BDA und Schauspiel auf der schääl Sick

Der BDA lud zu einem Montagsausflug nach Mülheim – in die ehemalige Kölner Institution Felten & Guilleaume und damit ins Theater. Seit Beginn dieser Spielzeit und der Intendanz Stefan Bachmanns ist das Kölner Schauspiel komplett ins Rechtsrheinische gezogen. Bis Mitte 2015, wenn das Stammhaus am Offenbachplatz fertig sein soll, werden mit dem „Depot 1“ und „Depot 2“ zwei Fabrikhallen im Carlswerk bespielt, ein Gelände, auf dem früher mal Kabel hergestellt wurden. Ansässig war hier seit 1874 die Firma Felten & Guilleaume, lange Jahre ein führendes Unternehmen für Seile, Drahtseile, Kabel und auch Elektrotechnik. Bis zu 20.000 Angestellte arbeiteten für die Firma – warum sie letztendlich 2004 im Sog der Firmen-An- und -Verkäufe unterging, ist für den Laien kaum nachvollziehbar.

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Das dem Schauspiel gegenüberliegende Gebäude auf demGelände des Carlswerks (wird noch umgebaut). Foto: Vera Lisakowski

Theater inspiriert vom Raum Die Firmengeschichte war aber nicht relevant bei der Suche nach einer Ausweichspielstätte für das Schauspiel. Vielmehr waren es die Örtlichkeiten mit zwei voneinander räumlich getrennten geeigneten Hallen, die mit einer weiteren – als Foyer genutzten – Halle verbunden sind. So können die Räume, anders als in der vergangenen Spielzeit in der Expo XXI, gleichzeitig bespielt werden, ohne dass sie sich gegenseitig stören. Trotzdem sind die Räume ungewohnt: Es gibt keinen Schnürboden und keine Seitenbühne, was Kulissenwechsel während der Aufführung nur schwer möglich macht. Eine Unterbühne gibt es nicht, nur harten Betonboden. Das eröffne aber auch andere Möglichkeiten, erläutert Dramaturgin Nina Rühmeier. Wasser oder Sand – wie in dieser Spielzeit zum Beispiel in „Genesis“ oder „Judith“ demonstriert – sind kein Problem. Inspiriert hat der riesige Raum im Querformat des Depot 1 sicher auch Stefan Bachmann für die Ausstattung seiner Eröffnungsproduktion „Der Streik“: Er lässt Gleise für einen Güterzug verlegen und einen Laster in die Halle fahren, der mit gewaltigem Radau die Steine für das Gleisbett ablädt.

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Das Foyer des Schauspiels liegt zwischen den beiden Hallen, in denen gespielt wird.

Garten für die Nachbarschaft Wie der Ort die Theatermacher beeinflusst, ist das eine – hat aber das Theater auch eine Auswirkung auf das umliegende Quartier? „Ich kann nicht sagen, dass die Leute aus Mülheim jetzt in Scharen ins Theater kommen“, gibt Nina Rühmeier zu, „der Carlsgarten zieht aber Leute aus der Umgebung an.“ Der Carlsgarten ist ein von Stefan Bachmann initiiertes Urban-Gardening-Projekt vor dem Eingang zum Depot, der mit Biertischen und Stühlen zum Verweilen vor und nach dem Theater einlädt, in dem aber auch regelmäßig mit der Nachbarschaft gegärtnert wird. Gesäumt wird der Garten von einer teils begrünten Containerkonstruktion, in der sich „Die Grotte“ befindet, eine winzige Bühne, an der sich Regieassistenten ausprobieren können. Gerade aber die Aufenthaltsqualitäten des Gartens, auch die Restaurants direkt am Theater, führen dazu, dass sich die Zuschauer kaum in die Umgebung wagen. Wer nicht mit dem Auto direkt bis aufs Gelände kommt, kauft auf dem Weg zur Straßenbahn vielleicht noch ein Fladenbrot auf der Keupstraße – das war es dann aber auch.

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„Die Grotte“ in den Containern im Carlsgarten Foto: Vera Lisakowski

Spurensuche zum Gelände Womöglich war es der Wunsch nach mehr Verzahnung, vielleicht aber auch nur die Lust an der Recherche zum Ort, die das Schauspiel Köln bewogen hat, die Firmengeschichte von Felten & Guilleaume in einer Theaterinstallation aufzuarbeiten. Und schon beim Reingehen in die Halle – ausnahmsweise durch das Rolltor und nicht durch die Eingangstür – ist zu sehen, dass hier anderes Publikum kommt. Einige ältere Herren sind dabei, die sich neugierig fragen, was und wen sie wohl erkennen mögen. Offenbar ehemalige Angestellte von Felten & Guilleaume, die noch mal in die ruhmreiche Vergangenheit dieser Kölner Institution eintauchen möchten. Sie werden nicht enttäuscht: Bei „Carls Werk“ werden auf drei Leinwänden Impressionen aus den heutigen, leeren Werkshallen gezeigt, aber auch Videos aus der Vergangenheit. Parallel dazu spielen Annika Schilling und Stefko Hanushevsky auf der Bühne wechselnde Rollen, interagieren mit den Leinwänden, stellen – sehr amüsant – die Anfänge der Firmengeschichte pantomimisch dar und schaffen es, beim Vortragen der Originaldokumente eine Haltung durchklingen zu lassen.

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Der Einlass zum Stück „Carls Werk“ erfolgt durch das Fabriktor. Foto: Vera Lisakowski

Alles original Denn: Dieser Abend besteht ausschließlich aus Interviews und Originaldokumenten aus dem Firmenarchiv von Felten & Guilleaume. Die Dokumente werden live vorgetragen oder in einem der Videos gesprochen oder re-enactet, im Interview kommen neben Stephan von Guilleaume auch ehemalige Angestellte zu Wort. Man könnte den Machern an dieser Stelle unkritisches Herangehen oder einseitige Recherche vorwerfen, weil sie die Geschichte nicht objektiv aufbereiten. So aber gelingt es, die Geschichte des Ortes noch einmal in herausragenden, variantenreichen Filmbildern und einem unterhaltsamen Spiel aufleben zu lassen und Faszination für die Traditionsfirma Felten & Guilleaume auch bei jenen zu wecken, die sich bislang kaum damit beschäftigt haben. Vera Lisakowski

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