Als die Zukunft gebaut wurde

„Architektur der 1950er bis 1970er
Jahre im Ruhrgebiet“, eine Buchempfehlung

Ob wir das Haus nun grade wieder mit einem guten Gefühl verlassen, um uns draußen inspirieren zu lassen oder ob wir lieber drinnen bei der Theorie bleiben, der im letzten Sommer von Tim Rieniets und Christine Kämmerer (StadtBauKultur NRW) herausgegebene Architekturführer „Architektur der 1950er und 1970 Jahre im Ruhrgebiet“ kann beides: Er ist Reise- und Spaziergangsbegleiter, aber ebenso Lese- und Bilderbuch.

Auszug aus „Architektur der 1950er bis 1970er Jahre im Ruhrgebiet © StadtBauKultur NRW, Verlag Kettler Dortmund

Die Publikation ist Teil einer Trilogie die im Rahmen des Projekts „Big Beautiful Buildings. Als die Zukunft gebaut wurde“, einer Kooperation von StadtBauBultur NRW und der TU Dortmund zum Europäischen Kulturerbejahr 2018, entstand. Während des Essayband den Geist und der Bildband das Auge glücklich macht, kommen im Architekturführer alle auf ihre Kosten. Das betongraue Buch ist gut strukturiert, allerdings erfolgt der Aufbau nicht topographisch oder chronologisch, sondern thematisch in neun Kapiteln. Von „Wohnen für alle“ und „Zuhause in der Zukunft“, werden die Leser über „Die Erfindung der Freizeit“, durch „Neue Arbeitswelten“ bis zum letzten Abschnitt „Moderner Kirchenbau“ geführt. Dabei gelingt es den Autoren Christine Kämmerer und Tim Rieniets ausgesprochen gut, uns das, was wir lange als gestrig oder gar vorgestrig abgetan hatten, als Monumente des bundesrepublikanischen Pioniergeists zu präsentieren. Wieviel Zukunft schon vor unserer Zeit gebaut wurde, war so lange vergessen, wie nur die völlige Abkehr von der Geschichte als neu und gut galt. Doch inzwischen boomen die Foren, die sich dem Brutalismus widmen weltweit, in den Sozialen Netzwerken bilden die Anhänger eine starke Community. Fast schon ist die Liebe zur Retro-Architektur normal geworden, man schaut gerne zurück, beginnt zu verstehen und lernt. Normal allerdings ist die Architektur der 54 vorgestellten Objekte selbst nie, sie ist überdurchschnittlich mutig, überdurchschnittlich groß, überdurchschnittlich skulptural oder überdurchschnittlich umstritten. Und doch sind sie nicht alle prominente Vertreter ihres Typus geworden, sondern meist einfach nur Teil unseres Stadtbildes.

Beflügelt

Auszug aus „Architektur der 1950er bis 1970er Jahre im Ruhrgebiet © StadtBauKultur NRW, Verlag Kettler Dortmund

Das Westfalenstadion in Dortmund (Städtisches Hochbauamt DO, 1974), die Grugahalle in Essen (Brockmann, Lichtenhahn 1958) oder die Ruhruniversität Bochum RUB (Helmut Hentrich u.a. seit 1962) sind als Institution bekannt, mit ihrer Architektur auseinandergesetzt haben sich jedoch nur wenige. So lernen wir hier, dass die Schmetterlingsflügel der Grugahalle entwickelt wurden, um kostengünstig auf alten Fundamenten ein größeres Bauvolumen zu errichten. Und wie die Bildungsmaschine RUB funktioniert, und dass sie so aussieht, wie sie aussieht, weil sie das Instrument einer Bildungsoffensive war. Und dass die Baukosten des Westfalenstadions durch die Verwendung vorgefertigter Systembauteile fast halbiert werden konnten.

Begrünt

Wohnhügel Marl, Auszug aus „Architektur der 1950er bis 1970er Jahre im Ruhrgebiet © StadtBauKultur NRW, Verlag Kettler Dortmund

Groß ist die Freude, wenn es gebaute Utopien zu entdecken gibt, grade weil wir grade in einer Ära leben, die es sich mit dem Experimentieren schwer gemacht hat. Dass Scheitern und Erfolg bei jedem Wagnis möglich sind,  zeigen die zwei Wohnprojekte, das Habiflex in Dorsten (Gottlob, Klement, 1973), das nicht an seiner Radikalität, sondern an der Bauphysik und den Besitzverhältnissen gescheitert ist und die auf den folgenden Seiten vorgestellte Wohnhügel in Marl (Faller, Frey, Schmidt, Schröder, 1965-82), von denen es dort zwar vier aus unterschiedlichen Jahrzehnten und in einem gepflegten Zustand (so zeigen es die Fotos) gibt, die sich aber trotz ihrer ökonomischen Effizient nicht als Modell etablieren konnten.

Es gibt vieles zu entdecken, Kaufhäuser, Schwimmbäder, Kirchen. Große Bauten mit großen Visionen, deren Unterhalt uns als nachfolgende Generationen – trotz aller Liebe zum Objekt – ins Schlingern bringt.

Auszug aus „Architektur der 1950er bis 1970er Jahre im Ruhrgebiet © StadtBauKultur NRW, Verlag Kettler Dortmund

Besonders normal

Mit 54 Objekten in 17 Städten bekommen die Leser einen guten Einblick in die Epoche und die Region, die weiterhin auf den Wandel setzen muss, um zu überleben. Jedes Projekt wird auf mindestens einer Doppelseite präsentiert. In den kurzen, aber informativen Texten (Deutsch und Englisch) gelingt es den Autoren eine knappe Baubeschreibung mit Hintergründen, Ideen und Einschätzungen zu verknüpfen. Fast alle Objekte wurden für den Architekturführer neu fotografiert, doch gibt es keine durchgängige Bildsprache oder wiederkehrenden Perspektiven, was dem einzelnen Projekt sicher zugute kommt. Manchmal wirken die farbigen Bilder fast ernüchternd normal, es sind keine der in den Foren so häufig geteilten stilisierten Schwarz-Weiß-Aufnahmen, sondern Bestandsaufnahmen, die zwar meist vorteilhaft sind, aber nichts beschönigen.

Auszug aus „Architektur der 1950er bis 1970er Jahre im Ruhrgebiet © StadtBauKultur NRW, Verlag Kettler Dortmund

Einen Kritikpunkt gibt es aber dennoch, denn um ein Gebäude zu begreifen, hilft ein Grundriss nicht nur uns Architekten ungemein, selbst ein stilisierter Plan spart viele komplizierte Worte.

Jetzt aber raus aus Köln und rein ins Ruhrgebiet, lasst euch von der Euphorie und den Visionen eurer Eltern und Großeltern inspirieren!

Uta Winterhager

Auszug aus „Architektur der 1950er bis 1970er Jahre im Ruhrgebiet © StadtBauKultur NRW, Verlag Kettler Dortmund

25,00 €

Herausgeber Tim Rieniets, Christine Kämmerer, StadtBauKultur NRW

Sprache deutsch, englisch

Kettler Verlag Dortmund, ISBN 978-3-86206-755-8

Seiten/Abbildungen 232 / 121, Format 12,5 × 24 cm

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