Der Deutsche Pavillon auf der Biennale in Venedig Ausschnitt eines Fotos von Andrea Avezzù, Courtesy la Biennale di Venezia

Mit copy - paste von Bonn nach Venedig

Auf der 14. Architekturbiennale in Venedig gelangte der Bonner Kanzlerbungalow im Deutschen Pavillon zu neuem Ruhm und alter Schönheit. Vielleicht wirkt er in Venedig, wo er selbst einmal im Vordergrund steht, eleganter und reiner als er es in Bonn jemals gewesen ist, wo er benutzt, bewohnt und nur selten bewundert wurde. Diese tragende Rolle steht ihm gut.

Die Züricher Architekten Alex Lehnerer und Savvas Ciriacidis haben ihn aus seinem Bonner Kontext gerissen und eine material- und maßstabsgetreu Kopie zum Ausstellungsobjekt gemacht. Nicht nur im Titel des Projektes „Bungalow Germania“ überschneiden sich die beiden Architekturen, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Was die eine zuviel hat, lässt die andere vermissen, denn die Frage der Repräsentation löst jede Ära für sich immer wieder neu. Für 2014 in Venedig lässt sich allerdings sagen, dass Deutschland außergewöhnlich gut dasteht.

„Bungalow Germania“. Ausschnitt eines Fotos von Andrea Avezzù, Courtesy la Biennale di Venezia

 

Doch zurück vom Lido an den Rhein: Bonn als Regierungssitz hatte sich zu Beginn der 60er Jahre weitgehend etabliert. Obschon provisorisch, mit dem Aufbau nach dem Wiederaufbau erkannte man die Möglichkeit, der jungen Bundesrepublik in der Gestalt der Regierungsbauten ein neues Gesicht zu verleihen. Das Kanzleramt sowie die Privat- und Empfangsräume des Kanzlers befanden sich bis dahin im neoklassizistischen Palais Schaumburg – repräsentativ in einer historischen Parkanlage am Rhein gelegen. Und eben dort sollte das neue Wohn- und Empfangsgebäude des Bundeskanzlers errichtet werden. Durch Kanzler Ludwig Erhard wurde der Architekt Sep Ruf 1963 mit dem Neubau beauftragt. Ruf war nicht nur Erhard nach dem Bau von dessen Wohnhause am Tegernsee 1954 gut bekannt, in Zusammenarbeit mit Egon Eiermann hatte er auch die deutsche Pavillongruppe für die Weltausstellung in Brüssel 1958 gebaut, die international sehr gute Kritiken erhielt.

 

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Verborgen im Park des Palais Schaumburg. Foto: Uta Winterhager

 

Somit war mit der Entscheidung für den Architekten auch quasi schon die Entscheidung für die Bauform gefallen: In das zum Rhein hin leicht abschüssige Parkgrundstück setzte Ruf zwei eingeschossige quadratische Atriumbauten, die sich an einer Ecke berühren. Die einfache Grundform interpretierte er entsprechend den unterschiedlichen Anforderungen des offiziellen und des privaten Bereichs. Doch das gewünschte offene Erscheinungsbild, das Ideal der Verschmelzung von Innen und Außen, ließ sich nur in dem größeren, zur Repräsentation bestimmten Baukörper angemessen realisieren: der rundum verglaste, wenn auch gardinenverhangene, Stahlskelettbau ermöglichte einen nicht nur sturz- und stufenlos fließenden Übergang vom Innenraum zu Park und Hof, sondern auch einen hoch flexiblen Grundriss, der durch zahlreiche Versenk- und Schiebewände jeder Gesellschaft angepasst werden konnte. Eben diese Offenheit war im privaten Teil des Bungalows nicht erwünscht, und führte die Pavillon-Idee ad absurdum.

 

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Der Pool, der die Gemüter erregte ist kleiner als viele dachten. Foto: Uta Winterhager

 

Die beiden Seiten, an denen sich die Privaträume des Kanzlers und der Kanzlergattin befinden, wurden mit gelblichem Klinker geschlossen. Dadurch vollkommen introvertiert, wird das Atrium – mit Schwimmbecken – zum Mittelpunkt des privaten Wohnbereiches. Die Größe der Schlafzimmer entspricht der eines einfachen Hotels, persönliche Bereiche, wie Wohnzimmer oder private Küche für die Kanzlerfamilie sah das Raumprogramm nicht vor. Und nicht zuletzt dieser räumlichen Disposition ist zuzuschreiben, dass einige der Nachfolger Erhards keinen rechten Gefallen an der für sie bestimmten einerseits demokratisch-transparenten und andererseits klösterlich kargen Heimstatt fanden.

 

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Die Wohndiele. Was Ruf meine, kann man noch erahnen. Foto: Uta Winterhager

 

Viele Teile der Originalausstattung wie Lampen und Einbauschränke wurden von Ruf eigens für den Bungalow entworfen. Mit schönen Details und edlem Material wie Travertin für die Böden und Palisander an den Wänden, Mobiliar überwiegend aus der Herman-Miller-Collection, entstand, eingebettet in den Park und umgeben von Plastiken, ein charakteristisches Ensemble. Vielen Kritikern erschloss sich aber die moderne Eleganz nicht, und mit der Bundesregierung als Bauherr, wurde die Architektur zum Politikum. Von Adenauer bis Gropius, die Vitrine des Kanzlers erregte die Gemüter: Jeder wollte sich über die Unzumutbarkeit bzw. die Qualitäten äußern. Immer wieder stieß es Kritikern auf, dass die neue Bauform auch Auswirkungen auf das Erscheinungsbild des Kanzlers hatte: so der Verzicht auf die herrschaftliche Mittelachse, auf eine gravitätisch geschwungene Treppe, überhaupt der Verzicht auf die Vertikale. Ein Kanzler, der seinem Gast die große gläserne Eingangstür aufschiebt, um ihn dann schwellenlos hinein zu bitten, erschien fragwürdig. Aber Ruf hatte bewusst auf tradierte, großbürgerliche Werte verzichtet, um mit dem Bungalow – so wünschte es auch Ludwig Erhard – eine weltoffene und qualitätsbewusste Gesinnung zu zeigen.

 

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Das Zimmer der Kanzlergattin. Foto: Uta Winterhager

 

Erhard bewohnte den Bungalow nur knapp zwei Jahre, nach seinem Rücktritt zog Kiesinger ein – allerdings erst, nachdem eine Innenarchitektin die Ausstattung wohnlicher gemacht hatte. Dieser Maßnahme fiel unter anderem auch die lange Tafel im Speiseraum zum Opfer, die, wenig feinfühlig, durch einen runden Tisch ersetzt wurde. Brand, seine große Kinderschar vorschiebend, verweigerte den Einzug, ließ den Originalzustand jedoch größtenteils wieder herstellen und nutzte den repräsentativen Teil des Gebäudes. Schmidt und Kohl bewohnten den Bungalow – Kohl sogar noch, als Schröder im vorderen Teil schon repräsentierte.

 

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Kohls Inszenierung des Speisezimmers wurde auch nach der umfassenden Sanierung erhalten – als Zeugnis der Geschichte. Foto: Uta Winterhager

 

Heute erscheint der denkmalgeschützte Bungalow ein wenig abgewohnt, jeder Hausherr hat Spuren hinterlassen und die überdauerten auch die umfangreiche Sanierung: geschmackliche Irrungen wie die Lichtdecken, der runde Tisch im Speisezimmer und die bunt gemusterten Teppiche; persönlicher Bedarf, darunter Schmidts Sauna im Keller oder die zu Kohls Zeiten eigens für Schäuble eingerichtete barrierefreie Toilette und Ergänzungen zur Sicherheit der Bewohner, wie der Bunker im Keller und die Panzerglaswand zur Rheinseite.

Uneinsehbar hinter Bäumen und Mauern, entzieht sich der Bungalow der Öffentlichkeit, einen Einblick in den einst so intimen, inzwischen geschichtsträchtigen Bestand, geben die Führungen, die das Bonner Haus der Geschichte regelmäßig sonntags um 14.00 und 15.00 Uhr und für Gruppen auf Anfrage anbietet.

 

Uta Winterhager

 

Teile dieses Textes stammen aus einem Beitrag, der in der Bauwelt /2003 veröffentlicht wurde

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