Der Imperativ auf dem Dach

Merlin Bauers „Liebe deine Stadt“ zieht erstmal ins Depot

Liebe deine Stadt stand fast 15 Jahre unübersehbar dort, wo eine gewaltige Verkehrsschneise der Stadt eine tiefe Wunde zugefügt hat. Rote Schreibschrift, vier Meter hoch, 26 Meter lang.

Merlin Bauer ist Künstler. Er arbeitet in der Stadt und mit der Stadt, nicht abstrakt, sondern vor Ort und mitten im Leben. Die Diskussion um Wert und Schönheit von Bauten der 50er und 60er Jahre, entbrannt an Oper und Haubrich-Forum, brachte Bauer dazu, die von ihm geforderte öffentliche Auseinandersetzung mit der Kulturpolitik zu inszenieren. Zehnmal lud er zwischen Mai 2005 und Dezember 2007 zum Ortstermin ein, um ein manchmal unbequemes oder eigenwilliges, aber immer bemerkenswertes Gebäude der Nachkriegsmoderne mit einer überdimensionierten roten Preisschleife auszuzeichnen. Legendär wurden die Aktionen durch die Reden der dazu eingeladenen Laudatoren, die – allesamt keine Architekturkritiker – die ästhetischen, kulturellen, soziologischen, sehr persönlichen und nicht zuletzt auch die politischen Aspekte der jeweiligen Bauten erläuterten. Bazon Bock sprach vor dem Afri-Cola-Haus, Peter Zumthor vor der Oper, Thomas und Boris Sieverts vor dem Fernmeldehochhaus, Jan und Aleida Assmann im Rheinpark. Liebe deine Stadt hat das Schöne dort sichtbar gemacht, wo es wenig gefällig ist, und das ist in Köln fast überall so. Liebe erst auf den 100. Blick, sagt Bauer, wer sich hier mit seiner gebauten Umwelt identifizieren möchte, braucht also Geduld und Wissen.

Und dann war Köln doch bereit, den Diskurs über die Schönheit und die Werte der Moderne zu führen, und sich für den Erhalt und die Sanierung des Opern-Ensembles und zahlreicher Zeitgenossen einzusetzen. Eigentlich ist das Projekt beendet und ein dickes Buch dokumentiert, wie die Kunst politisch relevant wurde. Liebe deine Stadt bleibt als Geschichte in der Stadt und als Imperativ auf dem Dach. Ganz schön forsch, aber manchmal brauchen die leisen Töne halt einen Trommelwirbel, um gehört zu werden.

Merlin Bauer nimmt die Stelle der „Stadt“ ein © Foto Martin Schoberer

Am 2. Februar 2021 schwebte die „Liebe deine Stadt“-Skulptur zerlegt in ihre in Schreibschrift geschriebenen Wörter hoch über der Schildergasse, denn eine umfangreiche Sanierung des Gebäudes darunter machte die Demontage notwendig. Die nächsten Jahre wird der Appell also in einem Depot verbringen, wo er auf seine Wiederaufstellung wartet. Allerdings werden wir wohl nie wieder durch den Tunnel der Nord-Süd-Fahrt fahren können, ohne, dass er vor unserem geistigen Auge auftaucht – und damit hat Merlin Bauer etwas Großes erreicht.

Noch etwas Wichtiges: Viele nutzen den Schriftzug inzwischen als Werbeträger für Seife, als Deko für Frühstücksbrettchen oder wie Lukas Podolski als Titel für ein Karnevalslied. All das ist nicht erlaubt, denn es verletzt die Urheberreichte des Künstlers. Wer Merlin Bauer aber wirklich unterstützen möchte, kann hier bei ihm direkt eine Sonderedition der oben gezeigten Fotografie erwerben.

Uta Winterhager

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