„in orbit“, Installation von Tomás Saraceno im Ständehaus K21, Düsseldorf

Unten im Foyer erkennt man nicht viel von dem, was sich da unter der Kuppel im vierten Stockwerk abspielt: im Gegenlicht flimmern Linien, verbinden sich mit dem Tragwerk und lösen sich doch wieder. Kleine Quadrate und schemenhafte Umrisse großer transparenter Kugeln schweben in den seltsamen Konstrukt, das sich plötzlich bewegt – da läuft doch einer, rutscht ein Stück, dann legt er sich hin und bleibt.

Bei meinem ersten Kontakt mit Tomás Saracenos Installation „in orbit“ bin ich nicht so weit gekommen, wie ich wollte. Die ersten Meter waren gut, zwar ging es steil runter, doch aufrecht und ohne die Zuhilfenahme der Hände schaffte ich den Einstieg. Mit dem Blick nach unten konnte ich mich vergewissern, dass mir bei maximal als drei Meter Fallhöhe nichts wirklich Ernsthaftes passieren würde. Doch noch ein paar Schritte weiter sah ich durch das grobmaschige Edelstahlnetz unter meinen Füßen erst vier Geschosse nichts, dann den Boden des Foyers. Und der war ganz schön weit weg. Ich schwankte, weil über mir und hinter mir Leute waren und überlegte, was ich nachmittags noch tun wollte und in den nächsten vierzig Jahren, und ob diese Kletterei hier nicht vollkommener Wahnsinn sei, als der Pressetermin zur Vorstellung der Installation offiziell begann. Gut so, sonst würde ich wahrscheinlich immer noch dort stehen und zaudern. So konnte ich gut eine halbe Stunde Bedenkzeit gewinnen, in der die zahlreich erschienenen Medienvertreter mehr erfahren sollen über das außergewöhnliche Netzwerk des argentinischen Künstlers und Architekten.

Künstler, Architekt und Naturforscher

Es begrüßte uns Marion Ackermann, die Direktorin der Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen, sichtlich hingerissen von der „betörend schönen“ Installation. Und erleichtert, dass die künstlerische Utopie nach einer zweieinhalbjährigen Vorbereitung und einer dreimonatigen Bauzeit Wirklichkeit geworden ist. „in orbit“ schließt an Saracenos „Cloud Cities“ an, die 2011 im Hamburger Bahnhof in Berlin gezeigt wurden und an seine Arbeit auf dem Dach des Metropolitan Museums in New York, Puzzleteile seines sozial-utopischen Projektes „Air-Port-City“, einer fliegenden Stadt. Saracenos Utopien erinnern an die Russischen Konstruktivisten, an Archigram und Buckminster Fuller. Doch die haben nur gezeichnet, Saraceno fordert die physische Verwirklichung seiner Ideen ein und bringt die Institution Museum damit an den Rand des Möglichen.

Während die Utopie überall und nirgends sein kann, muss sich eine In-Situ-Installation wie diese an die Bedingungen des Ortes und der Gesellschaft anpassen, ohne dass ihr das eigentlich Künstlerische abhanden kommt. Die Kuratorin Susanne Meyer-Büser erläuterte, wie das funktioniert hat. Saraceno hat sein künstlerisches Potential mit seinem Wissen als Architekt schon erheblich erweitert, darüberhinaus arbeitet er auch naturwissenschaftlich. Er beobachtet Spinnen, lässt sie Netze weben und untersucht nicht nur ihre Arbeitsweise, sondern auch ihr Sozialverhalten. Dabei kommt er zu Ergebnissen, die nicht nur seine künstlerische Arbeit befruchten, sondern auch wissenschaftlich relevant sind. Die zauberhaften Werke der sechs aus einem israelischen Mandarinenhain stammenden Opunzienspinnen sind in einem von Saraceno eingerichteten Künstlerraum ebenfalls im Ständehaus zu sehen. Wer mag, kann hier nicht nur die Grenze vom Naturwissenschaftlichen zum Künstlerischen mit überschreiten, sondern weiterdenken, über soziale und digitale Netzwerke hinaus das Zukünftige formulieren.

Am Rand des Möglichen

Saraceno lernt von den Spinnen, doch damit das, was die Spinnen einfach so können und machen, als „offene kosmisch gewebte Struktur“ in einem deutschen Museum hängt und den Museumsbesuchern die Perspektive der Spinne auf ihr Universum eröffnet, braucht er ein ambitioniertes Team von Technikern und Ingenieuren. 2500 qm Edelstahlnetz aus der Schweiz und fünf riesige durchsichtige oder silbrige Kugeln bilden ein Konstrukt auf drei Ebenen, das mit zahllosen Stahlseilen an der Dachkonstruktion der Lichtkuppel befestigt ist, erläutert der Leiter der Abteilung Technik im K21, Bernd Schliephake. Damit kratzt er nicht nur an den Limits des Gebäudes, sondern auch daran, was deutsche Ämter genehmigen können. So etwas hat es noch nie gegeben, doch was sich berechnen ließ, konnte schließlich – begleitet von einem 35seitigen Sicherheitskonzept – auch genehmigt werden. Dass es hält, zeigten während des Gespräches die Assistenten von Tomás Saraceno, die sich spinnengleich in den Netzen bewegten oder es sich, als wäre es nichts, 30m über dem Foyer schwebend ein Kissennest bauten.

Saraceno selbst sagt nicht viel, sondern fordert die Anwesenden auf, sich zu trauen. Den Traum vom Fliegen träume doch jeder und die Angst davor müsse auch jeder erst einmal überwinden. Was ihn besonders begeistert, sei die Kommunikation der Menschen im Netz. Jeder Schritt, jede neue Position bringe das gesamte System zum Schwingen, wenn einer geht, spüren das alle. Genau dieses als Spiegelbild der Gesellschaft inszenierte Erlebnis hatte meinen ersten Versuch beendet. Doch Saraceno sagt nicht mehr, sondern will, dass wir uns der Erfahrung seiner Installation stellen und ihm davon berichten. Die Kollegen vom Fernsehen sind schon drin, die brauchen ja auch Bilder, ich muss nur schreiben, das könnte ich auch von außen. Doch irgendwie muss es doch sein. Auch wenn die Installation noch für mindestens ein Jahr bestehen bleibt, muss ich jetzt da oben auf die silberne Kugel. Also Turnschuhe wieder an und los, dieses Mal direkt nach oben, da sind immerhin noch zwei Netzebenen drunter, falls … Der Trick ist, merke ich, nicht nach unten zu schauen, oder nur mal ganz kurz, wenn sich alles gut anfühlt. Als ich wieder festen Boden unter den Füßen hatte, war Tomás Saraceno schon weg. Schade, ich hätte gerne noch gewusst, wie es weitergeht mit der Wolkenstadt als Alternative zum Leben auf der Erde.

Alle Informationen zur Ausstellung auf der Homepage des K21, Ständehaus

Uta Winterhager

Oribt Modell

Modell der Installation. Vor Ort dauerte der Aufbau drei Monate. Die tatsächliche Form der Netze wurde vor Ort modelliert und mit schwarzen Seilen akzentuiert.

Foto: Uta Winterhager

untere Ebene

Der erste Versuch auf der unteren Ebene endete hier. Wäre das Netz aus transparentem Kunststoff, wie Saraceno es geplant hatte, wäre ich noch nicht einmal bis hier gekommen.

Foto: Uta Winterhager

Wolkenwanderer

Spaziergang in der Umlaufbahn: 2500qm Netz können die Besucher auf drei Ebenen erklettern. Ganz oben ist es am schönsten, aber auch am heißesten.

Foto: Uta Winterhager

presse

Die Presse im Selbstversuch.

Aus Sicherheitsgründen müssen die Besucher weiße Baumwolloveralls und Schuhe mit Profilsohlen tragen und ein Mindestalter von 12 Jahren haben.

Foto: Uta Winterhager

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