Mies van der Rohe, Ludwig (1886-1969): Convention Hall. Chicago, Illinois, 1952-54. Interior perspective. Preliminary version, 1953. New York, Museum of Modern Art (MoMA). Marbleized paper cut-out photographs (of roof-truss model and 1952 Republican Party Convention) on composition board, 33 x 48' (83.9 x 122 cm). Mies van der Rohe Archive. © 2016. The Museum of Modern Art, New York/Scala, Florence.

Das Aachener Ludwig Forum zeigt Mies van der Rohes Collagen aus dem MoMA

Ludwig Mies van der Rohe (1886–1969), einer der bedeutendsten Architekten des 20. Jahrhunderts, schuf zwischen 1910 und 1965 eine Vielzahl von Collagen, die auf faszinierende Weise die Gestaltungsprinzipien seiner Architektur verdeutlichen. Diese meist großformatigen Arbeiten sind weit mehr als skizzenhafte Begleiter des architektonischen Entstehungsprozesses: Sie sind eigenständige Kunstwerke, die frei von Zweckgebundenheit und praktischen Zwängen die reine Vision Mies van der Rohes zeigen, die Essenz seiner Ideenfindung im abstrakten Raum. Im Kontext moderner und zeitgenössischer Kunst präsentiert die vom Ludwig Forum Aachen konzipierte Ausstellung – im Jahr seines 130. Geburtstages – mit einem umfangreichen Konvolut an Leihgaben aus dem New Yorker Museum of Modern Art erstmalig die Collagen und Fotomontagen des in Aachen geborenen Architekten.

 

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Ludwig Mies van der Rohe in seiner Wohnung, Chicago, 1964. Foto: Werner Blaser.

Die Technik der Collage

Kaum eine bildnerische Technik reflektiert die ästhetischen Prinzipien, den Zeitgeist und das Lebensgefühl der Moderne wie die der Collage/Montage. Der durch Krieg, Revolution und Industrialisierung geprägte Erfahrungs- und Wahrnehmungswandel schlägt sich zu Beginn des 20. Jahrhunderts gleichermaßen in Zeitungen und Magazinen, in den bildenden und darstellenden Künsten nieder. Schon früh kamen Collage und Fotomontage auch in der Architektur zur Anwendung. Unter dem Einfluss von Dada, Konstruktivismus und De Stijl nutzte Mies van der Rohe wie kaum ein anderer Architekt diese neuen Bildtechniken, um seine künstlerischen Ideen zum Neuen Bauen in Wettbewerben, Ausstellungen und Zeitschriften zu visualisieren. Abrupte Blickwechsel, die Freiheit von Perspektive, Ort und Zeit, das Montieren von vorgefundenen Elementen und eine auf verschiedene Materialien konzentrierte Ästhetik, wie sie bei Mies zum Einsatz kommen, stehen in einem historischen Kontext zu Künstlern und Experimentalfilmern wie Georg Grosz, Hannah Höch, John Heartfield, Kurt Schwitters, Theo van Doesburg, Hans Richter und László Moholy-Nagy, um nur einige Protagonisten der künstlerischen Avantgarde zu nennen. Dass Mies auf einer Fotografie von der Ersten Internationalen Dada-Messe 1920 in Berlin abgebildet ist und Mitglied der so genannten Novembergruppe war, macht diese Verbindungen nur allzu deutlich.

 

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Ludwig Mies van der Rohe, Project for Concert Hall, 1942. Interior perspective. New York, Museum of Modern Art (MoMA). Graphite, cut-and-pasted photoreproduction, cut-and-pasted papers, cut-and-pasted painted paper, and gouache on gelatin silver photograph mounted on board, 29 1/2 x 62″ (75 x 157.5 cm). Mies van der Rohe Archive. © 2016. The Museum of Modern Art, New York/Scala, Florence. Die Collage zeigt eine amerikanische Fabrikhalle, in der genau zu jener Zeit Flugzeuge gebaut wurden, die Bomben über Deutschland abwerfen sollten.

 

Betrachtet man diesen Kontext, ist es umso erstaunlicher, dass sich diesem besonderen Teil des Werkes von Ludwig Mies van der Rohe bisher keine eigene Ausstellung oder Publikation monografisch gewidmet hat. Dabei verdienen die Collagen und Fotomontagen gerade vor dem Hintergrund ihrer engen Verbindung zu den avantgardistischen Techniken und Kunstformen und ihrem Einfluss auf den Architekten eine genauere Betrachtung. Dieses Desiderats wird sich das Ludwig Forum Aachen mit der Ausstellung Mies van der Rohe – Die Collagen aus dem MoMA erstmals annehmen – weltweit erstmals in diesem Umfang.

 

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Ludwig Mies van der Rohe, Resor House, project (Jackson Hole, Wyoming): Perspective of living room through south glass wall. 1937-1941 (unbuilt). New York, Museum of Modern Art (MoMA). Graphite and collage of wood veneer and cut-and-pasted reproduction and photograph and graphite on illustration board, 30 x 40′ (76,1×101,5 cm.).© 2016. The Museum of Modern Art, New York/Scala, Florence.

Frei von architektonischer Funktionalität

Die ausgewählten Werke spielen einerseits eine Rolle als Entwurfsillustrationen für eine potenzielle zukünftige Architektur. Projekte wie Museum For a Small City (1941-43), Concert Hall (1942), Theater (1947) oder Convention Hall (1954) zeigen ideale Räume und sind in der architektonischen wie künstlerischen Ästhetik ihrer Zeit Ausnahmeerscheinungen. Die Bedeutung der Collagen geht aber weit über eine Begleiter-Rolle des Entwurfsprozesses hinaus. Gerade weil sie völlig frei, ohne den Zwang architektonischer Funktionalität, mit visionären Raumkonstellationen spielen können, sind sie autonom und gewähren so einen tiefen Einblick in den konzeptionellen und künstlerischen Schaffensprozess. Sie zeigen die ideale Grundidee, aus der sich die Architektur ableitet – meisterhafte concetti des 20. Jahrhunderts. Die Ausstellung spannt ihren zeitlichen Bogen von einem ersten, noch von Ludwig Mies van der Rohe und seinem Bruder Ewald Mies gemeinsam eingereichten Entwurf für das Bismarck- Denkmal am Rhein (1910) über seine Tätigkeit in den USA ab 1938 bis hin zu seinen späten Werken wie dem Entwurf für die Neue Nationalgalerie in Berlin aus den 1960er Jahren.

 

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Ludwig Mies van der Rohe, Museum for a Small City,1942-43. Interior Perspective. New York, Museum of Modern Art (MoMA). Pencil and cut-out reproductions on illustration board, 30 x 40′ (76.1 x 101.5 cm). The Mies van der Rohe Archive. © 2016. The Museum of Modern Art, New York/Scala, Florence.

Im Kontext der Kunst

Die Präsentation der Werke folgt dabei einerseits der Chronologie der Entwürfe und Projekte von Mies, andererseits beleuchtet sie den zeithistorischen und künstlerischen Kontext. Ein besonderes Augenmerk liegt dabei auf den fließenden Grenzen zwischen bildender Kunst und Architektur: Mies verwendete in allen Collagen Kunstwerke von befreundeten oder sehr geschätzten Künstlern, deren Werke er selbst sammelte und die im Kontext seiner Ästhetik für ihn offenbar eine besondere Bedeutung hatten. Erstaunlicherweise unterbricht auch der Umzug in die USA diese Bezugnahme auf die Kunst nicht: Es sind immer noch dieselben „europäischen“ Werke, z.B. von Paul Klee, Wilhelm Lehmbruck, Georges Braque und Aristide Maillol, die er bevorzugt in seine Montagen integriert und die als visuelle Anker für die Betrachter eingesetzt werden. Ausgewählte Werke einiger dieser Künstler werden ebenfalls in der Ausstellung gezeigt.

 

van der Rohe, Ludwig Mies

Mies van der Rohe, Ludwig (1886-1969): Georg Schaefer Museum Project, Schweinfurt, Germany, Interior perspective with view of site, 1960-1963. New York, Museum of Modern Art (MoMA). Ink and photo collage on illustration board, 30 x 40″ (76.2 x 101.6 cm). Mies van der Rohe Archive. © 2016. The Museum of Modern Art, New York/Scala, Florence.

 

Im Ludwig Forum Aachen

Die Schau wird auf rund 600 Quadratmetern Ausstellungsfläche präsentiert. Raum für Raum werden biografisch, chronologisch und werkbezogen die Strategien, Innovationen und Formulierungen des Architekten über mehr als ein halbes Jahrhundert entfaltet. An markanten Stellen treten die Arbeiten in Korrespondenz zu einzelnen ausgewählten Werken von Künstlern, die in unmittelbarem Bezug zu den Collagen stehen oder aus der privaten Sammlung des Architekten stammen. Somit wird eine Gegenüberstellung mit Werken von Künstlern geboten, auf die in den Collagen Bezug genommen wird oder die als Impulsgeber fungiert haben. Dabei wird auch den Medien Film und Fotografie Platz eingeräumt (z.B. von Hans Richter und Alfred Stieglitz). En passant wird die Ausstellung von Werken zeitgenössischer Künstler wie Thomas Ruff, Mischa Kuball oder Sarah Morris begleitet, die sich unmittelbar mit Mies’ Schaffen auseinandersetzen.

Mies van der Rohes Collagen sind Inkunabeln der Kunst und der Architektur des 20. Jahrhunderts. Die Ausstellung hat daher das Potenzial, sowohl in der zeitgenössischen bildenden Kunst als auch der Architektur auf großes Interesse zu stoßen. Darüber hinaus bürgt natürlich die internationale Bedeutung Ludwig Mies van der Rohes für die Architekturgeschichte des 20. Jahrhunderts mit seinen Lebensstationen Aachen, Berlin, Dessau und den USA für eine breite Aufmerksamkeit des Projektes – auch weit über Fachkreise hinaus.

 

 

Mies van der Rohe Die Collagen aus dem MoMA:  28. Oktober 2016 – 12. Februar 2017 Eröffnung: Donnerstag, 27. Oktober 2016, um 19.00 Uhr

 

Ludwig Forum Aachen, Jülicher Str. 97-109, 52070 Aachen  
 

 

 

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