Baustile im Stadtbild, Folge 7: Das Neue Bauen

Die Serie „Baustile im Stadtbild“ stellt Kölner Wohnarchitektur aus verschiedenen Epochen vor.

90 Jahre Bauhaus werden dieses Jahr gefeiert. Geht man in Köln auf Spurensuche, so sind die Funde dünn gesät. Die „weißen Klassiker“ stehen heute hoch im Kurs, aber in den 20er und 30er Jahren waren die zierlosen, kühlen Funktionsbauten nicht so recht nach Kölner Geschmack. Ein seltenes Beispiel für das Neue Bauen ist die Buchforster „Weiße Stadt“, eine Siedlung mit 578 Wohnungen, die Wilhelm Riphahn und Caspar Maria Grod von 1929 bis 1932 auf dem Kalkerfeld für die GAG errichten.

Häuserreihen in Skelettbauweise

„Exakt geprägte Form, jeder Zufälligkeit bar, klare Kontraste, ordnende Glieder, Reihung gleicher Teile und Einheit von Form“ – die Gestaltung der Häuser entspricht genau den vom Bauhaus-Gründer Walter Gropius formulierten Prinzipien. All diejenigen Formen, die die Vorstellung vom Bau als einem auf der Erde ruhenden Körper begründen, sind verschwunden: mächtige Sockel, Säulen, spitze Dächer, Ornamente, Eckverzierungen, betonte Übergänge und Abschlüsse. In reiner Zeilenbauweise – auch das neu für das konservative Köln – entstehen fünfgeschossige Miets- und ein- bis zweigeschossige Einfamilienhäuser in einem Dreieck zwischen Heidelberger, Waldecker und Kopernikusstraße. Die Häuserreihen verlaufen nicht parallel, sondern im 45-Grad Winkel zu den Hauptstraßen und sind somit zur optimalen Belichtung nach Nordosten und Südwesten gerichtet. Die Skelettbauweise mit Pfosten und ausfüllender Mauermasse oder verglasten Flächen statt geschlossener tragender Wände ermöglicht eine freie Fassaden- und Grundrißgestaltung. Auch innen sind die Wohnungen konsequent modern gestaltet, so ist etwa die Küche nur durch eine halbhohe Mauer vom Wohnraum getrennt.

Immer noch modern – die Weiße Stadt in Buchforst

Eng verknüpft ist das Neue Bauen mit sozialen Reformideen. Die neue Bauweise drückt die Kosten, erstmals werden im großen Umfang Fertigelemente verwendet. Aber die Planer geben sich nicht damit zufrieden, einfach nur Wohnraum für die Arbeiterschicht zu bauen. Großzügige Freiflächen lockern die Bebauung auf. Zur Siedlung gehören auch eine Kirche und ein rege genutztes Gemeinschaftshaus, das nach dem Krieg nicht wieder aufgebaut wurde. Unterschiedliche Haustypen verhindern Gettoisierung. Vergleicht man die „Weiße Stadt“ mit den späteren Großsiedlungen wie Chorweiler und Meschenich, wird deutlich, dass die Bauhaus-Schule ein schwieriges Erbe hinterlassen hat: unwirtlich und lebensfeindlich wirken nun die Bauten, die dem bloßen Funktionalismus folgen.

Schöne Beispiele für das Neue Bauen bei öffentlichen Bauaufgaben in Köln sind das Dischhaus, das Hochpfortenhaus und das heutige Allianz-Gebäude am Ring. Ansonsten gibt es Beiträge eher im Bereich der Einfamilienhäuser: es ist die intellektuelle Avantgarde – Komponisten, Schriftsteller, Kunstsammler -, die sich dem Stil verbunden fühlt. Entsprechende Ensembles sind zu bewundern in der Rodenkirchener Künstlerkolonie direkt am Rheinufer (z. B. Im Park 2, 6 und 8) und in der Müngersdorfer Gartenstadt Stadion. In Köln ist dann auch bald Schluss mit den modernen Tendenzen. Schon Anfang der 30er Jahre entbrennt der „Dächerkrieg:“ Wer ein Flachdach sein eigen nennt, muss sich als undeutsch beschimpfen lassen. „Häuser ohne Dach – Menschen ohne Kopf“, titelt 1931 eine Wochenzeitschrift der NSDAP. Wohl dem, der die Warnung zu lesen wusste.

Ita Scheibe

Das Neue Bauen

Am 1. April 1919 gründet Walter Gropius das Staatliche Bauhaus Weimar. Doch Bauhaus bezeichnet längst nicht mehr nur das Schaffen dieser Kunstschule, sondern hat sich auch als Bezeichnung für den übergreifenden Stil – das Neue Bauen -eingebürgert. Zu Anfang des Jahrhunderts wurden die neuen Materialien Stahl und Beton noch häufig kaschiert. Gegen Historismen und Stilüberfrachtung beginnt sich die Klassische Moderne herauszubilden, die dem Prinzip der Material- und Funktionsgerechtigkeit folgt: form follows function, formuliert Louis Henry Sullivan schon 1890. Einfache kubische Formen, ineinandergeschobene Raumvolumen, kühne Auskragungen, große Glasflächen und Flachdächer kennzeichnen das Neue Bauen.

Erschienen in der Sonderbeilage „Wohnen & Leben“ der Kölner Zeitungsgruppe (Kölner Stadt-Anzeiger, Kölnische Rundschau) am Wochenende des 30./31. Mai 2009

Alle bisher in der Serie “Baustile im Stadtbild” erschienen Beiträge:

>>>Alte Steine Neue Steine

Die zwischen 1929 und 1932 entstandene GAG-Siedlung in Buchforst.

Fotografin: Stefanie Biel

Die weißen Fassaden gaben der Siedlung den Namen Weiße Stadt.

Fotografin: Stefanie Biel

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