Interview: Architektur Ein Gespräch mit Hannah Hofmann und Sven Lindholm

Hannah Hofmann und Sven Lindholm realisieren als Regie- und Autorenteam Hofmann&Lindholm seit 2000 Projekte an der Schnittstelle zwischen szenischer, bildender und akustischer Kunst. Für Deutschlandradio Kultur und Schauspiel Köln haben sie in Köln den akustischen Stadtrundgang „Archiv der zukünftigen Ereignisse“ geschaffen, bei dem die Hörer mithilfe von Smartphones mit GPS-Technologie durch die Stadt geführt werden und an 36 Stationen Ausschnitte aus der Zukunft anhören können.

War das Konzept für Ihren Stadtrundgang von Anfang an auf Köln bezogen?

Hannah Hofmann

Nein. Als es in der Schublade lag, war es nicht unbedingt auf Köln bezogen. Aber uns war klar, dass wir über eine Strategie der inszenierten Vorwegnahme von Zeit arbeiten möchten. Für uns ist das auch durchaus seriell vorstellbar.

Sven Lindholm

Dazu kam die Anfrage von Deutschlandradio Kultur, die uns diese Technik nahe gebracht haben, wo wir dann sehr schnell feststellen konnten, dass das eine Technik ist, die im Bereich konventioneller Sammlungen genutzt wird. Wir kennen das aus dem Museum, man geht zu einem Bild und hört etwas zu diesem Bild, oder man bewegt sich durch die Stadt und hat an bestimmten Orten die Möglichkeit, sich etwas zuspielen zu lassen – etwas, das über die Vergangenheit des Ortes erzählt. Dieses Motiv können wir aufnehmen, aber wir können es drehen, in dem Sinne, dass wir nicht nach dem fragen, was dort passiert ist, sondern was passieren wird.

Hannah Hofmann

Bei dieser Technik ist für uns als Regie- und Autorenduo natürlich auch interessant gewesen, dass man nicht linear denken kann. Es war klar, mit dieser Technologie muss man etwas ganz ortsspezifisches machen, denn es ist das Spannendste, wenn man das Bestehende überschreibt und nutzt und gleichzeitig etwas, was nicht linear funktioniert und trotzdem einen konzeptuellen Zusammenhang herstellt.

47815autostart=TRUE] Bestehendes überschreiben

Was meinen Sie mit „das Bestehende überschreibt“?

Sven Lindholm

Ganz spannend ist dabei die Vierdimensionalität, dass man die Zeit mit hereinbringt und sichtbar macht. Dass man an einem Ort Verortung und ‚Verzeitlichung gleichzeitig erfährt, indem man den Ort aufruft und gleichzeitig eine Zeit, die nicht diese ist.

Wie sehr muss man Köln kennen, um es überhaupt verstehen zu können?

Sven Lindholm

Bestimmte Ebenen sind nur zu verstehen, wenn man um Köln weiß. Aber vieles hat eher einführenden Charakter in bestimmte Strukturen, die man aber auch aus anderen Orten kennt. Zum Einsturz des Stadtarchivs gibt es vergleichbare Katastrophen in anderen Städten. Es sind Dinge passiert, und Verantwortung muss übernommen werden. Wo nachgedacht wird, wer ist schuldig, oder kann man von Schuld oder von Verantwortung reden. Das wird auch in diesem Projekt bearbeitet.

Hannah Hofmann

Wir hoffen, dass es überregional von Interesse sein kann, was wir in den letzten neun Monaten gemacht haben. Ich denke, dass die Strukturen, die hier offensichtlich werden, zum Beispiel im Hinblick auf die Repräsentation von Amt oder Würden, sicherlich übertragbar sind. Wir haben aber beispielsweise auch mit einem Menschen zusammengearbeitet, der von beginnender Demenz betroffen ist und der dem Archiv erzählt, was er vergessen haben wird. Oder mit einem Soldaten, der von seinen Eindrücken aus Afghanistan berichtet, der aber jetzt noch gar nicht dort hingeflogen ist. Das sind Themen, die sind gesellschaftsrelevant. Das ist nichts, was ausschließlich auf Köln zu beziehen ist. Bei den Fragen, die den Einsturz des Archivs berühren, gibt es aber sicher eine ganze Menge Subtexte, für die die Kölnerinnen und Kölner besondere Ohren haben.

Hat sich Ihre Wahrnehmung von Stadt, von Stadtraum geändert?

Hannah Hofmann

Unbedingt. Der Effekt war der, dass die Stadt auf Augenhöhe gerutscht ist. Zum Beispiel wenn ich den Dom betrete, ist alles nach oben ausgerichtet, ich werde ganz klein und muss meinen Blick heben, um Licht zu spüren – durch die Fenster meine ich, nicht metaphorisch. Jetzt hatte ich den Eindruck, dass die Stadt sehr durchsichtig wird und dass die Menschen, die da zu Wort kommen, sich die Räume aneignen, sie besetzt haben, und es keine Grenze gibt, zu den Menschen durch den Ort durchzudringen.

47816autostart=TRUE] Räume besetzen

Natürlich sind Orte jetzt auch neu besetzt, beispielsweise das Rheinufer, weil wir dort die Rückkehr des Soldaten aus Afghanistan platziert haben, der im Flugzeug sitzt. Für mich ist dieser Ort immer ein anderer gewesen und jetzt ist er ganz stark damit verbunden, dass Herr Sprengers im Flugzeug sitzt und aus Afghanistan kommt.

Möchten Sie Ihr Publikum auch dazu bringen sich mit der Gestaltung von Zukunft zu beschäftigen?

Hannah Hofmann

Ich halte mich mit den Erwartungen ans Publikum immer strikt zurück. Nicht, weil ich glaube, dass man vom Publikum nichts erwarten kann, sondern weil ich das für unklug halte.

Anders gesagt: Das gestalterische Potenzial zu wecken ist in jedem Fall ein Interesse, was wir verfolgen. Wir sagen häufig, dass wir Eigensinn stiften möchten.

Kann sich das dann auch wieder auf die Stadt auswirken?

Hannah Hofmann

Diese Durchlässigkeit, die die Stadt kriegt, die hat etwas mit Beweglichkeit zu tun. Das ist etwas, was das Potenzial von Köln noch mal in den Blick rückt. Vieles stand so fest. Durch das ganze Projekt haben wir erfahren, dass in dem Moment wo die Menschen sich in eine Zukunft projizieren, das nicht nur immer die Grenzen der Endlichkeit berührt, und auch die ganzen Ängste, die damit zusammenhängen, hervorbringt, sondern eben auch eine wahnsinnige Energie freisetzt und so ein Potenzial der Gestaltbarkeit aufruft. Sie merken, dass Dinge zu gestalten sind, dass auch Stadt zu gestalten ist und beweglich ist.

Das Potenzial von Köln?

Hannah Hofmann

Das visionäre Potenzial der Stadt, finden wir, wird nicht genügend ausgeschöpft. Aber es gibt die Leute, die Visionen haben. Aber es gibt auch viele Behinderungen. Zum Beispiel der Streit ums Tanzhaus, oder dass es immer noch kein Künstlerhaus in der Stadt gibt, oder Akademiegedanken, teilweise nicht an Gebäude gebunden, das ist doch irritierend.

Sie haben es vorhin schon gesagt: Ist es nicht auch beängstigend in die Zukunft zu gucken?

Sven Lindholm

Ja, das betrifft zum Beispiel persönliche Dinge, wie den nächsten Geburtstag. Es gibt eine Frau, die bei uns mitmacht, die ist jetzt 100 Jahre alt, und wenn sie über den 101. Geburtstag spricht, da spielt viel mit. Und wenn jemand von der Zeit nach der Geburt des Kindes erzählt, in dem Augenblick, in dem die Frau schwanger ist, ist da eine große Scheu, das ist nach wie vor ein Tabu. Aber es ist Aberglaube.

Hannah Hofmann

Naja, es ist ein in Kontakt treten mit seiner Endlichkeit. Man weiß halt nicht, ob man diese irgendwie vorhandene Grenze, die einen jeden Moment beschneiden kann, ob man die nun überschreiten wird oder ob sie sich immer weiter nach hinten verlängert. Man kennt die nicht. Ich glaube das ist ein Projekt, das ganz viel damit zu tun hat, dass es eine Endlichkeit gibt und nicht eine Unendlichkeit. Dass nicht alles sich ins Ewige erweitert, sondern dass es begrenzt ist. Also auf der einen Seite ein Projekt darüber, dass Grenzen durchlässig sind auf der anderen Seite darüber, dass sie vorhanden sind und zwar existenziell vorhanden sind.

47817autostart=TRUE] Existenzielle Grenzen

Sven Lindholm

Es gibt natürlich noch einen anderen Punkt, nicht so sehr den Aberglauben. Ämter und das projizieren in die Zukunft ist immer ein politischer Akt. In dem Moment wo ich sage, das wird so und so sein, sind wir mitten im Politischen. Das sind immer Ansätze der Entscheidung die dabei sichtbar werden. Und Entscheider sind nur wenige in dem Ganzen. Unsere Erfahrung war sehr schnell die, dass diejenigen, die in einer politischen Hierarchie weit oben stehen sehr viel lockerer waren zu sagen, ich mach es. Der Oberbürgermeister konnte deutlich besser sagen, das ist so und so, ich werde das sagen, das ist meine Rede, im Gegensatz zu anderen, die in der Hierarchie an einem anderen Punkt stehen, wo sie nicht so genau wissen, ich weiß nicht ob – ich kann dazu gar nichts sagen. Weil, wenn ich das tue, dann gibt es so viele Seiten, die mich von rechts und links befeuern.

Hannah Hofmann

Ganz oft hieß es dann „Wir finden das Projekt super, wir würden das so gerne unterstützen, aber uns ist das zu heikel“. Es ist zu heikel, einen Entwurf in die Zukunft zu gestalten, oder sich da zu positionieren gegenüber einer Zukunft. 47819autostart=TRUE] Zukunft positionieren

Das fanden wir natürlich manchmal erschreckend, weil es auch damit zu tun hat, dass sich eine Freiheit nicht genommen wird, die eigentlich gerade im Rahmen eines Kunstprojektes bestehen soll.

Sie sprechen jetzt immer von den auftretenden Personen – aber wie war es für Sie? War es einfacher, weil andere Personen für Sie aus der Zukunft berichtet haben?

Sven Lindholm

Wenn man Zeitreisender ist, darf man die Vergangenheit nicht verändern, dadurch wird alles durcheinander gebracht, das ist die Abmachung. Ein ähnliches ereignet sich, wenn man in die Zukunft reist, auch da ist derjenige, der nach der Zukunft fragt auch ein Zeitreisender, der immer irgendwas anschiebt. 47818autostart=TRUE] Zeitreisende

In dem Moment, wenn wir den Architekten Herrn Böhm bitten, zu sagen, was er sagen wird, wenn die Moschee eröffnet wird. In dem Moment sagt er etwas, auf das er sich festlegt. Er sagt, ich schreibe diese Rede und anschließend ist sie geschrieben, ich werde sie nicht mehr ändern. Dadurch ist schon so ein Vorgriff auf die Zukunft passiert und wir sind diejenigen, die eingegriffen haben. Es ist diese Frage: Verändern wir gerade die Zukunft – natürlich marginal – passiert da irgendetwas, weil wir eingreifen?

Sie haben es den Protagonisten aber auch schwer gemacht – die Situationsbeschreibungen sind meist sehr konkret.

Sven Lindholm

Wir haben von vorneherein ausgeschlossen, dass da irgendwelche Sachen gewünscht werden. Wir haben gesagt, wir möchten es so konkret wie eben geht.

Hannah Hofmann

Wie viel Uhr wird es sein? Was werden Sie denn anhaben? Was machen Sie genau? Haben Sie ein Manuskript? Was machen Sie mit Ihren Händen? Haben Sie was in Ihren Taschen? Wer sitzt neben Ihnen? Es ist halt immer inszeniert, das ist ganz klar bei den Reden. Wenn man die Abschiedsrede der Schauspiel-Intendantin hört, meint man fast, das ist jetzt oder das war gestern, das ist ein Dokument. Nein, es ist ein Entwurf und es ist von A bis Z eine Inszenierung – das ist für uns interessant.

Sven Lindholm

Natürlich sind auch diejenigen Menschen, die durch dieses Archiv gehen, dazu aufgefordert, mit zu inszenieren. In dem Sinne, dass sie gucken müssen, dass sie die Dinge in einen Zusammenhang setzen müssen. Es ist nichts Abgeschlossenes, Rundes.

Aber die Patizipation hat doch schon vorher stattgefunden, oder? Sie hatten doch dazu aufgerufen, dass die Leute Ideen einreichen? Was ist daraus geworden?

Hannah Hofmann

Es haben sich viele gemeldet, die das mit einer Werbeplattform für ihre Veranstaltungsreihen verwechselt haben und es haben sich sehr viele arbeitsuchende Schauspieler gemeldet. Das heißt, das waren zwei massive Missverständnisse. Es hat nicht funktioniert, es war nicht so, dass uns Massen die Türen eingerannt haben. Obwohl wir unglaublich viel Interesse begegnet sind an diesem Projekt. Das hat für uns bedeutet: Selber ran. Wir müssen uns jetzt die Menschen suchen, wir müssen eine grobe Vorstellung entwickeln, welche Themen wir interessant finden, welche Geschichten wir interessant finden, welche Welten gibt es, die für uns zu durchdringen spannend sein könnten und dann mussten wir die Leute suchen. Dass das so partizipatorisch ist, dass die Menschen sich an uns wenden und ab geht’s, das war nicht der Fall.

Sven Lindholm

Die Menschen müssen uns natürlich auch sehr vertrauen. Was machen wir mit dem sehr vertraulichen Material, das sie uns geben? Wie gehen wir damit um? Wie inszenieren wir das? Wie montieren wir das? Welche Collage wird daraus? Wie werden sie dann dastehen?

Ist das auch der Grund, warum einige Themenkomplexe ganz ausgespart wurden? Die Wirtschaft, Unternehmen zum Beispiel?

Hannah Hofmann

Tja, „das liebe Geld“, da haben wir lange nach geguckt. Oder auch Überschuldung, das ist ein Riesenthema, das hat sich dann aber nicht ergeben. Wir haben auch gedacht, dass es interessant sein könnte, wenn sich Firmen an uns wenden. Eigentlich haben wir leise gehofft, dass wir von Firmen erfahren, die Arbeitsplätze abbauen. Aber das sind Bereiche, die heikel sind – und es gab massenhaft Türen, die uns verschlossen blieben.

Sven Lindholm

Es gibt auch Zukünftiges, über das man nicht gern redet.

Mit Hannah Hofmann und Sven Lindholm sprach Vera Lisakowski

Klicken und Hören

* Damit Sie die Antworten nicht nur lesen sondern auch hören können, haben wir einige Aussagen als O-Ton für Sie aufgezeichnet. Klicken Sie jeweils auf um die Aufnahme abzuspielen.

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Das Regie- und Autorenduo Hofmann&Lindholm mit den Smartphones.

Fotograf: Oliver Heisch

‚Pre-Enactment‘ nennen sie ihre Inszenierungen für das ‚Archiv der zukünftigen Ereignisse‘. An 36 Punkten in der Stadt spielt das ausgeliehene Handy automatisch Audiodateien ab. Ein Stadtplan und Google-Maps helfen bei der Orientierung.

Fotograf: Oliver Heisch

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