Von der diesjährigen Kulturhauptstadt RUHR.2010 wird schon mal behauptet, sie mache ein Programm zwischen Hochkultur und Heimatabend. Ein bisschen Architektur ist da auch drin.

Bunte Regencapes, Pelzmützen und dicke Handschuhe: Wer die Fernsehbilder der verschneiten Eröffnungsfeier gesehen hat, wähnte sich eher in Sibirien als im Kohlenpott. Doch eine der Kulturhauptstädte Europas im Jahr 2010 ist ganz in der Nähe, im Ruhrgebiet. Oder vielmehr: Sie ist das Ruhrgebiet. Denn das ist die erste städtebauliche Besonderheit von RUHR.2010 – „die“ Kulturhauptstadt besteht aus 53 Städten, die es gilt zu einer Ruhrmetropole zusammenzuführen. Ob den Machern dies gelingt, lässt sich das ganze Jahr 2010 lang überprüfen – auch an Architektur- und Städtebau-Projekten.

Zwei Museen

Anfangen kann man damit gleich im Besucherzentrum von RUHR.2010 auf Zeche Zollverein in Essen. Eine orange leuchtende Rolltreppe befördert den Besucher auf 24 Meter Höhe der ehemaligen Kohlenwäsche, die von Rem Koolhaas und Heinrich Böll zum neuen Ruhr Museum umgebaut wurde. Es wird – dem früheren Weg der Kohle folgend – von oben nach unten erschlossen und führt den Besucher über drei Themengebiete durch die Geschichte des Ruhrgebietes und durch spektakuläre Museumsräume.

Auch das zweite bemerkenswerte Museum befindet sich in Essen: Museum Folkwang mit einem Erweiterungsbau von David Chipperfield. Eigentlich ist es kein Projekt von RUHR.2010, finanziert hat den Bau die Alfried Krupp von Bohlen und Halbach-Stiftung, aber eröffnet wird im Kulturhauptstadt-Jahr, am 30. Januar. Schon jetzt wird das neue Museum von allen Seiten gelobt, David Chipperfield habe alles richtig gemacht, schreibt die Kritik, das Museum zur Stadt hin geöffnet, den Altbau einbezogen und Räume voller Kraft geschaffen. So sehr wird das Gebäude gelobt, dass bedauert wird, es demnächst mit der Kunst teilen zu müssen. Ab 20. März ist hier die Ausstellung „Das schönste Museum der Welt“ zu sehen, die die Geschichte der Folkwang-Sammlung vor 1933 erzählt.

Gelbe Feuer über alten Schächten

Eine Aktion von RUHR.2010 sind hingegen die „SchachtZeichen“, bei denen vom 22. bis 30. Mai gelbe Ballons an rund 400 Orten schweben. Sie werden wie Stecknadeln mit leuchtenden Köpfen in rund 80 Metern Höhe ehemalige Schachtanlagen im Ruhrgebiet markieren. So schlägt die 4.000 Quadratkilometer große Kunstinstallation einen Bogen von der Vergangenheit in die Gegenwart, denn auf den markierten ehemaligen Zechengeländen sollen Kulturaktionen stattfinden.

Kunst in Wohnungen

Auch weit verteilt, aber deutlich weniger sichtbar, sind die Kunstaktionen, die in Wohnungen stattfinden und in denen es um den Lebensraum Ruhrgebiet geht. Die Biennale für internationale Lichtkunst hat sich in 60 privaten Wohnungen und Häusern eingenistet und wird vom 28. März bis 27. Mai dort Werke von Lichtkünstlern präsentieren. In Bergkamen, Bönen, Fröndenberg, Hamm, Lünen und Unna öffnen die Bewohner Wohnungen in Bergarbeitersiedlungen wie Gründerzeitvillen, Stadtwohnungen wie ländlichen Anwesen und lassen die Besucher daran teilhaben, was James Turrell, Dan Flavin, Olafur Eliasson oder Mischa Kuball aus Wohnzimmer, Keller oder Abstellkammer gemacht haben.

In dem anderen Wohnungsprojekt gibt es gar keine Kunst – oder doch? Irgendwie ist hier der Bewohner selbst das Kunstwerk. „2-3 Straßen“ mit leer stehenden Wohnungen hat der Künstler Jochen Gerz in Dortmund, Duisburg und Mülheim an der Ruhr ausgewählt und lässt dort Menschen mietfrei ein Jahr lang wohnen. Wie verändert sich die Struktur der Wohngebiete durch die neu Hinzugezogenen – das ist die Kernfrage, die hier gestellt wird. Aber auch die Besucher, die in die Wohnungen kommen können, werden wahrscheinlich die Straßen verändern. Greifbares Ergebnis wird ein Buch sein, dass am Ende des Projektes veröffentlich wird. Jeder Bewohner ist verpflichtet, jeden Tag online etwas zu schreiben und die Besucher können ihre Beiträge in eigens eingerichteten Internetcafés beisteuern.

Die Versprechen und die Finanzierung

Jochen Gerz hat noch ein weiteres Projekt für RUHR.2010 entwickelt, den „Platz des Europäischen Versprechens“ für Bochum. In der dortigen Christuskirche gibt es die „Helden-Gedenkhalle“ mit Namen von im Ersten Weltkrieg gefallenen Bochumern und eine Liste der „Feinstaaten Deutschlands“, die auch viele Länder Europas umfasst. Diesen beiden Listen möchte der Künstler eine dritte gegenüberstellen – auf dem Platz vor der Kirche. In Basaltplatten eingraviert werden sollen hier die Namen von Menschen, die ein geheimes Versprechen für die Zukunft Europas abgegeben haben. Eine Platte gibt es bereits. Doch die Sponsorensuche stockt und die Finanzierung bleibt unklar. Auch wenn man sich von Seiten der Stadt und des Künstlers zur Fortführung des Projektes bekennt, der geplante Fertigstellungstermin 31.12.2010 kann wohl nicht gehalten werden.

Abgesagt

Damit ist Jochen Gerz aber schon viel weiter gekommen, als viele andere Projekte für RUHR.2010. Eines der spektakulärsten wäre sicher die „zweite Stadt“ geworden, bei der Besucher in die ehemaligen Schachtanlagen von Zollverein hätten einfahren können. In 1.000 Metern Tiefe sollten Kunstausstellungen stattfinden, der perfekte Ort für die Umsetzung des Mottos „Wandel durch Kultur – Kultur durch Wandel“. Lange haben die Organisatoren um das Projekt gerungen, letztlich musste es wegen Finanzierungsproblemen abgesagt werden. Andere Projekte wurden gleich von vorneherein abgelehnt: Rund 2.500 Vorschläge sind bei RUHR.2010 eingegangen, nur ein Bruchteil davon wurde realisiert. Viele der abgelehnten kann man inzwischen auf der Website „Unprojekte 2010“ ansehen, immer noch auf der Suche nach Sponsoren und in der Hoffnung auf Umsetzung. Wer aber lieber reale Projekte anschauen möchte, kann sich auf der Website von RUHR.2010 informieren – dort gibt es unter dem Programmpunkt „Metropole gestalten“ auch ein eigenes Unterprogramm zur Baukultur.

Weiterführende Links

Homepage des Ruhr Museums

Homepage des Museums Folkwang

Die SchachtZeichen

Die Biennale für internationale Lichtkunst

2-3 Straßen

Der Platz des Europäischen Versprechens

Die Unprojekte 2010

Homepage von RUHR.2010

Vera Lisakowski

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Bundespräsident Horst Köhler bei der Eröffnung der Kulturhauptstadt Europas RUHR.2010 auf Zeche Zollverein.

Foto: Manfred Vollmer

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In der Gangway des neuen RuhrMuseum.

Foto: Brigida Gonzáles

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Neubau des Museum Folkwang. Der Innenhof, Blick von der Goethestrasse.

© Museum Folkwang/NMFE GmbH, Foto: Wolf Haug, 2009

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SchachtZeichen zwischen Bochum und Essen, Blick vom Tippelsberg in Bochum

© Jesiorkowski/Moos/SchachtZeichen

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Frau Schmidt in ihrem Vorratskeller, der für die Biennale für internationale Lichtkunst genutzt wird.

Foto: Sabine Schirdewahn

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2 Antworten auf “Architektur.2010”

  1. Kunstverein Lünen, p/a Georg Almus

    Sehr geehrte Damen und Herren,

    wir vermissen in Ihrer Auflistung die Libeskind-Villa vom Architekten Daniel Libeskind in Datteln, die der Kunstverein Lünen in der Ausstellungseröffnung „Leuchtende Köpfe der Lippe-Region in RUHR.2010-Kulturhauptstadt Europa“ am 12.1.2010 vorstellte.
    In Ergänzung und zum besseren Verständnis hierzu siehe bitte auch die Pressemeldung der „Dattelner Morgenpost“ vom 12.1.2010

    Wir bitten um Beachtung

    Beste Grüße aus Lünen

    Ihr

    Kunstverein Lünen
    p/a Georg Almus
    Am Fuchsbach 10
    44534 Lünen

    Tel. 02306/55818

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