Der öffentliche Salon

Aat Vos gestaltet die Zentralbibliothek am Neumarkt zu einem „Dritten Ort“ – nicht nur für Bücherleser.

 

Öffentliche Bibliotheken sind schon seit einiger Zeit sehr viel mehr als nur Ein- und Ausgabeschalter für Bücher. Und das Team der Kölner Zentralbibliothek möchte endlich auch die Räume in ihrem Sitz am Neumarkt diesem veränderten Selbstverständnis anpassen. Es geht den Büchereien um die Neubelebung ihrer Rolle als „Dritte Orte“ neben dem eigenen Zuhause und dem Arbeitsplatz. Es sind sehr wichtige Orte, denn sie verankern gesellschaftliches Leben und laden jeden ein, „sich nicht in der Bequemlichkeit seiner eigenen Blase zu verstecken,“ wie es der niederländische Architekt Aat Vos formuliert.

Raus aus der eigenen Blase, hin zur Stadtteilbibliothek Kalk © Stadtbibliothek Köln, Fotograf: Jörn Neumann

 

Er nennt sich Creative Guide, und hat sich die Wiederentdeckung des öffentlichen Raums zur Aufgabe gemacht. Auch in Köln ist er gefragt: „Aat Vos ist beratend als künstlerische Oberleitung tätig und wurde eingeschaltet, weil zwischenzeitlich die Stadtteilbibliothek Kalk mit internationaler Beachtung eröffnet wurde und er bei der Gestaltung von ‚Dritten Orten‘ im Bibliotheksbereich einzigartig und wegweisend ist,“ sagt Dr. Hannelore Vogt, Leiterin der Stadtbibliothek. Für die Gebäudewirtschaft im LVR Turm hat er ebenfalls schon ein Konzept entwickelt.

 

Sozialer Zement

Methode und Ansatz für diesen Erfolg verdanken sich, wie so oft, einem frustrierenden Scheitern. Wiederholt reichte er auf Anfrage hin einen architektonischen Entwurf zu einem Bibliotheksumbau ein, so berichtete Aat Vos bei einer Veranstaltung im Haus am Neumarkt. Jedes Mal erhielt er ein freundliches Dankeschön – um dann nach einiger Zeit festzustellen, dass dieser Auftrag eine erneute Wettbewerbsrunde drehte.

Trifft sich gedanklich mit Gottfried Böhm, dem Architekten des Bürgeramtes Kalk: den Marktplatz nach innen holen. © Stadtbibliothek Köln, Fotograf: Marco Heyda

 

Irgendwann kam ihn die Erkenntnis, dass gestalterische Entwürfe von der Nutzerseite her gedacht werden sollten und dass gute Orte entstehen, wenn Menschen unterschiedlicher Disziplinen zusammenarbeiten und die Bedürfnisse des Publikums kennen und begreifen: „Es ist ein Fehler zu denken, dass die Architektur alles löst; die nicht physische Umgebung ist entscheidend,“ so Vos.

Lageplan Zentralbibliothek © Schilling Planung GmbH

 

Anstatt also mit Annahmen und Vermutungen zu operieren („assumption is the mother of all f… ups“), basieren seine Entwürfe auf fallspezifischen Fragebögen und interdisziplinären Werkstätten mit den Beteiligten. Diese Arbeitsmethode und die „Dritten Orte“, die solcherart entstehen, sieht Aat Vos als „sozialen Zement“, der der Vereinzelung und Segmentierung der Gesellschaft entgegenwirken kann.

Baubeginn 2021 geplant

Kein Denkmalschutz, aber erhaltenswert © Foto Schilling Planung GmbH

Die inhaltliche Neuverortung der Bibliothek ist die eine Sache; das 1979 eröffnete Gebäude erfährt auch eine Generalinstandsetzung. Die Architekten waren Mitarbeiter der Stadt, Franz Lammersen, der auch die Kunsthalle nebenan gebaut hatte, und Franz Löwenstein. Es hat gute Qualitäten:  Schaufensterfronten erlauben tiefe Einblicke und wirken einladend. Die rasterartig angeordnete Beleuchtung unterstützt die Wirkung eines „offenen“ Raums und soll auch beim anstehenden Umbau erhalten bleiben. Es gibt acht überirdische und vier unterirdische Geschosse. In drei Bauphasen sollen gleichzeitig zwei bis vier Geschosse saniert werden.

Zur Neugestaltung der Innenräume fand ein Wettbewerb statt, den 2016 UKW Innenarchitekten aus Krefeld gewannen. Wenn nächstes Jahr die fünfjährigen Arbeiten beginnen, dann aber nach den Plänen einer neuen Besetzung für die Innenarchitektur, nämlich Mars Interieurarchitekten aus Rotterdam und Pell Architekten aus Köln.

 

Die massive Fassade erhält geschlämmte Riemchen; die Fenster werden zu größeren Einheiten zusammengefasst. Grafik ©Schilling Planung GmbH

 

Hannelore Vogt erläutert: „UKW hatte einen Vertrag, der einen Ausstieg nach Abschluss der Leistungsphase 3 ermöglichte. Davon hat die Firma aus scheinbar firmeninternen Gründen Gebrauch gemacht. Daraufhin musste ein neues Büro für das Projekt gesucht werden. Dies geschah in einem europaweiten Ausschreibungsverfahren, bei dem Mars/Pell sich durchsetzten.“

Abschied vom 70er Jahre-Orange

Für die Fassadengestaltung war bis zur Leistungsphase 3 die Schilling Planung GmbH beauftragt, das Architekturbüro PASD führt nun die Planungen zusammen. Im Erläuterungsbericht zum Vorentwurf heißt es: „Nach ersten gemeinsamen Überlegungen und Studien zur Fassade wurde festgelegt, dass die architektonische Gestalt des Gebäudes erhaltenswert ist, auch wenn kein Denkmalschutz besteht. Das Büro Schilling schlägt in diesem Zusammenhang vor, die Fenster nicht in ihrer ursprünglichen Anmutung, Aufteilung und Farbigkeit zu belassen, sondern auf alle nicht notwendigen Fensteraufteilungen zu verzichten, um eine moderne Architektursprache zu vertreten.“

 

Die Grundgestalt des Gebäudes schien erhaltenswert, auch wenn kein Denkmalschutz besteht. Die Sanierung der Fassade aber ist unumgänglich . Fassadenschnitt ©Schilling Planung GmbH

Schon vor dem Innenarchitekturwettbewerb hatte das städtische Projektteam entschieden, dass die Fenster eine zurückhaltende Farbe erhalten sollen, denn sie ist auch im Inneren an vielen Stellen zu sehen. Das 70er Jahre-Orange hätte den gestalterischen Spielraum sehr eingeschränkt. Während der Umgestaltung stehen der Zentralbibliothek und ihren Nutzern laute und staubige Zeiten bevor. Hoffentlich entsteht am Ende ein „Dritter Ort“, in dem man sich wohlfühlt wie im Wohnzimmer, der aber robuster ist und ein viel längeres Verfallsdatum hat, was die ästhetische Akzeptanz angeht. Es wird noch eine ganze Weile dauern, bis sich zeigt, ob der Spagat gelingt.  

 

Ira Scheibe

 

Zur Internetseite von Aat Vos

2 Kommentare

Sehr geehrte Frau Scheibe,
Die Architekten des damaligen Hochbauamtes der Stadt Köln waren Klaus Encke und Hans-Georg Schmitz.
Mit freundlichen Grüßen
Marita Rautenberg

Sehr geehrte Frau Rautenberg,
ich danke Ihnen für diesen Hinweis, in der Tat hatte ich eine fehlerhafte Quelle, das tut mir leid. Danke für die Korrektur und mit freundlichen Grüßen
Ira Scheibe

Schreibe einen Kommentar