ABC

Was alles in unserer gebauten Umwelt gestaltet ist, will die Internetseite BAUKULTUR ABC – ein Baustein der Kampagne SEHEN LERNEN zeigen.

Das ABC versucht eine Kategorisierung der gebauten Umwelt, um die Vielfalt menschengemachter Objekte bewusster wahrzunehmen. So ist das BAUKULTUR ABC – ein Baustein der Kampagne SEHEN LERNEN der Landesinitiative StadtBauKultur NRW – als pädagogisches Instrument geplant: Erst wahrnehmen, um als Fernziel eine bessere Baukultur einfordern zu können. So ungefähr steht es auf der Startseite.

Das ist eine gute Idee. Tatsächlich nimmt der Bürger gewöhnlich die urbane Umgebung nicht anders wahr, als die natürliche Umgebung, nämlich hinnehmend. Was er in der Stadt sieht, ist eine unentwirrbar komplexe Summe historischer Materialisierungen. Denn alles was gebaut und gestaltet wurde, ist zunächst abgeschlossen und vorhanden, auch Veränderungen sieht er gewöhnlich als Unbeteiligter. So akzeptiert sein Blick die Fußgängerzone als urbanes Schicksal und siedelt den eigenen Einfluss auf dieselbe mit realistischem Alltagsrealismus de facto bei Null an. Natürlich kann man Bürgerinitiativen gründen, sich an Bürgeranhörungen beteiligen oder ein Baumogul werden. Das aber sind schon Bestrebungen, die über die gemeine Alltagsambition hinausgehen.

Da stelle mer uns janz dumm

Weil der Alltagsblick auf die gebaute Umgebung hinnehmend ist, sieht er nicht viel, weil er nicht viel unterscheidet. Also ist es gut, sich einfach mal komplett dumm zu stellen und den urbanen Komplex zu unterteilen in Kategorien wie: Wohnen | Arbeiten | Stadtleben | Erholen | Lernen | Transportieren. So haben es die Macher vom BAUKULTUR ABC getan und fahren fort mit Subunterteilung. Beim Wohnen z.B. sind das: Häuser | Siedlungen | Regionales Wohnen, weiter geht es mit den Subsubunterteilungen. Über all diese Einteilungen kann man sicherlich streiten und zweifellos fehlt hier vieles. Aber der Ansatz ist gut.

Ein bisschen Truman Show

Allerdings hat der Anspruch einer Wahrnehmungsschule auch eine erhebliche Dimension. Dahinter fällt die Umsetzung etwas zurück. Denn die Seite BAUKULTUR ABC ist eine angenehm anzuschauende Flash-Seite. Hier dominiert die Nettigkeit des Designs die Befreiung und Ausdifferenzierung der Wahrnehmung. Ein bisschen sieht alles aus wie in der Truman Show. Es gab unlängst Anmerkungen zur negativen Auswirkung von Powerpoint auf die Kunst der Rede, möglicherweise sind auch einige Anmerkungen zur enger werdenden Wahrnehmung in Zeiten vorkonfektionierten Flash Seiten nachzutragen. Die Welt ist hier einfach etwas zu einfach, zu sauber, zu schön. Es sind keine Fußgängerzonen zu sehen wie sie uns die 1970er-Jahre beschert haben, keine Treppenhäuser als feindliche Zonen, wenig Zersiedelungssünden, keine Mischgebiete oder Baulücken. Auch die Umbauten, die „gestaltenden“ Anstrengungen, oder sollte man sagen Übersprungshandlungen, einer ganzen Generation von Obi-Kunden sind nicht zu sehen … Aber dies soll keine kleinliche Kritik sein.

Oder so:

Wenn der Wille und das Geld da wären, ließe sich dieses schöne Projekt zu einem brauchbaren Wahrnehmungsinstrument erweitern. Dazu kommen hier einige ungebetene Vorschläge:

Das ABC könnte angelegt sein wie ein guter Bildbetrachter, der einen komfortablen Zugriff auf die unter den verschiedenen Kategorien angeordneten Bilder erlaubt.

Der Bildpool könnte sich speisen aus Bildern, welche die Nutzer selbst hochladen, er könnte auch Zugriff auf vorhandene Bildpools erlauben, eine redaktionelle Filterung bliebe dabei möglich. Bildinhalte und Redaktion zu entkoppeln hätte den Vorteil, dass die Seite sich jenes anekdotischen und niedlichen Charakters entledigte, der sich zwangsläufig ausbildet, wenn eine Redaktion versucht, die ganze Welt mal eben in Kategorien einzuteilen. Das Urbane ist immer komplexer, und geht immer über den Horizont einer egal wie intelligenten und wachen Redaktion hinaus – schließlich nutzt und sieht jeder das Urbane anders. Es gibt Wahrnehmungen des urbanen Raumes, auf die man einfach nicht kommt oder die man kaum sieht (man denke etwa an die Anhänger des Degree Confluence Projekts, das sind Menschen, die die Schnittpunkte von Längen- und Breitengraden besuchen – das wäre ein skurriles Beispiel – oder die langsame und deswegen kaum sichtbare Mediteranisierung des öffentlichen Raumes in deutschen Großstädten, welche die Plätze verändert hat, oder, oder, oder). Deswegen müsste es auch offene Kategorien geben oder solche, die sich erst entwickeln können.

Es ginge auch anders

Wichtig wäre auch eine Funktion, die jeder gute Bildbetrachter hat, nämlich eine Vergleichsfunktion: Zwei Bilder nebeneinander, z.B. links die klassische Schreinertür, rechts die Alu- oder Kunststoffvariante (o.k. ein notorisches Beispiel), oder links das geplante Einfamilienhaus, rechts dasselbe 30 Jahre später oder, links ein Dorfplatz im Schwäbischen, rechts einer im Friesischen etc. Noch weiter gedacht: Es könnte auch europäische Vergleiche geben, denn das ganze muss nicht auf den deutschen Blick beschränkt bleiben: links die Fassadenfarben in einer holländischen Neubausiedlung, rechts die einer deutschen …

So könnte sich in die schicksalsergebene Verfassung des Blicks auch der Wunsch mischen, dass alles auch anders sein könnte.

Baukultur ABC

Axel Joerss

Die Startseite von www.baukultur-abc.de

Die komplexe Summe historischer Materialisierungen zwingen zur Frage: Hat das Kollektiv ein Subjekt? Und wenn ja, kann es sich bessern?

Der Designer liebt die Schrebergärten, denn er sieht in der Idylle, von der er sich weit entfernt wähnt, irgendwie auch sich selbst – wurde das überhaupt schon mal untersucht?

1 Kommentar

eine nette Idee…
Aber stellt man sich vor über diese Seite unsere gebaute Umwelt sehen lernen zu müssen, da wünscht man sich doch lieber blind.
Kann das denn alles sein?

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