Besucherzentrum am Tagebau Hambach

Es mag überraschend klingen, aber nur 40 Kilometer westlich von Köln liegt der größte Braunkohletagebau Deutschlands. Auf einer Fläche mit einer geplanten Maximalgröße von 85 qkm werden hier, aus bis zu 450 Metern Tiefe, jedes Jahr rund 40 Mio. Tonnen Braunkohle gefördert. Die Eingriffe in die Landschaft sind brachial und angesichts der massiven Zerstörung und der weiterhin notwendigen der Umsiedlung ganzer Dörfer erscheint diese Form der Energiegewinnung kaum zeitgemäß. Doch RWE Power AG, die den Tagebau an dieser Stelle seit 1978 betreibt, setzt auf eine Betriebsdauer bis zum Jahr 2040. Danach soll an dieser Stelle der Hambacher See Teil einer umfangreichen Rekultivierung der Landschaft werden.

Topografie bauen

Doch nicht nur die ferne Zukunft wird geplant, schon 2009 lobte RWE im Rahmen des Regionale 2010 Projektes :terra nova, das die Zukunft der rheinischen Tagebauregion begleiten soll, einen internationalen Wettbewerb für ein Informations- und Ausstellungszentrum aus. Gewonnen hat den Wettbewerb der Architekt Dirk Lüderwaldt in Zusammenarbeit mit dem Landschaftsarchitekten Dirk Melzer. Bereits im Mai 2012 wurde das Gebäude fertiggestellt, das in Zusammenhang mit der im stetigen Wandel befindlichen Kulturlandschaft die Anreise von Köln durchaus wert ist. Nur etwa 100 Meter von der künftigen Abbaugrenze des Tagebaus entstand ein Gebäude, das sich wie aus der Erde gestanzt aus der sorgsam gestalteten Umgebung erhebt. Von den im Tagebau freigelegten Schichtungen der Erde inspiriert, griffen die Architekten das Bild auf und versetzten den für die Fassade verwendete Betonkies vor der Verarbeitung mit unterschiedlichen Farbpigmenten. Die so entstandenen sieben Schichtfarben des nach der Fertigstellung zusätzlich gefrästen Betons erinnern an den Schnitt durch Erdschichten und Kohleflöze. Um den Eindruck eines rauen, ursprünglichen Felsblocks zu verstärken, wurde die Fassade nach ihrer Fertigstellung rau gefräst.

Im Innenraum dagegen verwendeten die Architekten exakt geschalte, glatte Sichtbetonoberflächen und Einbauten aus Holz, Leder und Glas.

Wandel zeigen

Das Bistro öffnet sich mit einem großen Panoramafenster sowie einer Terrasse zum Tagebau, der hier sehr wirkungsvoll aber unaufdringlich in Szene gesetzt wird. Denn von diesem Standpunkt aus werden in den nächsten 30 Jahren alle Entwicklungsschritte der noch intakten, dann zerstörten und schließlich renaturierten Landschaft zu beobachten sein. Die Bullaugen in unterschiedlicher Größe und Höhe erlauben vom ersten Stock aus fokussierte Fernblicke in die Tagebaulandschaft. Mit angenehmer Lederpolsterung und integrierten Lautsprechern werden diese Fenster auf unerwartete Weise zum Bestandteil des hier angebotenen Informationsprogramms.

Auch wenn das Besucherzentrum seinem Kontext und Umfeld entsprechend massiv und schwer wirkt, musste der in sich ausgesteifte Baukörper auf 14 Einzelfundamenten errichtet werden, die im Fall der durch die Tagebauaktivitäten zu erwartenden Bodensetzungen einzeln hydraulisch nachjustiert werden können.

Bis sich die Natur die Landschaft wieder zurück erobern wird, werden noch viele Jahrzehnte vergehen. Bis dahin bietet sich das forum :terra nova auch als Ausgangpunkt für Fahrradtouren durch dieses ungewöhnliche Hybridkulisse aus Natur und Technik an. So wurde zum Beispiel der Geländeeinschnitt einer stillgelegten Abraum-Fernbandanlage zum „Speedway“ einer grünen Fahrrad- und Skatestrecke umgebaut.

Uta Winterhager

 

Informationen, Öffnungszeiten und Anreise

>>Tagebau Hambach

>>forum :terra nova

 

Heimaturlaub – Raus aus der Stadt!

In loser Folge werden bei koelnarchitektur interessante Ausflugsziele in der Region vorgestellt. Nicht einfach irgendwelche Ausflugsziele, sondern solche, die mit einem Architektur-Highlight locken, landschaftlich schön gelegen und von Köln aus in maximal einer Auto- oder Bahnstunde zu erreichen sind. Eine Reihe kleiner Urlaubsschnipsel: erlebnisreiche Tage, nach denen man inspiriert und gut gelüftet gerne wieder in die Stadt zurück kommt.

 

weitere Texte im Rahmen der Serie:
Raus aus der Stadt!

>>Heimaturlaub: „Big Air Package“
03.06.2013
Christo konzipiert für den Gasometer Oberhausen ein monumentales Kunstwerk aus Licht, Luft und Stoff

>>Heimaturlaub: Ein fünfter Mies
06.05.2013
Sechs Monate lang wird der Traum vom fünften Mies in Krefeld wahr – als begehbares Modell: Mies 1:1, das Golfclub Projekt in Krefeld

>>Heimaturlaub: Burg Wissem
25.02.2013
Drei Projekte und eine Gesamtperspektive

>>Staunen und schweben
30.08.2012
Müngstener Brücke und Brückenpark Müngsten

>>Heimaturlaub: Drachenfels
20.04.2011
Abbruchstimmung und Aufbruchstimmung auf dem Drachenfels

 

Schön inszenierte Aussicht an der Kante. In der Zukunft wird aus Deutschlands größtem Tagebau ein See.

Foto: Dirk Melzer

Erst mitten in der Landschaft, dann an der Kante und irgendwann einmal das Haus am See. Grafische Darstellung der terra nova Entwicklungsphasen für die nächsten Jahrzehnte.

Greafik: lüderwaldt architekten

Aus der Erde geschoben wirkt das Forum durch die Fassade, die die offengelegte farbige Schichtung des Tagebaus inszeniert.

Foto: Anja Schlamann

Die Architektur des Besucherzentrums trotzt mit maximaler Simplizität dem stetigen Wandel des Umfelds.

Grafik: lüderwaldt architekten

Fernsicht in die Zukunft auf unterschiedlichen Höhen

Foto: Anja Schlamann

Mit einem großen Panoramafenster zum Tagebau und viel Tageslicht durch das Dach des zweigeschossigen Atriums ist das Besucherzentrum bei weitem nicht so massiv, wie es sich zunächst präsentiert.

Foto: Anja Schlamann

In der Gestaltung der Landschaft führte Dirk Melzer Elemente aus Architektur, Natur und Technik zusammen.

Foto: Dirk Melzer

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