Arbeiten im Zwischenraum

Tauziehen um das Otto-Langen-Quartier

Die „Wiege der Weltmotorisierung“ steht auf der Kippe. Etwa sechs Hektar zwischen der Deutz-Mülheimer Straße und dem Auenweg umfasst das Gelände, auf dem diese Wiege stand. Circa 4,8 Hektar davon mit den quer zum Straßenverlauf angeordneten Produktionshallen der ehemaligen Gasmotorenfabrik gehören dem Land NRW; Eigentümer der sich die Straße entlang streckenden Hauptverwaltung ist Gottfried Eggerbauer. Er möchte jetzt verkaufen, wie es in der Presse zu lesen war, und hat seinen Mietern, raum13, im Oktober 2019 gekündigt und nun eine Räumungsklage zugestellt.

Von Mülheim in die Welt: einst Motoren, heute ein Stadtentwicklungsprojekt, das sogar die Dänen neidisch werden lässt? Noch ist es möglich. © Kolacek&Leßle

 

Die Stadt Köln hatte im März diesen Jahres eine Vorkaufsatzung für das Gelände beschlossen und sich mit einer einstimmigen Resolution am 22. Mai dafür ausgesprochen, dass raum13 weiter den Ankerpunkt für eine „ganzheitliche Entwicklung des Otto-Langen-Quartiers in einem gemeinwohlorientierten Nutzungsmix aus Wohnen, sozialen, kulturellen und gewerblichen Nutzungen bilden“ soll.

Klingt gut. Doch seit zweieinhalb Jahren verhandelt die Stadt ergebnislos mit dem Land. Als sich die Deutz AG aus dem Stadtteil zurückzog, kaufte die Landesentwicklungsgesellschaft 1996 das Grundstück für den Grundstückfonds NRW. Das Bauministerium signalisiert Kooperationsbereitschaft, das Finanzministerium hingegen will den Bestpreis von 54 Mio Euro.

Sechs Hektar zwischen der Deutz-Mülheimer Straße und dem Auenweg: Noch gibt keine Pläne, keine Renderings, keine Modelle – aber eine Leitfrage: Wie sähe eine Stadt aus, die sich aus der Kraft der Kunst stetig neu entwickelt und in der das menschliche Miteinander Mittelpunkt und Maßstab bildet? ©Barbara Schlei
Sechs Hektar zwischen der Deutz-Mülheimer Straße und dem Auenweg: Noch gibt keine Pläne, keine Renderings, keine Modelle – aber eine Leitfrage: Wie sähe eine Stadt aus, die sich aus der Kraft der Kunst stetig neu entwickelt und in der das menschliche Miteinander Mittelpunkt und Maßstab bildet? ©Barbara Schlei

Es schlägt 13

Anja Kolacek und Marc Leßle kommen vom Theater. Ihr Projekt „raum13“ steht für den Neuanfang nach dem zwölften Gongschlag. Und wo sind all die fehlenden 13. Reihen, die 13. Etagen, das Gleis 13? In diesen Räumen arbeiten Kolacek und Leßle, in den Zwischenräumen. Für sie ist Theater nicht ein fester Spielort mit Sitzreihen, Vorhang und Bühne, sondern es ist mitten unter uns, und wir sind ein Teil davon. Mit ihren Aktionen waren sie immer irgendwo da draußen in der Stadt, aber ein Mindestmaß an Verortung sollte doch sein, und so suchten sie 2011 nach einer neuen, festen Adresse für ihr Projekt.

In der Zukunftswerkstatt soll „die Skizze einer Stadt-Utopie programmatisch sichtbar machen, welche sich aus der schöpferischen Kraft des Dialogs zwischen Kunst & Wissenschaft & Politik & Verwaltung & Architektur & Stadtplanung und den partizipierenden Bürgern und Bewohnern eines neu entstehenden Quartiers speist.“ Grau schraffiert die denmalgeschützten Bereiche des Areals © Kolacek&Leßle

 

Ein kleines, passendes Büro hatte ihr Vermieter nicht im Angebot, aber er zeigte ihnen ein anderes Objekt: Die „Wiege der Weltmotorisierung“, wie es der ehemalige Landeskonservator Udo Mainzer einmal formulierte, an der Deutz-Mülheimer Straße. Hier hatte Nikolaus August Otto 1876 einen Viertaktgasmotor entwickelt, der bis heute die Grundlage für den Bau von Verbrennungsmotoren liefert.

„Der säkulare Dom“

Sensationell! Aus der Anfangszeit der Motorenfabrik ab 1867 sind keine Gebäude erhalten, die Bautengruppe aus der Zeit um 1900 ist ein Denkmal von Weltrang. Bei der Erstbegehung 2011 trafen Kolacek und Leßle allerdings auf einen sehr denkmalunwürdigen Zustand, auf ausgeweidete Wände und Böden, aus denen die Leitungen herausgerissen worden waren und Berge von Bauschutt.

Blick vom „säkularen Dom“ auf den klerikalen, beide sind Stätten der Schönen Künste. © Kolacek&Leßle

 

Plünderung, Vandalismus und einfach auch Wettereinflüsse hatten schon schwer genagt an diesem Denkmal von Weltrang – und tun es noch. Die öffentliche Aufmerksamkeit für dieses rechtsrheinische „Monument der Mobilisierung“, eine Art Gegen-Dom des weltlichen und industrialisierten Kölns, war bitter gering.

Weisses Studio © Günter Krämmer

 

Die Mieter wurden zu Hütern: Neun Jahre lang Nachtwachen, Schließrunden und ein ernster Unfall, Marc Leßle fiel von der Leiter, gehen auf das Aufwandskonto. Außerdem 2 Mio Euro, eine davon als Fördergelder, die andere selbst erwirtschaftet mit Vermietungen, Veranstaltungen etc. Und die Mieter blieben nicht allein. Etwa 100 Freiwillige engagieren sich für das Projekt. Und mehr noch: “Wir haben eine ganze Bürgerschaft hinter uns stehen. Zusammen haben wir der Stadt sichtbar gemacht, was für einen Schatz sie hier eigentlich hat,“ sagt Anja Kolacek.

Das Deutzer Zentralwerk der Schönen Künste

Was heute in dem ehemaligen Motorenwerk passiert, lässt sich genauso wenig auf einen Nenner bringen, wie das, was hier dereinst passieren soll, oder vielleicht doch, ganz einfach: das pralle Leben. Hier wird gemacht: Kunstinstallationen, Theater- und Tanzsessions, Kleinkunst … möglichst ohne obsolete trennscharfe Einordnung in die jeweilige Sparte und immer auf den Ort bezogen.

Installationen im Deutzer Zentralwerk der Schönen Künste

 

Das kann lustig sein, wenn in einem 08/15 Büro lauter Papiere aus Schränken und Akten quellen, oder einem auch schwer auf den Magen schlagen, wie die „Revitalisierung“ der alten Waschkaue mit Matratzenlagern. Das „Schmutzige Handtuch“, die alte Malocherkneipe, macht wieder auf (an anderer Stelle allerdings und nur temporär), und man wird Ottos Murksbude besuchen können, der uns ja auch viel Elend eingebrockt hat mit seinen Motoren. 

Im Deutzer Zentralwerk der Schönen Künste hat die städtebauliche Entwicklung des Quartiers schon lange angefangen. Was vielleicht manchen irritiert: Es gibt keine Pläne, keine Renderings, keine Modelle. Im „Reallabor 1869 Zukunfts Werk Stadt“ gibt es eine Leitfrage: Wie sähe eine Stadt aus, die sich aus der Kraft der Kunst stetig neu entwickelt und in der das menschliche Miteinander Mittelpunkt und Maßstab bildet? Das ist die Frage, die überall auf der Welt gestellt wird.

Die alte Schmiede: Tretet ein, denn auch hier sind Götter. ©Barbara Schlei

 

Es hätte daher eine weltweite Strahlkraft, wenn dazu hier im Reallabor zwischen Deutz und Mülheim an einer Antwort geforscht würde, für die Stadt und für das Land NRW. Hier könnte das x-te Investorenmodell „exklusives Wohnen in historischen Industrieanlagen“ entstehen, aber wie viel mehr würde dieser Ort bedeuten, wenn er weiter leben und seine Geschichten weiter tragen darf. „Die erste Gasmotorenfabrik der Welt gehört in öffentliche Hände“, sagt Marc Leßle und viele sagen das. Auf das es so sein möge.

Ira Scheibe

 

ZUKUNFTS WERK STADT DIE INSTALLATION am 30. & 31. Mai und am 20. & 21. Juni (Samstag und Sonntag) von 14 -18 Uhr geöffnet (12 € Eintritt / 8 € ermäßigt).

Zur Internetseite raum13

Wer nicht hingehen kann, es gibt ein sehr schön gemachtes Buch zum Projekt, online und zum Bestellen oder Abholen.

Historische Info Rheinische Industriekultur

 

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