Energetischer Stadtumbau am Beispiel Kölns

Längere Laufzeiten für die deutschen Atomkraftwerke waren 2010 schon beschlossene Sache. Eigentlich. Dann kam es in Japan im März 2011 zu jener fürchterlichen Kettenreaktion aus Seebeben, Tsunami, Überschwemmungen und Reaktorunfall im Kernkraftwerk Fukushima, die auch in Deutschland die Skepsis gegenüber der Atomkraft auf ein nie gekanntes Niveau hat steigen lassen. In der Folge wurde unter der gleichen Regierung, die kurz vorher die Werbetrommel für eine Verzögerung des – von ihrem Vorgängerkabinett – beschlossenen Ausstiegs aus der Atomenergie rührte, genau dieses im Juni 2011 beschlossen: In Deutschland sollen bis 2020 alle Atomkraftwerke heruntergefahren werden. Erstaunlich schnell wurde dieser Beschluss gefasst.

Grenzen des Zögerns

Seitdem nun beschäftigt man sich hierzulande intensiv mit der Frage, wo denn all die Energie, die wir bis dato mittels Kernspaltung erzeugen, in Zukunft herkommen soll, beziehungsweise wie wir sie einsparen können. Immer deutlicher wird, dass gesellschaftliches Handeln global wie lokal schleunigst auf den Prüfstein gestellt werden muss. Zwar warnt der Club of Rome seit 42 Jahren beständig, dass die „Grenzen des Wachstums“ eines Tages erreicht sein werden und mit dem steten Wachsen auch das der Müllberge und der Mengen ausgestoßenen CO2 einhergehen, doch scheint es, als realisierten erst allmählich breitere Teile der Bevölkerung, dass ein Wandel wirklich von Nöten ist. Und da sich hier die Wählerstimmen und – wohl noch wichtiger – die monetär potenten Konsumenten finden, hält dieses Bewusstsein langsam auch in Politik und Wirtschaft Einzug.

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Sanieren, Umbauen, neue Energiequellen erschließen und mit Gestalltung Akzeptanz schaffen. Foto: smart citty concepts

Eines der in den letzten Jahren meistgenutzten Schlagworte in diesem Zusammenhang ist – neben der allgegenwärtigen Nachhaltigkeit – „smart city“: Reichlich schwammig und scheinbar erfrischend international wird der Begriff seit einigen Jahren entsprechend inflationär gebraucht. Aber was verbirgt sich hinter diesem Begriff, was macht eine Stadt smart? Unterschiedliche Publikationen und Forschungsvorhaben haben sich diesen und weiteren Fragen seither angenommen.

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Ein Beispiel: Iller Wasserkraftwer, Kempten Becker Architekten Foto: smart citty concepts

Die Suche nach Lösungsansätzen für ein Leben in der „Post-carbon-era“ und der Einsatz von verschiedenen Techniken scheinen dabei eine Rolle zu spielen: Versuchte Antworten darauf, so scheint es, wie wir künftig mit weniger oder möglichst ganz ohne Kohlenstoffdioxidausstoß existieren können – und zwar ohne groß auf all die Annehmlichkeiten von Heute zu verzichten. Zum Einsatz kommen in der smart city dabei je nach Ausrichtung unterschiedlich geartete Technologien und Konzeptionen: von der Vernetzung der Haushalte mit unseren elektronischen Endgeräten und individuellen Fahrzeugen über den flächendeckenden Einsatz von Gebäudeautomationen hin zur Wiederentdeckung autochthoner und kybernetischer Systeme zur Regulierung des städtischen Energiebedarfs.

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Energiebunker, Hamburg Wilhelmsburg, HHS Planer + Architekten AG Visualisierung: smart citty concepts

Smartness and Sensibility

An der Fachhochschule Köln führte das Forschungsvorhaben „Sustainable Brandscape NRW – Smart City Cologne 2022“ im Fachbereich Corporate Architecture der Fakultät für Architektur bereits im letzten Jahr zu einer recht umfänglichen Publikation. Ziel war es, von aktuellen internationalen Entwicklungen zu lernen, Best-Practice-Modelle zu analysieren, in einem nächsten Schritt den Bezug zu konkreten urbanen und regionalen Situationen herzustellen sowie Konzeptideen und Werkzeuge im Entwurf zu überprüfen. Köln wäre nicht Köln, wenn man nicht die Domstadt selbst als Versuchslabor ausgewählt hätte. Bei genauerer Betrachtung macht dies aber durchaus Sinn, denn Köln ist ob seiner Lage mit Anbindung sowohl an die See als auch an die Mittelgebirge doch prädestiniert dafür, etwa die Theorie des CO2-freien Energiemix zu überprüfen: die auf unterschiedliche Art und Weise aus Sonne, Wasser und Wind gewonnene Energie liegen hier relativ nahe.

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Umsetzungs- und Projektbeispiele: hier der Kölner Neumarkt. Foto: smart citty concepts

Das gut 250 Seiten dicke Buch wartet zunächst mit lesenswerten und fundamentalen Texten von Andreas Denk und Christian Holl auf, die die Thematik und ihr zugrunde liegenden Problemstellungen griffig umreißen. Anschließend wird unter dem Titel „Raumstruktur und Energielandschaft“ prägnant dargestellt, wie und in welcher Form in Deutschland Energie erzeugt und wieder verbraucht wird, wo Überschüsse und wo Bedarfsmomente auftreten. In einem dritten Teil führt die Publikation ein weltweites „Screening“ als wissenschaftliche Methode ein, bei dem beispielhafte und prototypische Projekte als Fallstudien herangezogen und anhand einer erarbeiteten Matrix mit Begriffen wie „Innovationsgehalt“, „Kosten“, „Gestaltungspotential“, „Image“ oder „Wahrnehmung“ auf ihre Praktikabilität und ihr sinnstiftendes Potential hin überprüft und bewertet werden. Destilliert werden so im vierten Kapitel des Buchs acht unterschiedliche Themen von „urban energy farming“ über „grid/ICT/interfaces“ und „mobility systems“ hin zu „new typologies e-buildings“ und „integrated house tech“. In der Folge wird der Blick auf Köln als Prototyp der gewachsenen europäischen Stadt gelegt und schließlich auf Basis der erarbeiteten Themenschwerpunkte konkrete Studienprojekte vorgestellt.

Lohnenswert ist „Smart City Concepts“ vor allem seines methodischen Charakters wegen. Die Art und Weise wie die Thematik gefasst, die Begrifflichkeiten analysiert und prägnante beispielgebende Projekte kombiniert werden, darf als gelungen betrachtet werden. Auch der Blick auf Köln konkretisiert ein Thema angemessen, das bis dato oft zu abstrakt und mit Blick auf Konzeptionen in den Golfstaaten, Fernost oder den USA behandelt wurde. So leistet das Buch dringend notwendige Basisarbeit für einen Komplex aus Fragen, Aufgaben und Lösungsansätzen, deren Nachvollzug gewinnbringend für Planerinnen und Planer gleichermaßen wie für Entscheidungsträger ist.

David Kasparek

 

Katrin Hanses, Jochen Siegemund, Dietmar Koering, Jan Schulz:Smart City Concepts. Konzepte für den energetischen Stadtumbau am Beispiel Köln, 264 S., ca. 140 farb. Abb., deutsch, gebunden, 21 x 28 cm, avedition, Ludwigsburg 2013, 29,90 Euro, ISBN: 978-3-89986-187-7

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Foto: smart citty concepts

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