Ein Vortrag von Dr. Karl Josef Bollenbeck über Johann Peter Weyer, den Stadtbaumeister in nachfranzösischer Zeit.

Die aktuelle politische Diskussion um einen Stadtbaumeister für Köln begleitend, bietet das Architektur Forum Rheinland eine fünfteilige Vortragsreihe an, die sich mit Aufgaben, Kompetenzen und Möglichkeiten einer derartigen Position in der Vergangenheit auseinandersetzt. Den Auftakt zur Serie bildete der Vortrag von Karl Josef Bollenbeck, der dem Schaffen Johann Peter Weyers als Stadtbaumeister gewidmet war.

Köln war Ende des 18. Jhs. eine Stadt mit ca. 8000 Wohnhäusern, die lediglich etwa die Hälfte der von der Stadtmauer umgrenzten Fläche einnahmen, während die übrigen Flächen als Ackerland sowie Wein- und Obstgärten genutzt wurden. Die Stadt muss damals einen weitgehend verwahrlosen Eindruck gemacht haben, so dass der seit 1788 als „Stadtwerkmann“ agierende, von den Franzosen 1797 als „architecte de ville“ bezeichnete Peter Schmitz über die Bebauung von Köln vermerkte, dass ein Drittel der Wohnhäuser baufällige Baracken seien, ein weiteres Drittel kaum mittelmäßig und das letzte Drittel leidlich im Stande gehalten sei. Um dem desolaten Zustand der Stadt abzuhelfen, wurde Schmitz 1799 zum „inspecteur des bâtiments“ befördert. Die Zeiten waren jedoch sehr unruhig und der Geldmangel schon damals erheblich, dass Schmitz kaum mehr verändern konnte, als die Straßen zu verbessern.

Vor diesem Hintergrund sollte Johann Peter Weyer, als Köln 1815 unter preußische Verwaltung kam und zur Festung ausgebaut werden sollte, Peter Schmitz als Nachfolger beerben und als Stadtbaumeister die Stadt einer grundlegenden baulichen Neuorganisation zuführen. Weyer hatte in Paris studiert und war mit den neuesten städtebaulichen Gedanken vertraut, d.h. er hatte die frühe Entstehung der primären und sekundären Infrastruktur mit den kanalisierten Straße mit ihren im durchlaufenden Rhythmus entworfenen Häuserblocks ebenso wie die ersten Versuche mit der nächtlichen Gasbeleuchtung unmittelbar miterleben können. Oberbürgermeister Freiherr von Mylius wollte Weyer daher 1816 als Stadtbaumeister einstellen und ihm nicht nur alle städtischen, sondern auch staatliche Aufträge übertragen. Weyer war damit für alle öffentlichen Hoch- und Tiefbauarbeiten sowie für die Bauarbeiten am Rhein nebst bauaufsichtlichen Aufgaben zuständig, ferner sollte er Ausführender des Polizeipräsidenten sein und die Oberleitung über die Feuerwehr haben. Bedingt durch Querelen mit der Regierung sollte es allerdings noch bis 1824 dauern, bis Weyer tatsächlich zum Stadtbaumeister avancierte. Im Unterschied zur heutigen kommunalen Bauverwaltung stand Weyer für diese Aufgabe keinerlei Personal zur Verfügung.

Weyer verfolgte als Stadtbaumeister ein städtebauliches Konzept, das er nach Abschluss seiner Amtstätigkeit in 19 Punkte fasste. Die wichtigsten waren:

1. die Neuordnung des Stadtgrundrisses mit der Anlage einer neuen Ost-West-Achse, die von Dom, Kölner Hof (Wallrafianum), St. Andreas, dem neuen Theater, dem neuen Appellhof, dem Zeughaus und dem neuen Regierungsgebäude flankiert wurde. Später wurde unter Beteiligung Weyers die erste feste Brücke über den Rhein, die sog. Mausefalle angelegt und am anderen Ende der neue Stadtgarten und neue Baugebiete in Ehrenfeld erschlossen.

2. die Sanierung aller Stadtstraßen durch Verbreiterungen, Pflasterungen etc.

3. die Anlage von 73 neuen Straßen über früher geschlossene Grundstücke, die Bebauung der früheren Gartenmauerfluchten durch Häuser und die Anlage neuer Stadtplätze (u.a. der Wallrafplatz)

4. die Sanierung der Hafen- und Werftanlagen

5. die Beschaffung von Dienstwohnungen für die höhere und niedere Geistlichkeit.

6. der Neu- und Ausbau von 37 Schulgebäuden (u.a. Marzellen-Gymnasium, Höhere Bürgerschule am Quatermarkt, etliche Volks- und Armenschulen)

7. die Beschaffung von Gebäuden für Börse, Handelskammer und Armenverwaltung

8. die Anlage von Grün- und Erholungsflächen, um einen Ausgleich für die einengenden Festungsanlagen zu erbringen. So wurde z.B. der Stadtgarten 1833 fertiggestellt, ein englischer Garten auf dem mit einer Brücke ans Rheinufer angebundene „Werthchen“ eingerichtet und ein „Fahr-, Reit- und Spazierweg“ am Rheinufer entlang und rings um die Stadt angelegt .

9. der Ankauf von denkmalwerten Gebäuden, um sie für die Nachwelt zu erhalten (u.a. das Overstolzenhaus, das für die Handelskammer umgenutzt wurde)

10. die Pflege aller kirchlichen Baudenkmäler mit z.T. sehr umfangreichen Instandsetzungs- und Wiederaufbauarbeiten

11. die Neuanlage von Brunnen, Pumpen und Laternen an den Straßen

12. die künstliche Beleuchtung der bedeutendsten Gebäude der Stadt

Johann Peter Weyer hat als Stadtbaumeister das Bild der Stadt Köln in den 20er bis 50er Jahren des 19. Jhs. in einem Maße verändert, wie es vielleicht in ähnlicher Weise erst wieder beim Wiederaufbau nach dem Zweiten Weltkrieg geschehen ist. Mit seinen umfassenden städtebaulichen Planungen, der Einsicht in die Notwendigkeit von Grünanlagen (Stadtgarten), seinen herausragenden Einzelbauten (Lagerhaus Ahren, Appellhof, Armenverwaltung und Bürgerhospital, Königin-Augusta-Passage, Pfarrkirche St. Gereon in Merheim), seinem Engagement für die Eisenbahn (Bau des „ersten“ Kölner Hauptbahnhofs am Thürmchen und des Bahnhofs an Schloss Brühl) aber auch seinem Sinn für Erhalt und Wert von Denkmälern (Overstolzenhaus) hat er für Köln Großes bewirkt. Aber auch im Kleinen hat er viel für das Stadtbild getan, indem er die Pariser fortlaufende Reihung von Fensterachsen in einen für Köln verträglichen Maßstab als Dreifensterhaus übersetzte und damit die Häuserfronten der Kölner Straßen für die kommenden Jahrzehnte bestimmen sollte. In vielen Beispielen blieb es bis heute gegenwärtig – wie Karl Josef Bollenbeck anhand aktueller Fotos der historischen Orte anschaulich zeigen konnte – und begleitet die neu angelegten Straßen, die Weyer strahlenförmig auf die freigelegten Monumente hin (u.a. St. Severin) anlegte.

Ute Chibidziura

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Eine Reaktion auf “Stadtplanung nach Pariser Vorbild”

  1. Rita Wagner

    Es freut uns natürlich, dass Sie Blätter aus unserem Bestand verwenden, allerdings ist der Bildnachweis gänzlich falsch. Es handelt sich um Besitz der Graphischen Sammlung des Kölnischen Stadtmuseums, die Bildquelle lieferte das Rheinische Bildarchiv.
    Rita Wagner M. A./Kölnisches Stadtmuseumhttps://www.koelnarchitektur.de/cms/versions/siteadmin_4.0/skins/liquid/buttons_de/buttons/but_save.gif

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