Bitte. Nicht.

Bonn ist nicht Hollywood. Der BDA Bonn Rhein-Sieg nimmt Stellung zum AIRE Turm

Horst Burbulla ist kein Architekt, aber er hat einen großen Kristallturm mit drehbarem Konzertsaal und Aussichtsterrasse erdacht, den er mit einer von ihm zu diesem Zweck gegründeten Stiftung in Bonn bauen und betreiben will. Dieser Veranstaltungsturm AIRE, einfach beschrieben als ein auf 217 Meter Höhe aufgeständerten Kronleuchter, soll auf einem städtischen Ufergrundstück an der denkmalgeschützten Rheinaue stehen. Ein Logenplatz soll es also sein, denn der Turm soll vor allem ein Zeichen setzen. Doch wofür eigentlich? Für Bonn? Für das Machen des Möglichen? Für heute, für morgen? Für den Investor selbst?

Mit zeichenhafter Architektur tun die Bonner sich schwer, die Idee sich mit dem World Conference Center zu etablieren, wurde durch einen betrügerischen Investor zum Trauma. Längst ausgeträumt ist auch der Traum vom Beethoven-Festspielhaus, zu dem es 2011 einen ersten großen Wettbewerb gegeben hat, 2014 einen zweiten. Nacheinander sprangen die Sponsoren ab – und ohne Geld gab‘s keinen Bau.

„Etwas Besonderes“ soll der Turm sein, auf dem man seine Hochzeit feiern könnte © AIRE Horst Burbulla

Nun gibt es Geld. Burbulla würde die 80 Millionen Euro für den Turm selbst aufbringen. Und es ist ihm ernst. Er hat seine Idee (von ungenannten Architekten, Brandschutzexperten und Statikern) berechnen und zeichnen lassen. Er hat ein Modell im Maßstab 1:100 bauen lassen und in einem als Showroom für die Kampagne angemieteten Ladenlokal in der Bonner Innenstadt aufgestellt, wo er Unterschriften für ein Bürgerbegehren sammelt. Um das Unterschreiben attraktiver zu machen, gibt es dort ein Filmerlebnis mit VR-Brille. Und einmal dort, kann man sich nicht nur mit dem Turm-Modell, sondern auch mit dem echten Oscar fotografieren lassen, mit dem Burbulla 2004 für die von seiner Firma Technocrane produzierten Kamerakräne ausgezeichnet wurde. Auch die intensive Pressearbeit zeigt, dass er groß denkt, doch der Bericht im Feuilleton der FAZ klang irgendwie mitleidig bis skeptisch und auf der letzten Seite der Bauwelt möchte man wirklich nicht sein. Keine Unterstützung also von der Fachwelt, auch die Bonner Ratsfraktionen sind kritisch. Positiv dagegen reagierten die Industrie- und Handelskammer, sowie das Hotel- und Gaststättengewerbe, die auf wirtschaftliche Impulse durch das Leuchtturmprojekt hoffen.

Nun richtet sich Burbulla direkt an die Bonner, bis jetzt hat er 6.000 Unterstützerunterschriften gesammelt, bis zum Sommer will er die zur Eröffnung eines Bauleitplanungs-Verfahrens benötigten 9.944 Unterschriften vorlegen können. Lehnen die Politiker das AIRE-Projekt dann jedoch ab, kommt es zu einem Bürgerentscheid, bei dem alle kommunalwahlberechtigten Bonner abstimmen dürfen.

So ganz stimmt er Maßstab nicht, denn der Konzertsaal wäre etwa auf der Traufhöhe des Posttowers, der nur ein paar hundert Meter entfernt steht. © AIRE Horst Burbulla

Dass jemand eine (gemeinnützige) Idee hat und viel Geld diese zu realisieren mitbringt, ist in Deutschland äußerst selten, die Skepsis ist verständlich. Wirtschaftliche Aspekte lassen sich jedoch berechnen, hier ließe sich recht schnell klären, ob die Sache läuft oder nicht. Doch kann man in einem Land, wo jede Schultoilette über ein Verfahren vergeben wird, einfach so eine selbstausgedachte Landmarke bauen? Jetzt äußert sich der BDA Bonn-Rhein-Sieg mit folgender Stellungnahme:

Lange hat der Bund Deutscher Architekten (BDA) Bonn-Rhein-Sieg gezögert, sich einem Luxusprojekt zu stellen, das nur durch erheblichen finanziellen und medialen Aufwand einer einzelnen Person eine öffentliche Wahrnehmung erfahren hat. Mit dem Zuspruch der IHK gerät allerdings das Vorhaben in ein Fahrwasser, das uns dazu zwingt, sich ernsthaft mit der Idee und der Architektur auseinanderzusetzen.

Zu dem von einem privaten Sponsor gepushten Projekt „Veranstaltungsturm AIRE“ nimmt der BDA Bonn-Rhein-Sieg wie folgt Stellung:

Die Sinnhaftigkeit der räumlichen Organisation ist nicht nachvollziehbar © Aire – Horst Burbulla

1.         Für einen weiteren Veranstaltungsraum in dieser Größenordnung besteht neben dem WCCB, der Beethovenhalle, der Oper, der Stadthalle, dem Brückenforum, dem geplanten Musiktempel am Schlachthof oder auch dem Telekom-Dome keinerlei Bedarf. Allein der Sponsoren-Wunsch nach Verwirklichung seines privaten Traumes rechtfertigt ein solches Bauwerk nicht!

Größenvergleich der Bonner Hochpunkte Posttower 162, 5 Meter, Langer Eugen 115 Meter, Aire 217,80 Meter © Aire – Horst Burbulla

2.         Der vom Sponsor mit Nachdruck eingeforderte Standort in der Bonner Rheinaue (Denkmal!) liegt in einem besonders sensiblen Abschnitt des Rheintales: Ein monumentales und „eitles“ Bauwerk kann dieses einzigartige Panorama für die gesamte Dauer seines Bestehens stören. Auch die Stadtsilhouette wird massiv tangiert. Die beschlossene Rahmenplanung für das ehemalige Regierungsviertel sieht an dieser Stelle aus gutem Grund auch kein Gebäude vor.

Welche Schäden das Rheinhochwasser für die Gebäude in Ufernähe verursachen kann, war beim Bau der Deutschen Welle/Schürmannbau auf fatale Weise zu erleben. © Aire – Horst Burbulla

3.         Die Sinnhaftigkeit dieses Turmes erschließt sich nicht: Warum müssen 1.100 Besucher und wahrscheinlich auch ca. 200 weitere Personen wie Künstler und Personal erst auf 162 m Höhe hochgegondelt werden, um dort ein konzertantes oder anderes künstlerische Geschehen zu verfolgen? Der Drang nach Schaffung von Spektakulärem rechtfertigt den verbauten Energieaufwand und auch die Inanspruchnahme des Standortes nicht. Auch ist der Bautypus des Turmes für eine sinnvolle Drittverwendung denkbar ungeeignet. Darüber hinaus sind Konzertsaal – das nach innen konzentrieren – und Aussichtsturm – das nach außen blicken oder wirken – in sich gegensätzliche Archetypen.

4.         Bauliche Umsetzung und nachhaltiger Betrieb des Turmes sind wirtschaftlich risikoreich und am Ende wahrscheinlich wieder einmal eine Belastung des städtischen Haushaltes zum Nachteil anderer kultureller Projekte.

Achtung: der Maßstab der Visualisierung kann so sicher nicht stimmen!! Der Fuß des Turmes müsste wesentlich breiter erscheinen. © Aire – Horst Burbulla

5.         Maßstab und Architektur sind inakzeptabel! Die Gestaltsprache erinnert an vergangene Zeiten, in denen Landesherren und Fürsten sich mit Lustbarkeiten umgaben und darin wandelten, ohne öffentlichen Zugang. Die Effekthascherei dieser strass-behängten Event-Architektur dürfte sich rasch verbrauchen und ein peinliches Symbol für provinziellen Geschmack hinterlassen. Diese monströse Mixtur aus Kettenkarussell und Kristallvase gehört allenfalls nach Hollywood oder ins Phantasialand, nicht aber vor die einzigartige Kulisse des Siebengebirges.

Geschmacklich fraglich. Baukultur kann kein Mehrheitsentscheid sein. © Aire – Horst Burbulla

6.         Mit erheblichen finanziellen Mitteln soll eine Zustimmung für dieses Bauwerk organisiert oder auch eingekauft werden. Das Instrument des Bürgerbegehrens/Bürgerentscheides wird bemüht, um die Politik zu zwingen, sich mit privaten Phantasien zu beschäftigen und dafür öffentlichen Grund zur Verfügung zu stellen.

Aus allen vorgenannten Gründen fordert der BDA Bonn-Rhein-Sieg die für Planung verantwortlichen Vertreter aus Politik und Verwaltung auf, sich von diesem Vorhaben zu distanzieren. Nur so kann sichergestellt werden, dass unsere Stadt mit ihrem besonderen Rheinpanorama vor einem irreparablen Schaden bewahrt wird.

Für das begrüßenswerte Engagement privater Investoren gibt es zahlreiche sinnvolle Projekte, die nicht minder öffentlich wirksam wären. So würde der BDA Bonn-Rhein-Sieg eine Neugestaltung der Bonner Rheinpromenade, vor allem unterhalb der Oper – vielleicht mit einer Neugestaltung einer modernen Treppenanlage durchaus unterstützen.

Aufgestellt: Bonn, den 2. April 2020

Vorstand:         Jürgen von Kietzell, Ines Knye (Vorsitzende), Markus Müller, Adriane Niedner-Siebert, Ralph Schweitzer

red | uw

                      

                       

                       

                       

7 Kommentare

Sehr geehrte Damen und Herren,
mit großer Aufmerksamkeit habe ich Ihre Stellungnahme gelesen und bedanke mich für Ihre Einschätzung zu unserem Projekt AIRE.
Jedes Projekt, dass in das Licht der Öffentlichkeit tritt, stellt sich der Kritik und Zustimmung. Darf ich auf einige Ihrer Kritikpunkte eingehen?
Welchen dekorativen und baulichen Luxus darf sich ein öffentliches Ausflugsziel mit Saal erlauben? Dürfen Bürogebäude hoch, „spektakulär“ und „eitel“ sein aber ein öffentliches Gebäude nicht? Die Bürogebäude dürfen wir als Bürger nicht betreten. AIRE ist offen für alle und hier können wir Feste feiern, Momente genießen und unsere Erlebnisse teilen.
Darf eine Person eine Idee haben und in der Öffentlichkeit für die Umsetzung werben? Ideen sind immer mit Leidenschaft, Können und Ausdauer verbunden. Wollen Sie darauf verzichten?
Visionäre Ideen können sich immer erst in der Zukunft beweisen. Es braucht Mut, Kreativität und einen langen Atem, bis aus rosaroten, kitschigen Straßenbäumen das Bonner Kirschblütenfest mit Besuchern aus aller Welt wird oder aus drehenden Eiern das London Eye.
Kritik und Zustimmung machen auch unser Projekt AIRE besser. Deshalb danke ich Ihnen nochmals für ihre Einschätzung und würde mich über eine Diskussion freuen.
Horst Burbulla

„Ideen sind immer mit Leidenschaft, Können und Ausdauer verbunden.“ Da bin ich erstmal baff! Dreidimensional gewordene böhmische Häkeldecke aus Glas. Einfach unfassbar, unbeholfen und alptraumhaft. Ich erkenne keinen Bürgersinn, nur eitle und kindlich naive Geschmacklosigkeit. BITTE NICHT!

Nicht noch ein Hochhaus in Bonn! Ist es nicht möglich, in einigen Städten auch ohne hohe Gebäude auszukommen?
Schon die 2 Hochhäuser in Bonn, sind 2 zu viel.
Den Posttower sehe ich eh nur als das Phallusobjekt des früheren dubiosen Vorsitzenden der Post-AG, der sich in das Stadtbild Bonns überhaupt nicht einfügt, sonder lediglich ein Störfaktor bildet. Mittlerweile versuchen sich die Bürger mit abzufinden.
Vielleicht ist ja im Phantasialand oder in Las Vegas ja noch etwas Fläche frei.
Architekt Nikos Kapourakis

Keine Frage, diese „Vision“ ist „groß gedacht“, wer wollte das bestreiten. Aber exakt dadurch weist sich das Projekt als unzeitgemäß aus: Die Baukultur wird im Lauf des 21. Jahrhunderts andere Wege gehen müssen, als mit immer größerem Aufwand Bauten herzustellen, die nur das bieten, was wir schon haben. Wenn man sich in Bonn ein wenig auskennt, dann weiß man, dass hier und im nächsten Umland wirklich kein Mangel an Konzertsälen, Aussichtspunkten und schönen Locations besteht. Die Stadt ist keine Wüste, die durch diese „Vision“ plötzlich zum Fruchtland wird. Und aus Kölner Sicht: Warum steht nochmal der Colonius seit 25 Jahren leer?

Herrn Burbulla möchte ich außerdem fragen:
– Würden Sie eigentlich auch die Kosten eines möglichen Bürgerentscheides in Bonn übernehmen? (Dafür ist ein mittlerer sechsstelliger Betrag zu erwarten, den die öffentliche Hand im Moment vielleicht auch anderswo gebrauchen könnte.)
– Können Sie sich nicht auch vorstellen, die geplante Fahrradbrücke über den Rhein (Weberstraße/Ringstraße) zu fördern, vielleicht verbunden mit einer Freilichtbühne am Rheinufer? ich glaube, dafür wäre Ihnen breiteste Anerkennung sicher.

Etwas zu verschenken, gilt als Geste der Großzügigkeit; etwas geschenkt zu bekommen, ist oft erfreulich und für uns positiv besetzt. Geschenke gehen über das hinaus, was wir uns normalerweise kaufen oder leisten würden. Darin liegt ein besonderer Wert. Das heißt aber nicht, dass es zwischen Absender und Empfänger keine Koordinierung gibt – die weihnachtliche Wunschliste ist das beste Beispiel dafür. Mit dem fertigen Geschenk zu kommen, zu fordern, dass es angenommen wird und darauf zu bestehen, „nur dies oder gar nichts“ – das halte ich für den falschen Weg, und das ist das Kindische an dieser Planung. Ein Schenkender muss damit zurecht kommen, dass sein Geschenk nicht ankommt und nicht gewollt wird. Seien die Socken, der Schlafanzug oder die Krawatte zu Weihnachten noch so schön und teuer. Leider könnte man, einmal gebaut, das hier verhandelte Objekt, nicht in den Schrank stellen, nicht zurückgeben und auch nicht beim Wichteln an die Nachbarstadt weitergeben. Nicht nur deswegen erwarte ich das, was Bau-Kultur als Prozess-Kultur ausmacht: Der geben will, fragt die Nehmer, was sinnvoll und gewünscht wäre, und zwar ergebnisoffen und verhandelbar. Der Kommentar des BDA ist zugegeben sehr zugespitzt; die bissige Wortwahl macht ihn für mich amüsant, ich sehe aber auch sein verletzendes Potential. Vielleicht sollten wir einen Runden Tisch machen und mal gemeinsam über die Wunschliste sprechen?

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