Holzmodell Haus Ungers im Müngersdorf. Ein Haus für die Architektur, die Ungers als umfassenden Begriff verstanden und besonders hier gelebt hat. Foto: Bernd Grimm

Ausstellung im UAA - O.M. UNGERS: PRIME CASE und Buchvorstellung

Wer in der Ausstellung O.M. Ungers – Erste Häuser, jene charakteristisch-rationale Architektur sucht, die mittels klarer Systematik zu einer leicht fassbaren Form führt, wird hier auf den ersten Blick nicht fündig werden. Die Ausstellung im Ungers Archiv für Architekturwissenschaft UAA in der Belvederestraße ist drei seiner sehr frühen Werke gewidmet und zeigt die ersten Wohnhäuser des damals 30 jährigen Architekten, die in den Jahren 1957 bis 1962 in Köln und Hennef-Sieg entworfen und gebaut wurden.

Obwohl sie sich in ihrem Charakter deutlich unterscheiden, zeigt die Kompositionen der drei hier präsentierten Häuser, deren wesentliches Bauprogramm durchaus vergleichbar ist, jeweils eine sehr spezifische Entwurfsidee, wie z. B. die Idee der Stadt im Fall des Hauses
Werthmannstraße. Die Grundrisse sind hell und labyrinthisch, die Raumeindrücke überraschend. Und dennoch können die Wohnbauten aus Ungers Frühwerk, der am 12. Juli dieses Jahres 90 Jahre alt geworden wäre, als experimenteller Ausgangspunkt seiner späteren Forschungen und morphologischen Denkansätzen verstanden werden. Denn so, schreibt Stefan Vieths, der die Ausstellung initiiert und kuratiert hat, dokumentiert sich in diesen Häusern ein grundlegender Aspekt des gesamten Werkes von Ungers: „die Auseinandersetzung mit der Form an sich, d.h. mit den Regeln ihrer Formation und Transformation und mit ihren grundsätzlichen Manifestationen: Körper und Raum“. Und O.M. Ungers‘ frühe Wohnhäuser zeigen die Entwicklung einer persönlichen Entwurfsauffassung, die sich klar von den Positionen der funktionalistischen Moderne der Nachkriegszeit unterscheidet.

Ungers verstand die Architektur als autonome Kunst, „die in der Lage 
ist – ausgehend von einem übergreifenden Konzept und unter Verwendung eigener Regeln und 
Themen –, eine umfassende Interpretation der Bauaufgabe und des Ortes zu formulieren. Die architektonische Form als dialektisches Ganzes aus Raumkomposition und baukörperlicher Fügung steht im Mittelpunkt des Entwurfes.“

 

Haus Werthmannstraße, Köln

Zwischen 1957 und 1958 entstand ein Zweifamilienhaus in einem Villenviertel in der Nähe des Kölner Zentrums. Die formale Gestaltung mit seiner asymmetrisch Anordnung reiner Baukörper erinnert an die Villen der Moderne der zwanziger Jahre…..Die formale Struktur und die Fügung der Räume nehmen einen deutlich komplexeren Charakter an.

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Haus Müller, Werthmannstraße, Köln, 1957–58 © UAA Ungers Archiv für Architekturwissenschaft

 

Ungers erklärt: „Das Wohnhaus besteht aus vier selbstständigen Baukörpern: Schlafhaus, Küchenhaus, Turm und Garage. Diese einzelnen Baukörper sind einander so zugeordnet, dass eine städtebauliche Anlage im Kleinen entsteht. Die freien Räume zwischen den Baukörpern bilden nacheinander: Eingangshof, Wohnraum, Essplatz und Innenhof.“

 

Haus Ungers, Köln

Das Haus Belvederestraße bildet den Kopfbau einer Reihenhauszeile in einem gemischten Wohngebiet in Köln. Es ist das Haus des Architekten und seiner Familie mit einem Büro und zwei Mietwohnungen. Es handelt sich um eine komplexe Raumkomposition,
die sich in einer baukörperlichen Gestaltung von stark skulpturalen Charakter ausdrückt. Die Plastizität, insbesondere der Hauptfassade, erinnert deutlich andie Architektur des deutschen Expressionismus der frühen zwanziger Jahre.

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Haus Ungers, Belvederestraße 60, Köln, 1958–59 © UAA Ungers Archiv für Architekturwissenschaft

 

Die architektonische Form nimmt auf klare und entschiedene Weise Bezug auf den Ort, auf den morphologischen Kontext, bis zu dem Punkt, dass sie das Satteldach des angrenzenden Reihenhauses aufnimmt und fortführt. Sie verwendet das Material – den Ziegel
– und typische Elemente der Nachbarschaft wie beispielsweise die Mauern, die die Grundstücke einfassen.

Haus Wippenhohnerstraße, Hennef-Sieg

Dieses Einfamilienhaus entstand 1962 und befindet sich auf einem relativ großen Grundstück an der Peripherie einer Kleinstadt in der Nähe von Köln, in einem Mischgebiet mit Wohnbauten und kleinen Gewerbebetrieben. Es handelt sich um eine kompakte, auf einer quadratischen Figur basierenden Form, die mittels des Prinzips der Subtraktion so modifiziert wird, dass ein Innenhof entsteht. Die Komposition in Ziegel, die an einige Bauten von Alvar Aalto erinnert, wird wesentlich von einem L-förmigen Hauptbaukörper bestimmt, der durch ein großes Pultdach betont wird. Das Haus ist um den herausgearbeiteten Innenhof organisiert, der sich an einer Ecke zum Garten öffnet.

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Haus Steimel, Wippenhohner Straße, Hennef-Sieg, 1961–62 © UAA Ungers Archiv für Architekturwissenschaft

 

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Entwurf Haus Steimel, Wippenhohner Straße, Hennef-Sieg, 1961–62 © UAA Ungers Archiv für Architekturwissenschaft

 

Die Entwurfsentscheidungen erklärt Ungers wie folgt: „Der Wunsch des Bauherrn, eines jungen Ehepaars, war es, einen Ort der Abgeschlossenheit gegenüber der Umgebung zu erhalten. Aus diesem Grunde wurde das Haus um einen Innenhof geplant und nach außen durch einen Erdwall und abschließende Mauern abgeschirmt. Die Dachflächen setzen sich in den Böschungen fort.“

Beschreibungen der drei Häuser aus: Stefan Vieths, OM. UNGERS: ERSTE HÄUSER

 

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Blick in den Ausstellungsraum: Im Vordergrund das Holzmodell des Hauses Belvederstraße im Hintergrund der zweigeschossiger Bibliothekskubus der 1990 in den Garten gebaut wurde . Foto: Bernd Grimm

 

Die von Stefan Vieths initiierte und konzipierte Ausstellung bildet den Auftakt zu einer dreiteiligen Ausstellungsreihe zum Schaffen des Architekten, die zentrale Aspekte seines Werkes aufzeigen soll. Die Ausstellung geht auf eine Kooperation mit der Politecnico di Milano und dem Architekturmuseum der TU Berlin zurück und wird nun nach Ausstellungsstationen in Mailand und Berlin vom 07. September bis zum 07. Oktober in Köln zu sehen sein. Stefan Vieths ist Architekt und war als langjähriger Mitarbeiter von O.M. Ungers an zahlreichen seiner wichtigsten Projekte, wie dem Wallraf-Richartz-Museum in Köln, beteiligt.

Zur Ausstellung erscheint das Buch O.M. UNGERS: PRIME CASE, sowohl in englisch, italienisch und deutsch. In ausführlichen und fundierten Texte von Stefan Vieths, mit Vorwörtern von Sophia Ungers und Frederico Bucci, werden die in der Ausstellung gezeigten Exponate vertieft und in den architekturhistorischen Kontext gestellt.

Barbara Schlei

 

Die Ausstellungseröffnung und Buchvorstellung ist am Dienstag,
06. September 2016, von 19 – 21 Uhr.

Zur Einführung der Ausstellung spricht Stefan Vieths.

 

Ein zweites Buch
Anlässlich der Ausstellungseröffnung stellt der Architekturhistoriker und -kritiker Wolfgang Pehnt das in der Opus-Reihe der Edition Axel Menges neu erschienene Buch „O.M. Ungers – Belvederestraße 60, Köln-Müngersdorf“ in einem Vortrag vor.

Ausstellung: 07. September – 07. Oktober 2016
Öffnungszeiten: So – Fr 11 – 16 Uhr
Der Eintritt ist frei

 

Tag des offenen Denkmals am Sonntag, den 11.9.2016

Das UAA Ungers Archiv für Architekturwissenschaft nimmt in diesem Jahr erstmals am Tag des offenen Denkmals teil. Unter dem Titel “Der architektonische Kosmos von O.M. Ungers” finden um 11 Uhr, 14 Uhr und 16 Uhr jeweils 60-minütige Führungen durch das bauliche Ensemble Belvederestraße 60 statt. Es sind noch Restplätze verfügbar. Anmeldung unter 0221 – 94 98 36 0 oder koeln@ungersarchiv.de.

UAA UNGERS ARCHIV FÜR ARCHITEKTURWISSENSCHAFT
Belvederestr. 60 | D-50933 Köln

 

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2 Antworten auf “Drei Häuser”

  1. Beines, Joh, Ralf

    Schade, dass Ungers nicht viel mehr für Köln entwerfen konnte! Wie viele architektonische Schandtaten, die Köln nach 1945 so unendlich gründlich verunstaltet haben und noch verunstalten, wären der ehedem so schönen Stadt erspart geblieben!

    Antworten
  2. Hans-Peter Steimel

    Sehr geehrte Damen und Herren,
    bei der Adressierung des Hauses Steimel ist leider ein Fehler unterlaufen.
    Dieses Haus steht/stand im Zentrum von Hennef in der Beethovenstraße.
    Derzeit gibt es zum akuten Abriss eine Auseinandersetzung zwischen der Stadt Hennef und der Eigentümerfamilie.
    Die Adresse Wippenhohnerstraße hat sich vermutlich durch die Namensgleichheit zu meinem Onkel ergeben.

    MfG
    Hans-Peter Steimel

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