Auf eigene Art einem Beispiel folgen

Neue Ansätze – Feyyaz Berber Architekt BDA

Aufgewachsen in Mönchengladbach und in Istanbul, lag die Wahl des Wohnorts irgendwie auf der Hand: „Das soziale Umfeld auf der einen Seite, auf der anderen Seite wollte ich nach dem Studium in Aachen nicht zurück nach Mönchengladbach, und Köln mag ich als Stadt einfach gerne.“ Feyyaz Berber erzählt mir das, während wir Kaffee und Tee trinken. Wie fast alle Gespräche derzeit, sind wir nur über Video und per Rechner miteinander verbunden. Es funktioniert trotzdem.

Feyyaz Berber Architekt, Umbau Wohnhaus Kendenicher Straße, Köln 2018 – 2020 © Fotos: Stefan Müller, Berlin

Ende der 1960er kommt die Familie des nun also in Köln arbeitenden Architekten als Gastarbeiter nach Deutschland, „…und wie das bei der ersten Generation war, gab es immer ein Hin und Her“, erzählt Berber. Das Interesse an der Architektur wächst dabei fast von Anfang an: „Seit frühester Kindheit gibt es bei mir die Faszination für die Architektur.“ Was wie ein Klischee klingt, erklärt Berber direkt: „Wir wohnten in einem alten Istanbuler Haus, in dem auf jeder Etage ein Familienmitglied lebte. Weil meine Mutter die älteste war, wohnten wir ganz oben, darunter ihre Geschwister und eben auch mein Onkel. Er hat mir immer wieder Geschichten über den legendären osmanischen Architekten Sinan erzählt. Auch wenn das Mythen sind, die so nicht genau passiert sind, haben sie in meinem kindlichen Gehirn etwas ausgelöst.“

Feyyaz Berber Architekt und Timo Steinmann, Haus des Gastes, Wettbewerb, Nebel auf Amrum 2020, alle Abb: Feyyaz Berber und Timo Steinmann

„Ich habe Sinan einfach gefeiert“

Der Mix aus den, wie Feyyaz Berber lachend sagt, „teilweise bis zur Lügengeschichte“ überzeichneten Mythen und der Konfrontation mit den Bauten, die Sinan gebaut hat oder gebaut haben soll, lassen in dem kleinen Jungen im alten Istanbuler Haus „eine Überzeugung entstehen, auf diesen Beruf hinzuarbeiten, ohne dass meine Eltern mich dazu angehalten hätten.“ Er erzählt die Anekdote, wie Sinan mittels einer zurückgelassenen Schriftenrolle an der Blauen Moschee – eigentlich ein Bau von Sedefkar Mehmed Agha – auch Jahre nach seinem Tod einen einfachen Bauarbeiter dazu befähigte, eben diesen Bau zu reparieren. „Als Kind dachte ich natürlich: ‚Okay, so will ich werden!‘“(lacht)

Diese Geschichte, so Berber, stehe für ihn für vieles, was den Beruf des Architekten ausmache, unter anderem der Blick in die Zukunft und auf die potentiellen Dinge, die passieren, aber vielleicht auch nie eintreten. Im Nachhinein interpretiert der Architekt das als sein erstes Momentum „des Fan-Seins“: „Ich habe Sinan einfach gefeiert!“

Im Studium sind es dann zunächst vor allem wissenschaftliche Mitarbeiter wie Georg Rafailidis (Davidson Rafailidis, Ontario, CN) und Marc Frohn (FAR frohn&rojas, Berlin), die Feyyaz Berber beeinflussen. „Es gab für mich als Studenten damals kaum einen Lehrstuhl, der ein klares Profil erkennen ließ. Deswegen waren die beiden wichtig für mich.“ Das Studium an der RWTH wird so zu einer Suche für den Studenten Berber, die ihn schließlich in die Schweiz führt, um im Büro von Christian Kerez zu arbeiten.

Feyyaz Berber Architekt, Haus am Tackhütter Broich, Mönchengladbach 2018–2020, Fotos: Stefan Müller, Berlin

Mönchengladbach und Istanbul, Zürich und Aachen, Bonn und Köln

Kerez arbeitet damals am Museum of Modern Art für die polnische Hauptstadt Warschau (2006–2014). Inhaltlich und thematisch eine spannende Zeit, auch wegen der im Büro gepflegten Methodik, aus groben Skizzen unmittelbar in präzise Modelle im Maßstab 1:20 oder 1:33 zu wechseln, Oberflächen anzulegen und Materialien zu definieren. „Für mich als Student war das spannend. Methodisch aber vor allem auch wegen der Leute, die wir im Kontext des Wettbewerbs für Warschau kennengelernt haben. Die Menschen, die dort ein- und ausgegangen sind, das internationale Team, Kerez selbst, all das war sehr inspirierend“, sagt Berber. Geblieben ist Berber trotzdem nicht.

In der Schweiz aber intensiviert Berber seine Beschäftigung mit Oswald Mathias Ungers, die ihn letztlich zu Uwe Schröder und damit wieder an die RWTH Aachen führt. Sein Diplom legt Berber dennoch zunächst bei Axel Sowa und Hartwig Schneider ab. Nach dem Studium dann aber arbeitet Berber vier Jahre lang für Uwe Schröder – am Lehrstuhl in Aachen, wie auch im Bonner Büro. „Die Kombination aus Lehre und Praxis für und mit Uwe Schröder war für mich eine sehr prägende Zeit.“ Einmal mehr zeigt sich hier, dass es mitunter gut sein kann, ein Gegenüber mit klarer Haltung zu haben. „Die Klarheit in seinen Positionen war wichtig für mich, auch weil ich mich daran reiben konnte“, konstatiert Berber, dem bewusst ist, dass Schröders Arbeit von anderen auch kritisch beäugt wird. 

„Architektur ist eine artifizielle Verformung der Erdoberfläche, in der wir leben.“

„Vieles von dem, was man in Deutschland, und speziell auch hier in Köln, sieht, ist keine Architektur, sondern vielleicht lediglich als Bauwerk zu bezeichnen“, so Berber. Vieles erscheine ihm hier als „Zwangsbau“, gelenkt durch Investoren, bestimmt durch äußere Zwänge und Verordnungen und schließlich von jeglicher inhaltlicher Auseinandersetzung befreit. Er konstatiert aber auch: „Bei all diesen Zwängen ist es sehr schwer, etwas zu realisieren, bei dem man am Ende auch von Architektur sprechen kann. Mir fehlt da trotzdem oft der Aspekt der bildenden Kunst.“ Erfüllt sieht Berber diesen Punkt auch in jenen Architekturen, die bis zum Einsetzen der sogenannten klassischen Moderne entstanden, die mit ihren Ornamenten Bilder vor dem inneren Auge der Betrachter*innen hervorriefen, „unabhängig davon, ob man ein gebildeter Mensch ist“, wie Berber findet. Das Aufgreifen bestimmter Formen und Proportionen, die aus einer sehr langen Tradition stammen, brächten bei Nutzer*innen wie Passant*innen „etwas zum Klingen“.

Feyyaz Berber Architekt und Timo Steinmann, Jung Gründervilla, Wettbewerb, Schalksmühle 2017, alle Abb: Feyyaz Berber und Timo Steinmann

Den Versuch, eine solche Anschlussfähigkeit mit den eigenen Werken zu erreichen, sieht man sowohl den Entwürfen wie auch den bis dato realisierten Häusern von Feyyaz Berber an. Für den Wettbewerb zur Erweiterung der Gründungsvilla der Firma Jung etwa arbeitet er mit Timo Steinmann zusammen: „Wir kennen und schätzen uns aus der Zeit bei Uwe Schröder und arbeiteten immer wieder bei Wettbewerben zusammen.“ Mit dem zweiten Preis wird der Entwurf bedacht und sorgt 2017 deutschlandweit für einige Furore, da er mit seiner stringenten Reihung kappengewölbter Joche aus Betonfertigteilen eine überraschend ornamentale Expressivität an den Tag legt. 

Feyyaz Berber Architekt, Haus am Tackhütter Broich, Mönchengladbach 2018–2020, Fotos: Stefan Müller, Berlin

Ornament und Expressivität als Modell der Anschlussfähigkeit

Anders als der Pavillon für Jung kann Feyyaz Berber kurze Zeit später ein anderes Projekt realisieren. Im Maßstab viel kleiner, in punkto Emotionalität kaum zu überbieten: Das Grab für seinen Vater in dessen türkischer Heimat. „Das war das erste Projekt, das ich wirklich als selbstständiger Architekt realisieren durfte“, sagt Berber.

Während dieser intensiven Arbeit beginnt zusätzlich das Projekt eines Wohnhauses im Mönchengladbacher Südosten. Dem zweigeschossigen Haus am Tackhütter Broich sieht man an, durch welche Schule Berber gegangen ist. Achsensymmetrische Fassaden, klar gegliederter Grundriss, Backstein, Holzfenster, hochwertige Details. Was man auch von Berbers Mentor Schröder kennt, findet hier eine eigene Wendung, einen eigenen formalästhetischen Ausdruck. Das beginnt beim verwendeten Backstein selbst und endet im Motiv des sich kreuzenden flachen Satteldachs, das an seinen Giebelfronten zur markanten, antike Motive evozierenden Figur über beide Geschosse wird.

Beeindruckend auch der Umbau eines Stadthauses in Köln-Zollstock, für den Berber die vorhandene Grundrissstruktur in einer kaum für möglich gehaltenen Art und Weise klärt und das eigentlich städtische Motiv der Kolonnade in das Hausinnere bringt. In der Flucht des Eingangs werden die bestehenden Wände durch Öffnung derart getaktet aufgebrochen, dass ein Säulengang durch das Erdgeschoss entsteht, der gleichermaßen innen und außen verbindet, wie er im Innern eine kluge Zonierung des Raums vornimmt.

Feyyaz Berber Architekt, Umbau Wohnhaus Kendenicher Straße, Köln 2018 – 2020, Fotos: Stefan Müller, Berlin

Typisch und nicht fremd

Eine Haltung will der junge Architekt dabei aber noch nicht für sich in Anspruch nehmen. Berber sagt: „Es braucht sehr, sehr viel Übung, viele Projekte, um für sich selbst eine bestimmte Haltung definieren zu können. So weit bin ich in meinem Alter noch nicht.“ Erstrebenswert findet er es gleichwohl, eine eigene Position zu entwickeln: „Auf theoretischer wie auf gebauter Ebene“, wie er bekennt. Noch aber ist das Teil „einer Suche, verbunden auch mit großen Zweifeln, die mich tagtäglich beschäftigt“.

Dennoch sind die bis heute gezeichneten wie gebauten Projekte von einer Expressivität, die durchaus überrascht. Für Berber nur folgerichtig, will er mit seinen Architekturen doch an historisch Gewachsenes anknüpfen. „Alles andere wäre doch schade“, sagt er und führt fragend aus: „Es gibt nun einmal eine Vorgeschichte und warum sollte man daran nicht anknüpfen?“ Ziel ist dabei immer, bei den Nutzer*innen und Passant*innen Bilder zu wecken, Bauten zu schaffen, die für den Ort in gewisser Weise „typisch und nicht fremd“ sind, wie Berber sagt. Bezugnehmend auf die Tonbandaufnahmen Thomas Manns rundet der junge Architekt das Thema ab uns gibt als Ziel der eigenen Arbeit aus, mit ihr „auf eigene Art einem Beispiel folgen“ zu wollen.

Von David Kasparek

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