Charlotte und Ludwig

Architektur lesen III: Graphic Novels erzählen zwei Jahre und ein Leben

Charlotte Perriand – Eine französische Architektin in Japan 1940-1942

Es sind nur zwei Jahre, die die von Charles Berberian geschriebene und gezeichnete Graphic Novel aus dem Leben von Charlotte Perriand (1903 – 1999) erzählt, aber für sie, die leider immer noch viel zu sehr im Schatten von Le Corbusier steht, war es entscheidende Zeit voller Aufbrüche und Erkenntnisse. Nachdem sie 10 Jahre als Mitarbeiterin für Mobiliar und Wohnraumausstattung im Atelier von Le Corbusier und Pierre Jeanneret in Paris gearbeitet und großen Einfluss auf die Entwicklung ikonografischer Möbel hatte, wurde sie vom japanischen Ministerium für Handel und Industrie als Beraterin für das industrielle japanische Kunsthandwerk eingeladen.

Sehr ungewöhnlich, denn 1940 war die Welt im Krieg und die Einladung galt ihr persönlich, sie wurde als kompetente Frau wahrgenommen. „Sie war immer der Auffassung es gebe keinen Unterschied zwischen Frauen und Männern, das war ihr Standpunkt.“, berichtet ihre Tochter Pernette Perriand in einem langen Gespräch mit Charles Berberian, das der grafischen Erzählung als Anhang dient. Die Erinnerungen der Tochter und die Erkenntnisse des Autors liefern inhaltlich wichtige Ergänzung, die zum Verständnis der Lebensgeschichte und der Bildergeschichte erheblich beitragen. Denn Charlotte Perriand, war nicht nur Gestalterin, sondern auch politisch aktiv.

Der Ausschnitt aus Perriands Leben ist gut gewählt, bietet mit der langen Schiffsreise, den Szenen in Paris und natürlich in Japan, das der Protagonistin ausführlich gezeigt wird, um sie in die Kultur einzuführen, sehr schönes Settings, die Berberian mit verschiedenen Techniken zwischen Comic und Manga, ergänzt mit bunten Aquarellen darstellt. Atmosphärisch sind die Panels oft treffend, ob der Grad der Detaillierung bei den von ihr entworfenen Möbeln ausreicht, kann man diskutieren. Denn gerade ihre Entdeckung von Bambus als Material und der Einsatz traditioneller Techniken zur Herstellung von für modernen Möbel, die europäischen Bedürfnissen entsprechen, ist eine Schlüsselszene.

Berberian sagt abschließend „Charlotte ist unser Nationalschatz, wegen ihrer Art zu wirken, ihrer Art zu beobachten, zu verstehen, zu erschaffen.“ Mit diesem Buch hat er ihr ein kleines Denkmal erschaffen.

Charles Berberian

• Aus dem Französischen von Ulrich Pröfrock
• Handlettering von Dirk Rehm
112 Seiten, farbig, 18,8 × 26,4 cm, Hardcover

EUR 20,00

erschienen bei Reprodukt (Leseprobe hier)

MIES – Mies van der Rohe. Ein visionärer Architekt

Fast erscheint der Stoff zu viel für ein Buch zu sein, doch das Leben von Ludwig Mies van der Rohe (1886-1969) liefert all das. Höhen und Tiefen, Siege und Niederlagen, persönliche, berufliche und politische. Und immer wieder Frauengeschichten, die selten ein gutes Ende nehmen, aber gerne im Detail gezeigt werden. Ein ewiger Kampf, ein stetiger Wettbewerb in deren Chronologie der studierte Architekt Agustín Ferrer Casas ein nicht unbedingt nur sympathisches Bild von Mies van der Rohe zeichnet. Denn dessen Geschichte ist im Gegensatz zu seiner Architektur weit weniger aufgeräumt, oft dunkel wie die Zeiten, die er durchlebte.

Seiten aus dem besprochenen Band © Augustin Ferrer Casas / Carlsen

Um aus der Lebensgeschichte eine Graphic Novel zu machen lässt Ferrer Casas den alten, gebrechlichen und alkoholkranken Mies mit seinem Enkel Dirk Lohan von Chicago nach Berlin zur Baustelle der Neuen Nationalgalerie fliegen. Auf dem langen Flug berichtet Mies aus seinem Leben, so dass Erlebnisse unterschiedlicher Epochen (nicht immer ganz chronologisch) zu einem dichten Erzählteppich verwoben werden. Eröffnet wird die Geschichte mit einer Episode aus dem Barcelona-Pavillon 1929, den der spanische König Alfons XIII für eine Baustelle hält. Naja … Es ist eine fiktive Biografie, sie basiert auf Fakten, doch hat sich der Autor und Zeichner die Freiheit genommen, einige davon neu zu interpretieren.

Seiten aus dem besprochenen Band © Augustin Ferrer Casas / Carlsen

Gerade die Schließung des Dessauer Bauhauses durch die Nationalsozialisten scheint er weitaus dramatischer dargestellt zu haben, als sie tatsächlich war. Die Architekturdarstellungen sind meist sehr gelungen, die Perspektiven, gerade auch die überzogenen, sehr gut gewählt. Und als hätten wir danach gefragt, gelingt des Ferrer Casas auch noch Grundrisse schlüssig in seine Panels einzubauen.

Seiten aus dem besprochenen Band © Augustin Ferrer Casas / Carlsen

Und auch der Schlussakkord der durchaus spannenden Lektüre von über 160 dicht gefüllten Seiten ist künstlerisch sehr frei interpretiert, man beachte die Elster. Mies Frau stellt ihm sozusagen posthum auf der vorletzten Seite schließlich die entscheidende Frage „Aber war es das denn wert, Ludwig?“. Nein, wir werden hier nicht spoilern, auch wenn die Antwort nahe liegt. Aber lest und seht selbst.

„Mies van der Rohe – ein visionärer Architekt“

176 Seiten, farbig, 20 x 26,5 cm, Hardcover

Eur 20,00

Erschienen bei Carlsen

Uta Winterhager

Lesen Sie hier die Besprechung der Graphic Novel „Schwanzer. Architekt aus Leidenschaft

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