One more time

ENSEMBLES – Werkschau zum Zwanzigsten von JSWD

Zu den Paradoxien unserer Zeit zählt, dass die Verkaufszahlen von klassischen Print-Produkten wie Büchern, Zeitschriften und Zeitungen seit Jahren rückläufig sind, Verlage sterben, die gewinnbringende Online-Publikation nach wie vor im vagen „Neuland“ liegt und dennoch so viele Bücher wie wohl kaum jemals zuvor veröffentlicht werden. Wo einst gestandene Architektinnen und Architekten mit Monografien bedacht wurden, hat inzwischen nahezu jedes Architekturbüro, das etwas auf sich hält, die eigene Werkschau publiziert. Nicht mehr abgeschlossenen Werken widmen sich diese Bücher meist, sondern Phasen des Schaffens der Büros, stetig kommen neue, immer großformatigere, meist dicke und textlich mächtige Monografien auf den Markt.

Kapitelstartseite Koelnmesse 3.0 © Auszug aus Ensembles JSWD / Jovis

Uta Winterhager und Nils Ballhausen haben nun eine stattliche Werkschau über das bauliche Wirken des Kölner Büros JSWD vorgelegt. Fast 250 Seiten umfasst das „Ensembles“ überschriebene Buch und umreißt damit zwanzig Jahre der Arbeitsgemeinschaft von Jürgen Steffens, Frederik Jaspert, Olaf Drehsen und Konstantin Jaspert – seit 2009 sind Christian Mammel und Patrick Jaenke assoziierte Partner, Mario Pirwitz und Tobias Unterberg seit 2017. Entsprechend der Anzahl von Partnern ist das gebaute Oeuvre inzwischen umfänglich, vielgestaltig die Architekturen selbst. Hervorgegangen ist das Büro aus einer Arbeitsgemeinschaft zweier Büros für den Wettbewerb zum ICE-Bahnhof in Köln-Deutz im Jahr 2000. Nach dem Gewinn des Verfahrens fusionierten die Büros Jaspert & Steffens Architekten und WJD Architekten, das Fredrik Jaspert und Olaf Drehsen gemeinsam mit Rolf Watrin führten, der Anfang der 2000er Jahre aber aus Altersgründen aus dem Büro ausgeschieden ist. Realisiert wurde der Entwurf des neugegründeten Büros damals nicht. Dafür kamen JSWD in unmittelbarer Nähe des Bahnhofs gleich zwei Mal zum Zuge: die Constantin Höfe wurden 2006 südlich der Gleise gebaut, der erste Bauabschnitt der Neuordnung der Kölner Messe wird nördlich des Deutzer Bahnhofs mutmaßlich 2023 vollendet.

Beitrag Koelnmesse 3.0 © Auszug aus Ensembles JSWD / Jovis

Eine einheitliche Architektursprache, das macht das Buch deutlich, gibt es bei JSWD nicht. Auch das eine Verbindung zum Büro gmp: Steffens, Drehsen und die Jaspert-Brüder studierten allesamt an der RWTH Aachen bei Volkwin Marg, waren dort am Lehrstuhl teils wissenschaftliche Mitarbeiter oder arbeiteten im Büro des Lehrers. Volkwin Marg selbst stiftet das Vorwort zur vorliegenden Werkschau. Das Ideal, jeden Bau auf Ort und Aufgabe abzustimmen, ohne ihn einem formalen Diktat unterzuordnen, haben sie dort ebenso erfahren wie die Option, Büroarbeit als Möglichkeitsraum der jeweils federführenden Partner zu betrachten.

Die Constantin Höfe gesehen vom Bahnhof Deutz © Foto: Jens Willebrand

Ohne dass die gebauten Häuser einem explizit modischen Chic folgten, merkt man ihnen durchaus an, in welcher Epoche die Architekten ihre architektonische Sozialisation erfahren haben. Heitere Element werden gleichermaßen vermieden wie allzu große Strenge. So sich konstruktiv notwendige Raster bis in die Fassade hinein zeigen, etwa bei den Constantin Höfen in Köln, dem Neuen Kesselhaus in Gelsenkirchen oder der neuen Mitte in Porz, werden diese stets gebrochen.

Magazinseite Koelnmesse 3.0 © Auszug aus Ensembles JSWD / Jovis

Der Sorgfalt, mit der die Bauten damit an den jeweiligen Ort angepasst werden, tut das jedoch keinen Abbruch. Die schon genannten Constantin Höfe sind auch hierfür ein gutes Beispiel. Der Baukörper füllt das gesamte Baufeld zwischen der vielspurigen Opladener Straße im Norden und der kleinen Constantinstraße im Süden. Der östliche Abschluss folgt streng der Flucht der Justinianstraße, gen Westen läuft der Bau in einer stumpfen Dreiecksform aus. Statt nun aber ein großes Kuchenstück auf der Parzelle abzuladen, werden die Raumabschlüsse des südlich gelegenen Von-Sandt-Platzes aufgenommen, so dass der Baukörper ab dem ersten Obergeschoss einen recht eleganten und in alle Himmelsrichtungen städtebaulich logischen, mäandernden Rhythmus erhält.

Projektseite The Icon Vienna © Auszug aus Ensembles JSWD / Jovis

Bemerkenswert ist das jetzt vorliegende Buch vor allem der Texte wegen. Die Vielzahl der Textformen und Gesprächspartner machen die jeweiligen Häuser auf eine erfrischende Art und Weise zugänglich. Immer wieder holen Uta Winterhager und Nils Ballhaus dabei weit aus und beleuchten die Historie der Orte ebenso wie die teils langwierige Genese der Projekte.

Magazinseiten zur Gestaltung des Maternusplatzes, seit 10 Jahren der Standort des Büros JSWD © Auszug aus Ensembles JSWD / Jovis

Da nicht nur Kölsches gezeigt wird, sondern auch Bauten aus anderen deutschen Städten, dazu aus Luxemburg, Österreich und Belgien, entsteht ein umfassender Blick auf die unterschiedlichen Typologien, die JSWD in den letzten zwanzig Jahren realisiert haben: von Konzernzentralen über Schulen bis hin zu Einfamilienhäusern. Gedoppelt und ergänzt wird alles durch thematische Schwerpunkte (greige hinterlegte Magazinseiten), die sich etwa der Fassade oder dem Weiterbauen annehmen. Ballhausen und Winterhager ist es durch diese thematische Ordnung geglückt, die vom Städtebau bis ins Detail stets solide Architektur des Büros, in eine interessante Lektüre zu verwandeln.

red.

Nils Ballhausen/Uta Winterhager: JSWD. Ensembles, 248 S., 281 farb. und s/w Abb., deutsch/englisch, 40,– Euro, Jovis Verlag, Berlin 2020, ISBN 978-3-86859-477-5

Schreibe einen Kommentar