Das Ringen um das Jüdische Museum geht weiter

Die geplante Finanzierung für das Jüdische Museum ist so gut wie gescheitert. Am 30. Juni muss der Rat über die Zukunft des Projektes entscheiden. Was ist Status quo und welche Szenarien werden diskutiert?

Regierungssitz und Judenviertel

Köln fehlt ein Jüdisches Museum. Die hiesige jüdische Gemeinde ist die wahrscheinlich älteste nördlich der Alpen – zumindest die am frühesten bezeugte. In einem Dekret von 321 gestattet Kaiser Konstantin den Behörden der Stadt Köln, Juden in den Stadtrat zu berufen. Die Portalsgasse, die Judengasse, Obenmarspforten und Unter Goldschmied umgaben im Mittelalter das jüdische Viertel – es entspricht also genau dem Bezirk des heutigen so genannten Rathausplatzes. Auf den Anfang des 12. Jahrhunderts datiert die erste Erwähnung eines Hauses, „in dem die Bürger zusammen kommen“ – laut einem Dokument von 1149 liegt es „inter judeos sita“, also im Judenviertel. Dass das Rathaus ausgerechnet hier an der Kante des jüdischen Ghettos entstand, verdankt sich der Kontinuität des Ortes: Bei der Rathauserweiterung durch den „Spanischen Bau“ 1955 entdeckt man Reste des vor zweitausend Jahren angelegten römischen Statthalterpalastes, des Praetoriums.

Der Kölner Rat beschloss 1424, die Juden „auf alle Ewigkeit“ zu verbannen, und die Synagoge wurde zu einer Ratskapelle umgebaut. In Deutz und Mühlheim hielten sich kleine Gemeinden über die Jahrhunderte, in Köln selbst war den Juden erst unter französischer Besatzung wieder der Aufenthalt erlaubt. Bis 1933 lebten rund 18.000 Juden in Köln, heute hat die Gemeinde etwa 5000 Mitglieder.

Archäologisch ist im ehemaligen Judenviertel spätestens für das neunte Jahrhundert eine Synagoge bezeugt. Neben Privathäusern stieß man auf die öffentlichen Gebäude der Gemeinde: Mikwe – 1989 durch eine Glaspyramide erschlossen -, Badestube, Bäckerei, Hochzeits- und Spielhaus und Hospiz. Die Grundrisse dieser Gebäude waren in der Pflasterung kenntlich gemacht, bis die Archäologische Zone Schritt für Schritt das Karree eroberte. Köln verfügt über eine reiche jüdische Überlieferung wie etwa die Judaica-Sammlung des Stadtmuseums und bietet die einzigartige Chance, in die museale Präsentation archäologische Spuren des mittelalterlichen Ghettos einzubinden.

Baubeschlüsse

Anfang 2008 wurde ein Wettbewerb für den Bau des Jüdischen Museums in Verbindung mit der auch römische Reste beinhaltenden Archäologischen Zone ausgelobt. Hieraus ergab sich ein kompliziertes Finanzierungsmodell: die Ausgrabungspräsentation ist ein Projekt der „Regionale 2010“, eines Strukturprogramms des Landes NRW, das 80% der Kosten übernimmt. Das Museum, mit eigenem Eingang als selbstständige Einheit geplant, sollte privat finanziert werden von der „Gesellschaft zur Förderung eines Hauses und Museums der jüdischen Kultur in NRW“, die seit 1997 besteht.

Ende August 2008 hatte sich der Kölner Stadtrat mit den Stimmen von SPD, Grünen, FDP und Linkspartei erneut für den Bau des Museums auf dem Rathausplatz ausgesprochen – es gab bereits einen Ratsbeschluß vom 18. Mai 2006 darüber, dass das Jüdische Museum nur an dieser Stelle gebaut werden kann. Der Förderverein verpflichtete sich, „den ersten Preisträger mit der Durchführung des Bauvorhabens zu beauftragen“. Klare Sieger im Wettbewerb waren Wandel Hoefer Lorch & Hirsch aus Saarbrücken. Die Kosten der beiden Bausteine betragen zwanzig und fünfzehn Millionen Euro. Sie könnten zeitverschoben realisiert werden.

Kampf um den Platz, der nie einer war

So weit, so gut. Doch nun beginnt die Kölner Posse. Der Kölner OB als oberster Bauherr findet den Entwurf zunächst „sehr gelungen“, war aber eigentlich doch „von Anfang an skeptisch“. Plötzlich entdeckt der KStA hier einen „der wenigen gelungenen Plätze Kölns“, den man auf keinen Fall mit einem großen Block zustellen dürfe. An der Stelle darf man sich fragen, warum erst jetzt die breite Debatte beginnt, die eigentlich vor Auslobung des Wettbewerbs hätte geführt werden müssen. „Ein weites Feld“, um mit Fontane zu sprechen.

Doch zurück zum Platz: Genau das war der Bereich um das heutige Rathaus nie – ein Platz. Der kleinteilige mittelalterliche Stadtgrundriss war durch den Wiederaufbau nicht rekonstruiert worden, doch schon in den fünfziger Jahren sollte die Freifläche wieder bebaut werden. Seit 1971 liefen drei Wettbewerbe, Sieger war jedes Mal der Kölner Architekt Joachim Schürmann. Bebaut wird der Platz nun auf jeden Fall, da die Archäologische Zone geschützt werden muss.

Beschlüsse? Welche Beschlüsse?

Anfang Juni lief nun die Fristverlängerung für den Förderverein ab, mit der Stadt eine vertragliche Vereinbarung über die Kostenübernahmen zu unterzeichnen. Die erste Zahlung von rund 600 000 Euro – die Hälfte der Planungskosten – ist fällig. Der Fördervereinsvorsitzende Benedikt Graf von Hoensbroech erklärte, es habe immer noch keine Stiftung gegründet und somit keine zugesagten Spenden verbucht werden können. Bis Herbst 2009 sei dieses Hindernis aber aus dem Weg geräumt.

Hm. SPD, Grüne und Linkspartei hoffen weiter auf das Engagement des Vereins. Die CDU will einen neuen Wettbewerb – dies wäre dann der fünfte – für einen Entwurf, bei dem „nicht der gesamte Platz überbaut“ werde. „Filigrane“ Schutzbauten für die Ausgrabungen sollen gleichzeitig dazu dienen, jüdisches Kulturgut zu präsentieren. Schramma will den Siegerentwurf so weit schlanken, dass das Jüdische Museum nur noch eine Abteilung der Archäologischen Zone wird und damit billiger. Die FDP sieht den Bau und Betrieb des Jüdischen Museums als „vornehme Aufgaben, die auch die Stadt selbst übernehmen kann“, so FDP-Ratsfraktionschef Ralph Sterck. Außerdem kursiert die Idee, den prämierten Entwurf für die Erweiterung des WRM umzunutzen.

Bis Mitte September müssen die Regionale-Fördergelder in zweistelliger Millionenhöhe gesichert werden. Oder ist der Zeitdruck nur ein Vorwand? CDU-Fraktionschef Granitzka weiß nach Informationen des KStA vom 15.06.09 „aus Kreisen der Landesregierung“, dass das Land zu Verhandlungen bereit sei, „wenn wir durch einen neuen Wettbewerb in Verzug geraten würden“. Immerhin das Grünflächenamt der Stadt Köln schafft die von der Regionale geforderten „unwiderruflichen Schritte zur Verwirklichung“ der Archäologischen Zone: es hat schon mal vorsorglich die Bäumchen vor der Rathauslaube abgeholzt.

Die Würde achten

Es stünde Köln gut an, ein jüdisches Museum zu haben, und zwar auf dem „natürlichen“ Ort für eine solche Stätte, dem Rathausvorplatz mit den Ausgrabungen des jüdischen Ghettos. Es gab einen ordnungsgemäßen Wettbewerb und einen klaren Sieger. Der ausgezeichnete Entwurf kann in zwei Phasen gebaut werden – OB Schramma hatte früh davor gewarnt, sich auf die Zusagen des Fördervereins zu verlassen. Die logische Konsequenz aus den gefassten Beschlüsse und der neuen Situation ist die, den Bau des Jüdischen Museums zu verschieben. Oder es entsteht eine architektonisch belanglose Verlegenheitslösung, die weder der Würde des Ortes noch der eigenen gerecht würde.

Ira Scheibe

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>>>Archäologische Schichten

Der Planungsstand im November 2008: Das Haus und Museum der jüdischen Kultur ist im südlichen Bereich vom Wallraf-Richartz-Museum abgerückt, davor entsteht ein Platzraum.

Rechte: Wandel Hoefer Lorch

Der Platz vor dem Wallraf-Richartz-Museum in der Perspektive

Rechte: Wandel Hoefer Lorch

„Filigrane“ Schutzbauten für die Ausgrabungen sollen dazu dienen, jüdisches Kulturgut zu präsentieren.

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2 Antworten auf “Ein würdevoller Ort”

  1. Unbekannt

    Es war ein funktionierender Platz. Vor allem auch einer der wenigen in Köln, der Architektur sichtbar machte. Einschleßlich dem Blick in die Mikwe.

    Antworten
  2. md

    …das thema könnte man noch von einer anderen seite betrachten, denn der erste preis ist zwar ein „klarer sieger“ nach meinung des preisgerichtes gewesen (nur herr quander war dagegen), aber er hat die wichtigsten anforderungen aus der auslobung nicht eingehalten… diese waren: die möglichkeit, beide projekte getrennt und zeitlich versetzt voneinander zu errichten sowie der wunsch nach einer kleinteiligen, masstäblichen bebauung.

    das preisgericht hat diese anforderungen an die teilnehmer in der jurysitzung völlig negiert und rühmte sich anschliessend, eine tolle entscheidung getroffen zu haben: die idee des ersten preises bestand tatsächlich darin, den platz in gänze zu überbauen – quasi als grosser schutzbau – und das jüdische museum dann später „hineinzuhängen“…

    damit wird zweierlei bewirkt: der platz muss mit einem unförmigen, wenig auf den kleinteiligen masstab der altstadt eingehenden grossgebäude in gänze bebaut werden (die darstellung der bewegten dachlandschaft war da nur so eine art „feigenblatt“, der kleinteiligkeit vorgaukelte….) das spätere hineinhängen des jüdischen museums war dabei blanke utopie, denn wenn erst mal die halle mit einem stadionmässigem mega-tragwerk (und fundamenten, sic!) erst mal zu ist, ist ein nachträglicher einbau nur schwierig und kostenaufwändig möglich: also, das jüdische museum gleich mit bauen, womit genau die abhängigkeiten entstehen, die eigentlich vermieden werden sollten…

    diese entscheidung der jury fällt der stadt köln jetzt auf die füsse: mit dem zusammenbruch des paritätischen finanzierungskonstrukts aus öffentlichen und privaten geldern bleibt die realisierung des projektes jetzt an der stadt köln hängen, die von dieser situation überrascht wurde, obwohl sie es doch organisatorisch mit der anlage der auslobung richtig eingestielt hat. hätte man sich im wettbewerb für ein projekt entschieden, das eine entkopplung vorsah, könnte man jetzt viel entspannter mit der situation umgehen: die archäologische zone planerisch vorantreiben und dabei die spätere integration des jüdischen museums berücksichtigen (fundamente, anschlüsse, etc.); fördergelder würden planmässig abgerufen werden können und man könnte der stiftung für das jüdische museum ohne not die zeit geben, die sie zur eigenen konstituierung und der finanzierungsaufstellung benötigt…. das jüdische museum hätte dann später nachgezogen werden können…

    stattdessen brennt es jetzt lichterloh: der private partner wird aus dem projekt gekickt (blamage#1), die stadt köln übernimmt sich wiedermal unnötigerweise finanziell (blamage#2), das programm des jüdischen museum wird aus kostengründen verkleinert (blamage#3), weil es ja eh nicht so viel zum ausstellen gibt (warum hat man sich dann im wettbewerb eigentlich soviele gedanken darum gemacht, die baumasse verträglich unterzubringen ????), die fördergelder scheinen bedroht, weil wegen der ins spiel gebrachten verkleinerung die planung umgestellt werden müsste (blamage#4) – ein image-schaden sondergleichen…

    aber damit könnte man ja noch leben, denn es betrifft nur die z.zt. handelnden akteure und diese werden aber irgendwann nicht mehr da sein – dafür aber das gebäude, dass an diesem geschichtsträchtigen ort entstanden sein mag und für jahrzehnte das herz der altstadt prägen wird… vor diesem hintergrund sollten die entscheidungen der nächsten schritte genau überdacht werden: den ersten preis zurechtstutzen ? es wäre eine verunglimpfung der idee (und auch des wettbewerbs!!!); einen neuen wettbewerb ausloben ? das wäre eine ohrfeige für alle architekturbüros, die an dem 2008 durchgeführten wettbewerb teilgenommen haben und sich an die auslobung gehalten haben (wettbewerbe sind übrigens eine acquisitionsleistung, die die büros auf eigene kosten erbringen…) – das sind alles nur not-lösungen…

    dabei liegt es auf der hand: ein neuer wettbewerb ist gar nicht notwendig, wenn man sich die mühe machen würde, die arbeiten der anderen preisträger nochmal hinsichtlich der neu entstanden situation zu untersuchen: auf flexibililtät bei der finanzierung und errichtung, auf masstäblichkeit der baumasse, auf die möglichkeit, die baumasse ohne des verrats der preisgekrönten idee an die neuen anforderungen anzupassen… wenn man sich ohnehin schon damit abgefunden hat, die bisherigen planungskosten abzuschreiben, ist die zusammenarbeit mit einem architekten, dessen projekt flexibler ist, eine erwägenswerte vorgehensweise…

    aber egal, wie es jetzt weitergeht – eins steht fest: die jury hat diesen beiden wichtigen projekten (und damit der stadt köln und den kölnern) einen bärendienst erwiesen ! sie haben einfach das falsche projekt ausgesucht….

    md

    Antworten

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