LEHREN & LERNEN 2020 | Lehrstück in Schwarzweiß

Die Bibliothek der Hochschule für Polizei und Öffentliche Verwaltung NRW von Andreas Schüring

Ordnung und Freiheit betitelt Andreas Schüring (Münster) sein Projekt und in der Hochschule für Polizei und öffentliche Verwaltung darf man den Titel auch ganz wörtlich nehmen, denn der Architekt machte die kleine Bibliothek mit seiner akademischen Attitude zu einem Lehrstück in Schwarzweiß. Ohne den sonst üblichen Weg über den BLB wurde Andreas Schüring vom Land NRW direkt mit dem Ausbau der Bibliothek in der Hochschule für Polizei und öffentliche Verwaltung in Köln beauftragt, als Referenz galt hier sicher die Bibliothek der Architekturfakultät in Münster. Er übernahm den langen schmalen Raum mit rund 700 Quadratmeter Nutzfläche von Heinle, Wischer und Partner, die das Gebäude geplant und gebaut hatten, im Rohbauzustand.

Empfangsbereich der Bibliothek © Foto Andreas Schüring Architekten BDA

Gegeben waren auch die an beiden Längsseiten durchlaufenden Fensterbänder und die mit 3,75 Meter im Rohbau nicht unübliche Deckenhöhe, eine funktionale, neutrale Einheit, die es zu bespielen galt. Schüring legte ein Gerüst aus Regeln fest, in dem er sich mit seinem Entwurf bewegte. Er blieb konsequent bei Schwarz und Weiß, allein die Bücher sind bunt, treten hier aber wohlgeordnet meist in Serien gleicher Farben auf. Der schwarze Linoleumboden läuft durch von Wand zu Wand. Sein Counterpart ist eine Rasterdecke aus eloxiertem Aluminium mit gewebter Struktur, deren Elemente so filigran sind, dass sie bei festem Zugriff leicht verbiegen. Dahinter verborgen, aber – so zeigt der Blick direkt nach oben – nicht unsichtbar, liegt die Haustechnik, sowie kostengünstige Leuchtstoffröhren, die in zwei Richtungen – längs und quer – und in zwei Ebenen montiert wurden. Ihr kühles Licht (normgemäß 300 Lux) zeichnet sich in hellen und weniger hellen Flächen auf der Abhangdecke ab, die deutlich mehr Tiefe suggeriert als die tatsächlichen 3 Meter im Lichten.

Deckenuntersicht mit Vorhangschiene © Foto Andreas Schüring Architekten BDA

So hatte Schüring sich den Raum vorbereitet, der an den beiden Köpfen durch die Tiefgarageneinfahrt und ein Treppenhaus jeweils links etwas beschnitten wird. Diesen also nicht perfekten Quader mit unscharfer Tiefe und der Struktur des Rasters konnte er dann in fünf Schritten oder Schichten von links nach rechts, wie das dem Pressepaket beiliegende GIF illustriert, füllen:

Animierte Grundriss © Grafik Andreas Schüring Architekten BDA
  • Regale, freistehend und entlang der Wände auch unterhalb der Fensterbrüstungen
  • Vier Studiencarrels, gläserne Lesekabinen, auf die Regalseite orientiert, 23 Computerarbeitsplätze an der rechten Fensterfront, ein Infodesk und zwei kleine Büroräume. Es bleibt eine sauber rechteckige Fläche in der Achse des Eingangs.
  • Der Freiraum wird mit zehn runden Vierertischen in lockerer Ordnung bespielt. Einen Raumabschluss bildet der große ovale Tisch mit 16 Plätzen am Kopfende.
  • Drei weiße Akustikvorhänge erlauben eine temporäre Gliederung und Trennung des Großraumes.

Das mag sehr sachlich, fast formalistisch klingen, doch Andreas Schüring entschärft sofort, nicht für die Bücher habe er die Bibliothek entworfen, sondern für die Menschen, die sie nutzen. Und die sollen hier etwas finden, sie sollen etwas lernen, sie sollen sich vor allem dabei nicht stören lassen. Denn diese Bibliothek kein zwangsbehafteter Ort, Kommunikation und Arbeiten im Teams ist möglich, wird durch die aktive Konstellation der von den Architekten entworfenen Möbel durch die Nutzer sogar angeregt.

Damit die Regalelemente von einer Person getragen werden können, sollten sie zuerst nur in der halben Höhe produziert und dann vor Ort montiert werden, auch wenn das schließlich nicht möglich war, erinnert der doppelte Boden in der Mitte daran und wurde zu einem besonderen Kennzeichen, das sich auch an anderen Stellen im Projekt wiederfindet. © Foto Andreas Schüring Architekten BDA

Einsicht gewinnen

Die überkopfhohen Regale waren bei Inbetriebnahme zu rund 70 Prozent gefüllt, doch der Zuwachs, der viele Bibliotheken ständig dichter und voller werden lässt, ist hier nur begrenzt zu erwarten, da die Hochschule keine Sammlungen im klassischen Sinne anlegt. Ändert sich die Rechtsprechung, werden Bände ausgemustert und ersetzt. Um den Raumeindruck so transparent wie möglich zu gestalten, entwarf Schüring die Regale mit einer Tiefe von nur 23 Zentimetern, 12 Zentimeter weniger als üblich. Zusätzlich verzichtete er auf Rückwände, nur eine dünne weiße Stahlstange verhindert, dass die Bücher nach hinten herausfallen. Jeweils acht Grundmodule (Höhe 2,20 m, Breite 0,88 m) gruppierte er Rücken an Rücken und richtete sie orthogonal auf die Fenster aus. Die Regale sind nur unten eingespannt, zur Abhangdecke ist deutlich Luft, auch vor dem Fenster bleibt ein Gang über die volle Länge offen.

Keine Sackgassenzwischen den Regalen, überall Durchblicke auch nach draußen. © Foto Andreas Schüring Architekten BDA

Das gesamte Mobiliar, bis auf Arne Jacobsens ikonischen Stuhl „The Drop“, vom Architekten entworfen, wurde in der von Häftlingen in der JVA Werl angefertigt. Schwierig sei das gewesen, berichtet Schüring, aber bei dem begrenzten Budget, von dem er den größten Teil schon für die Rasterdecke verwendet hatte, die einzige Möglichkeit. Es wurden Farbcodes statt Zahlen auf den Plänen verwendet und alles dauerte ein wenig länger, doch der Qualität hat es nicht geschadet.

Think inside the box

Carrel ist ein Anglizismus, der inzwischen auch hier üblich eine Lesekabine etwas charmanter benennt. Die vier doppelten Glaskabinen, eine davon ist etwas größer, bieten akustisch und partiell auch visuell abgeschirmte Rückzugsräume für die Studierenden, die hier alleine oder in kleinen Gruppen arbeiten können. An drei Seiten sind sie mit den bekannten Regalen umstellt, die in beide Richtungen ein gewisses Maß an Durchblick erlauben. Die Glaswände sind mit schmalen Profilen an den Ecken gefasst, doch die horizontalen Glashalter sitzen oberhalb der Rasterdecke, so dass der Anschluss an die mit Gipskarton beplankten Elemente verborgen ist – fast nichts also berührt die Decke. Schön (so instagrammable!) ist die Innenansicht auf die unterschiedlichen Weißtöne der Buchschnitte.

Die fünflagigen Vorhänge sind deutlich schwerer als sie aussehen, sie lassen sich in der Schiene, die zwar unter der Rasterdecke liegt, aber von der Rohdecke abgehängt ist, mühelos bewegen. Das Licht im Bereich des großen ovalen Tischs ist mit 500 Lux deutlich heller als im übrigen Raum, hier wurden die Leuchtstoffröhren verdichtet platziert. © Foto Andreas Schüring Architekten BDA

Weil Wissen und Lernen in der linken Raumhälfte so verdichtet ist, genießt der verbleibende Bereich große Freiheiten, aber auch hier soll gelernt werden. Für Tische und Stühle sind zahllose Konstellationen möglich, temporär fassen lassen sich die Settings mit den raumhohen Akustikvorhängen, die in dem orthogonalen System plötzlich Rundungen erlauben. Ja, das Café Samt und Seide stand hier Pate, aber anders als Lilly Reich, die 1927 das auszustellende Material auf geniale Weise zum raumkonstituierenden Element machte, fordert Schüring gut 90 Jahre später die Studierenden auf, sich die Räume so zu gestalten, wie sie ihren Bedürfnissen entsprechen. Der Mensch als raumkonstituierendes Wesen also beherrscht Ordnung und Freiheit.

Uta Winterhager

Dieser Beitrag erschien in der Bauwelt 18.2020

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