Kunst in echt

… und endlich mal wieder zum Hingehen: Gerhard Richters Grauer Spiegel in der Kunst-Station Sankt Peter

REPLACE RUBENS – Rubens ersetzen? Nach Lesart von Pater Kessler, der seit drei Jahren die Pfarrei Sankt Peter seelsorgerisch betreut, und auch nach der seines Vorgängers Friedhelm Mennekes, begann die Geschichte der Kunst-Station Sankt Peter im Jahr 1640. Ein reicher Kaufmann hatte 1638 bei Peter Paul Rubens ein Altarblatt für dessen Taufkirche in Auftrag gegeben. Es sollte Rubens letztes vollendetes Werk werden, er starb 1640. Die „Kreuzigung Petri“ befindet sich seither in Sankt Peter in Köln, ein Monumentalwerk von unschätzbarem Wert und „das erste Gemälde der Neuzeit in Köln“, so Pater Kessler.

Im Rahmen von RUBENS REPLACE, Gerhard Richters Grauer Spiegel ©Chris Franken

 

Vor wenigen Jahren schrieb die Gemeinde den Kunstwettbewerb REPLACE RUBENS aus, aber, keine Angst, das Bild wird nicht veräußert, sondern aufwendig restauriert – auf der Kirchenempore übrigens, weil man ihm keine Reisen und damit verbundene Erschütterungen und Klimaschwankungen zumuten wollte. Es ist für sein Alter in einem einigermaßen guten Zustand, und wird in wenigen Jahren auch an seinen angestammten Platz neben den Hauptchor zurückkehren. In der Zwischenzeit gibt es eben Stellvertreter.

Painting after all

Der erste in der Reihe ist Gerhard Richters „Grauer Spiegel“. Die Arbeit ist als Teil einer Bildgruppe 2018 entstanden, eine 228 x 228 cm große und auf der Rückseite grau eingebrannte Glasscheibe. Vier dieser Scheiben hängen zurzeit auch in der großen Gerhard Richter Ausstellung „Painting After All“ in New York im Metropolitan Museum. Das ist derzeit geschlossen, Sankt Peter aber nicht! Ursprünglich sollte die Installation schon kurz nach Ostern der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden, ab dem 14. Mai ist sie nun zu besichtigen.

Peter Paul Rubens: Die Kreuzigung Petri, Sankt Peter Köln ©Wikimedia Commons, Christian Nitz

 

Gerhard Richter kreist in seinem Schaffen um die Frage, was eigentlich ein Bild ist und wie sich die Wirklichkeit, der Raum und der Betrachtende zu ihm verhalten. Vor dem Kunstwerk sehen wir uns im Seitenschiff der Kirche und im Spiegel. Eine weitere Bedeutungsperspektive öffnet sich, wenn wir uns das Altarblatt von Rubens vergegenwärtigen: Petrus wird mit dem Kopf an das Kreuz genagelt, von oben schwebt ein Engel mit den Märtyrerinsignien ins Bild, unten liegt das päpstliche Gewand, das auf die Zukunft der gequälten Kirche hindeutet. Doch Petrus wendet seinen Blick weder dem Einen noch dem Anderen zu: „Woher kommt die Zuversicht, wenn die Lage scheinbar aussichtslos ist? Das Bild wäre billig, wenn die Antwort der Engel wäre,“ sagt Pater Kessler.

 

Petrus sucht die Zuversicht und Rettung nicht in dem Engel und nicht in den zukünftigen Ehren – er sucht den Blick des Betrachters und erhofft sich Hilfe von ihm. Und der Betrachter sieht nun im Spiegel, was auch Petrus sieht im Augenblick seiner höchsten Not: sich selbst! Eine Botschaft von 1638, gespiegelt von einem zeitgenössischen Künstler – Kunst tut not, in Zeiten wie diesen.

Ira Scheibe

Sankt Peter
Jabachstraße 1
50676 Köln
Geöffnet bis Oktober mittwochs bis sonntags 12.00 bis 18.00 Uhr, montags und dienstags sowie im Juli 2020 geschlossen

 

Schreibe einen Kommentar