„Frei und flexibel ist nicht beliebig“

Interview: Architektur mit Monika und Reinhard Lepel und Angelika van Putten über die emotionale Aufladung des Schreibtisches und den Blick in die Zukunft des Arbeitens.

Das Büro der Zukunft muss viele Wünsche erfüllen: Inspirationen und Produktivität soll es fördern, zugleich eine Wohlfühlatmosphäre schaffen und das Image des jeweiligen Unternehmens transportieren. Schon bevor die Pandemie das Leben und den Büroalltag in rasender Geschwindigkeit veränderte, haben wir uns gefragt, wie sieht eigentlich das Büro der Zukunft aus? Wie wandeln sich die Leitlinien der täglichen Arbeit und damit auch die Räume in der sie stattfindet, im Smart Office, Bürolandschaften, Cloudworking und Coworking Spaces – vor allem jetzt wo das Büro im Prinzip überall ist.

Zum Auftakt unserer Reihe sprachen wir mit Menschen, die sich auskennen und mit Begeisterung und Leidenschaft Arbeitswelten gestalten: den Innenarchitektinnen Monika Lepel und Angelika van Putten und dem Architekten Reinhard Lepel. Beziehungen bauen ist ihre Arbeitsphilosophie. Und das sie das besonders gut können, zeigen Monika und Reinhard Lepel schon seit über 25 Jahren. Wir hörten viel über das Spannungsfeld zwischen Architektur und Innenarchitektur über Codes und Claims und über den Raum als Werkzeug, auch zur Akquise von Mitarbeitern. Über robuste Strukturen und das Büro als Heimat.

 


Ihr eigenes Büro in Clouth 104 haben Sie erst im November 2019 bezogen. Ist hier nun durch Corona alles anders als geplant? Wie arbeiten Sie und Ihre Mitarbeiter aktuell?

Reinhard Lepel: Natürlich ist jetzt alles anders als geplant. Nur ein Bruchteil unserer Mitarbeiter ist derzeit im Büro. Zum Glück hatten wir schon vor Corona unsere IT so aufgestellt, dass mobiles Arbeiten möglich ist. Mit diesen Erfahrungen werden wir sicher auch nach der Corona anders arbeiten. Die Leute, die hier im Büro arbeiten, haben genügend Abstand zueinander. Außerdem haben wir die Teams aufgeteilt und alle wesentlichen Positionen doppelt besetzt, dass, wenn eine Infektion auftaucht, nicht das ganze Team in Quarantäne muss.

Monika Lepel: Das funktioniert auch deshalb so gut, weil wir schon im Architekturkonzept einen öffentlichen und einen gut geschützten Bereich geschaffen haben. Dort, wo die Arbeitsplätze sind, kommt nicht mehr jeder rein. Selbst Mitarbeiter, die nur für ein Gespräch aus ihrem Home-Office hierher kommen, bleiben im öffentlichen Bereich. Durch die Anordnung der Möblierung können wir den Abstand locker einhalten und arbeiten hier, ohne Unsicherheit zu spüren. Auch auf der Terrasse können wir mit geringem Risiko Besprechungen abhalten.

Angelika van Putten: Wir Mitarbeiter haben schnell Rituale gefunden, um uns zusammenzuschalten. Zum Beispiel ist die Montagsrunde, die immer analog war, jetzt für alle digital. Und es gibt eine Gruppe, die in der Mittagspause Yoga macht.

Reinhard Lepel,  Monika Lepel und Angelika van Putten  (v.l.n.r.)
Fotos: ©
Bettina Malik

 

Sie bauen aber nicht nur für sich. Anforderungen an Arbeitsplätze werden immer vielfältiger, Räume müssen immer mehr leisten. Welche Rolle spielt Flexibilität bei der Planung von Büros?

AvP: Flexibilität ist Thema Nummer eins. Selbst Trendforscher sagen unabhängig von Corona, dass sich das Arbeiten so schnell ändert, dass es kaum möglich ist, Prognosen zu geben.

ML: Aber gerade in dieser Zeit brauchen wir bei aller Flexibilität und Freiheit eine robuste Struktur. Das Büro ist ein Stück Heimat geworden. Ein Beispiel ist dieser Tisch in unserem Konferenzraum: Ursprünglich wollten wir gar keinen Tisch, dann haben wir überlegt, mehrere Tische zusammenzuschieben, und jetzt sind wir so happy, dass wir uns für diesen Riesentisch entschieden haben, denn er regelt den Abstand zwischen uns. Er ist ein Anker, auch emotional, und er tut uns gut. Das alles verhandeln wir, wenn wir über Freiheit sprechen.

Büro Lepel und Lepel in Clouth 104

 

BüroWas bedeutet das für die Architektur?

RL: Flexibilität und Freiheit fordern die Architekten heraus, Gebäude herzustellen, die auf die Veränderbarkeit der Vorstellung von Arbeit nicht nur reagieren und sie an jedem Ort des Hauses unterschiedlich aushält, sondern sie auch ermöglicht. Das fängt mit der Tiefe der Grundrisse an, mit der Erschließung und Optionen zur Teilung der Räume. Dass die Kerne auf ein Minimum reduziert werden, Stützenabstände möglichst groß sind und dass die Fassade alle möglichen Raumteilungen zulässt. Wir bereiten etwas vor wie eine Bühne, die die Nutzer dann bespielen.

ML: Frei und flexibel ist aber nicht beliebig – gegen Beliebigkeit grenzen wir uns stark ab!

 

Gibt es andere große Themen, die Kunden sich wünschen?

ML: Identität ist ein Schlüsselwort. Oft ziehen die Kunden in diese gesichtslose Investorenarchitektur und beauftragen uns damit, eine Identität zu schaffen. Und wir ringen dann darum, dass das nicht über irgendwelchen Schnickschnack passiert, sondern auf eine natürliche Art und Weise, und der Kunde sich selber wiedererkennt. Wir sind aber nicht die, die überall ein Logo draufmachen – da arbeiten wir wesentlich subtiler.

AvP: „War for Talents“ ist ein großes Thema bei allen Kunden. Gerade bei den großen Konzernen ist der Facharbeitermangel deutlich spürbar und junge Leute gehen lieber in ein Berliner Start-up mit Loft im Hinterhof. Ein Trend, auf den die Architektur ja auch reagiert.

 

Ist Nachhaltigkeit ein Thema?

ML: Bei uns und unseren Mitarbeitern ja, wir sehen darin unseren Beitrag für die Zukunft, nicht jedoch bei allen Kunden. Wir denken aber auch nicht erst seit gestern darüber nach. Schon Google hatte den Anspruch, uns cradle to cradle planen zu lassen. Und auch bei der GIZ, deren Gesellschafterin die Bundesrepublik ist, arbeiten wir komplett nachhaltig.

RL: Die institutionellen Kunden müssen nachhaltig sein, auch als Benchmark. Wir selbst als Architekten sind eine gesellschaftliche Antwort schuldig, wie sich im Dreieck Ökologie, Ökonomie und Soziales nachhaltig bauen lässt.

 

Beim Werben um Mitarbeiter geht es nicht nur um inhaltliche Themen. Welche Rolle spielen Arbeitsräume, wenn es darum geht, Talente zu gewinnen und zu motivieren bzw. zu halten? Und generieren leistungsfähige Arbeitsräume auch leitungswillige Angestellte?

AvP: Räume spielen eine sehr große Rolle. Bis vor Corona war es so, dass wir uns die meiste Zeit im Alltag in den Räumen befinden, in denen wir arbeiten. Die Idee, die auch aus der Digitalisierung herrührt, dass Leben und Arbeiten nicht mehr wie im 20. Jahrhundert streng getrennt sind, sondern dass das alles ineinander verschmilzt, bedingt eine Atmosphäre, in der man sich wohlfühlt und entfalten kann. Das sollte sich dann auch im Büro wiederspiegeln, um das Leben durch 24 Stunden Tag zu tragen.

ML: Ich stimme dir zu, möchte aber ergänzen, dass es einen Code gibt, der den Büros zugrunde liegt. Die ganz jungen Arbeitssuchenden haben eine sehr ehrgeizige Agenda. Natürlich wollen wie sich im Büro wohlfühlen, das ist selbstverständlich. Sie wollen aber auch erkennen, dass das Unternehmen ihrem beruflichen Werdegang die besten Chancen bietet. Das heißt: Zugänglichkeit zur Leitung, Durchlässigkeit in der Kommunikation. Mitbestimmung ist ganz wichtig. Wir betrachten den Raum als Werkzeug, auch zur Akquise von Mitarbeitern. Der Code, der ihm zugrunde liegt, wird bewusst oder unbewusst von den Bewerbern gelesen. Und diese Codes besprechen wir mit den Kunden.

Google Office, Düsseldorf

 

Aktuell gibt es im Bürobau ganz unterschiedliche bauliche Ansätze und Strömungen. Nach welchen Kriterien finden Sie bei der Planung das richtige Werkzeug? Und wo setzten Sie in der Planung an, in Räumen zu denken?

ML: Am Beginn eines Auftrages stehen meist hausinterne Vorträge oder Workshops, um durch die verschiedenen Hierarchieebenen alle Mitarbeiter mitzunehmen und größer denken zu können. Dafür entwickeln wir sehr gezielt Fragebögen. Daraus können wir konkrete Bedarfe ziehen, um schließlich genau formulieren zu können, in welche Richtung wir planen.

AvP: Wir haben Raumtypologien für unterschiedliche Arbeitswelten: Telefonboxen, Openoffice, Projekträume, Arenen oder klassische Konferenzräume. In unserem Portfolio, können wir eine Vielzahl an Modulen zeigen, die wir einsetzten können. Und wenn man dem Kunden zuhört und versteht wohin der möchte, was er braucht, wird klar, in welchen Werkzeugkasten wir greifen müssen.

RL: Natürlich hören wir auf die Wünsche unserer Kunden, wir sind aber der Überzeugung, dass Architektur nicht nur ein Spiegel der Gesellschaft oder der Firma ist, sondern dass es unsere Aufgabe ist es, einen Mehrwert für etwas zu liefern, das der Auftraggeber möglicherweise noch gar nicht für sich sieht. Ich sehe es als ein klassisches Ziel von Architektur an, utopische Bilder anzubieten, die dann gelebt werden können.

ML: Aus genau diesem Spannungsfeld lebt Lepel und Lepel, das ist wirklich ein Diskussionsklassiker zwischen uns. Der Architekt, der etwas erschafft mit herausforderndem Anspruch. Und wir Innenarchitekten sind schon eher reaktiv – aber in dieser Kombination natürlich unschlagbar.

 

Wie arbeiten und planen Sie für anonyme Bauherren für Investoren?

ML: Im Moment haben wir goldene Zeiten für Architekturmarketing. Es werden gesichtslose Teile mit absurden Grundrissen gebaut, die wir als Innenarchitekten nur unter Schmerzen überhaupt nutzbar machen können. Weil die Gebäude aber keine Identität haben, müssen wohlklingende Namen und Storys entwickelt werden, die alle in einem halben Jahr zu Ende erzählt sind, weil sie mit dem Gebäude und der Nutzung nichts zu tun haben. Dabei gibt es doch soviel Stoff, um Architektur mit Identität zu machen, wenn man mehr auf den Stadtraum, mehr auf die wirkliche Historie eingeht und nicht nur über Marketing nachdenkt. Wir sind begeisterte Architekten und Innenarchitekten, aber keine Kosmetiker!

RL: Im Clouth Quartier sind wir in Kombination als Investor und Architekt gestartet, ohne zu wissen, für wen wir planen. Wir hatten die Vorstellung, große, industriell hergestellte Räume mit ganz unterschiedlichen Nutzungen abbilden zu können, nicht nur Wohnen und Arbeiten. So konnten wir sehr verschiedene Nutzer anzusprechen. Von ganz Kleinen mit wenig Fläche bis hin zu Warner Bros, die 4.000 Quadratmeter Fläche brauchen. Wir haben ein Hotel untergesbracht, unterschiedliche Gastronomiebereiche und Ateliers, es gibt eine Kita und eine Yogalehrerin. Das haben wir die Architektur der Freiheit genannt. Investoren sollten es sich zum Ziel machen, Gebäudetypologien zu entwickeln, die unterschiedliche Nutzungen zulassen. Das ist für mich auch ein Punkt von Nachhaltigkeit.

 

Irgendwann wurde die work-life-balance zu einem Indikator dafür, ob es uns gutgeht, ob Leben und Arbeiten im Gleichgewicht sind. Sollten Arbeiten und Leben denn im besten Fall eins sein oder ist eine saubere Trennung auf Dauer doch gesünder?

ML: Mein Credo ist „Grenzen schaffen Frieden“. Aber es gibt viele Strömungen wie und wo die Leute arbeiten wollen und ich als Innenarchitektin werde nicht richten. Deswegen sprechen wir über Bedarfe und ich mache keinen Glaubenskrieg aus der Büro-Planung. Wir haben das Knowhow zu beraten und die richtigen Fragen zu stellen.

AvP: Das Büro wird immer ein Anker sein, auch wenn im Homeoffice gearbeitet wird. Aber die Corporate Identity, wird gerade dann wichtig, wenn man viel unterwegs ist. Die Leute wollen ein oder zwei Mal in der Woche ins Büro kommen und den Spirit fühlen: „Ich arbeite für die richtige Firma“. Man braucht diesen Ort wie ein Flagship-Store, an dem man sich andocken kann.

 

Aber damit wird das Thema Bürowelt auch immer stärker aufgeladen. Ein Bürogebäude ist schon längst nicht mehr nur eine Hülle für einen Schreibtisch und ein Drucker. Führt das in der Planung zu einem Spagat zwischen dem Bauen von Räumen für Menschen und dem Anspruchsdenken der Unternehmen, die ihre CI abbilden wollen?

ML: Wenn wir Grundrisse entwickeln, setze ich mich in Gedanken auf jeden Platz und stelle mir die Frage, kann man da sitzen und arbeiten? Sitzt jemand mit dem Rücken zum Flur, nur weil die Geschäftsführung gesagt hat, dass wir hier 40 Leute unterkriegen müssen? Da haben wir als Gestalter eine Hinweispflicht, die wir sehr ernst nehmen. Ich persönlich fühle mich den Mitarbeitenden verpflichtet, denn im Umkehrschluss kann das Unternehmen nur gut funktionieren, wenn es den Mitarbeitenden gut geht. Damit alle ihren wertvollen Beitrag liefern können, braucht man eine starke, führende Identität. Das ist unser Credo, unsere Idee von Innenarchitektur.

 

Auf Ihrer Homepage fallen Projekte auf, die ein ganz eigenes Settig haben. Hilft es, wenn die Gestaltung der Büroräume die Mitarbeiter quasi entführt? Was ist die Geschichte bei Microsoft in Köln?

ML: Die Not dieser globalen Konzerne ist die Identität vor Ort. Unsere Herausforderung bei Microsoft war, dass sich der Wow-Effekt der Lage am Rheinauhafen abgenutzt hatte und niemand mehr Energie in dieses kleine Büro stecken wollte. Dazu kam der Wunsch intensiver mit Kunden zusammenarbeiten, mehr Workshops, mehr Kooperationen anzubieten. Für jedes Projekt entwickeln wir einen internen Claim. Hier war es „ein Tag eines Microsoftmitarbeiters in Köln“. Wir haben uns gefragt, wo es schön ist in Köln und haben das ins Büro geholt. Und jetzt kann jeder in diesem Unternehmen aus dem Stand eine Führung durch Köln machen, weil sie es erleben und dadurch verinnerlicht haben.

 

Das heißt, Sie haben immer einen Claim, aber er ist nicht immer so plakativ?

AvP: Er muss plakativ sein, damit jeder das Konzept sofort versteht. Das ist wie in der Werbung, ein Konzept muss schnell verstanden werden.

RL: Die Frage ist aber, wie wir abstrakt damit umgehen. Bei Microsoft war es wenig abstrakt und sehr szenografisch. Bei anderen Projekten gelingt es uns, das Konzept auf eine intellektuellere Art und Weise umzusetzen.

ML: Wir erzählen eine Story, und die Story ist das Kopfkino. In der Microsoft-Küche haben wir Brombeerfarben eingesetzt und jeder, der den Salon Schmitz kennt, weiß „ah, Salon Schmitz“. Andere sagen „schöne Farben“. Und genau das ist unser Anspruch. Es gibt eine Geschichte, aber es muss auch ohne funktionieren.

 

Meine letzte Frage gilt Ihnen beiden. Ist Homeoffice bei Lepels am Küchentisch ein Thema?

ML: Ich versuche wirklich, mir zu Hause auch Frieden zu schaffen. Es ist uns für unsere Beziehung auch sehr wichtig, dass wir uns nicht 24 Stunden am Tag als Architekt und Innenarchitektin verstehen.

RL: Wir versuchen, eine Grenze herzustellen. Jeder hat seinen privaten Arbeitsplatz, an dem möglichst wenig Bürothemen auftauchen. Es lässt sich nicht immer ganz vermeiden, aber es gelingt uns gut, dass wir, einen privaten Raum haben. Und am Küchentisch wird am liebsten gegessen!

Reinhard Lepel,  Angelika van Putten und Monika Lepel im Gespräch mit koelnarchitektur Fotos: ©Barbara Schlei

Das Gespräch mit Monika und Reinhard Lepel und Angelika van Putten führte Barbara Schlei

 

Lepel&Lepel

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