachgang fand ich es aber auch spannend, dass die Integrations-Diskussion plötzlich viel stärker geführt wurde und die Kölner gemerkt haben, dass unter ihnen gut 150.000 Muslime leben. Wie gehen wir damit um? Was ist deren Glück und deren Leid hier bei uns und mit uns? Was ist unser Problem, oder haben wir überhaupt ein Problem? Das fand ich schon toll.

Was war Ihre Motivation, trotz der Schwierigkeiten weiterzumachen?

PB: Ich wollte dieses Gebäude zu Ende bauen. Ich wollte es bis zum Ende begleiten.

Für wen?

PB: Auch wenn uns von Bauherrenseite schwerwiegende Vorwürfe gemacht wurden, haben mir viele türkische Mitbürger Mut zum Durchhalten zugesprochen, sie fänden es toll, was da entstanden sei. Das hat mich ermutigt zu sagen, ich habe das von Anfang an für euch gemacht, nicht für irgendeinen Verein. Ich habe das für die Leute hier in Köln gemacht und von denen habe ich auch immer großen Zuspruch bekommen.

 

Das Interview führte Uta Winterhager für die Bauwelt im September 2017

 

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