Robuste Pilze

Zum Entwurf des neuen Hörsaalzentrums der TH Köln von Staab Architekten

Das Berliner Büro Staab Architekten wird das Hörsaalzentrum des neuen Campus Deutz bauen. In der ersten Phase des zweistufigen Verfahrens war Ende 2018, neben dem Entwurf von Staab, auch der des Frankfurter Büros von Ferdinand Heide zur Weiterbearbeitung empfohlen worden. Der Vorschlag von Volker Staab und seinem Team konnte sich schließlich durchsetzen, derzeit wird der Vorentwurf bearbeitet.

Robuste Struktur: Staab Architekten schlagen eine betoniertes Raumwerk vor, das mit verschiedenen Funktionen individuell ausgebaut werden kann. Grafik ©Staab Architekten

 

Das Gebäude, das Volker Staab vorschlägt, ist dabei durchaus vielversprechend. Ausgangspunkt der Überlegungen ist die vielzitierte Nachhaltigkeit: „Im Rahmen der Diskussion, was zur Nachhaltigkeit von Häusern beiträgt, interessiert uns besonders, wie anpassungsfähig Häuser sind und wie sie sich auf unterschiedliche Anforderungen der Nutzer einstellen können.“ Ziel sei es gewesen, ein möglichst flexibles Gebäude zu entwerfen, das gleichzeitig über ein hohes Maß individueller Atmosphäre verfüge. Denn, so der Architekt weiter, „die meisten Bürogebäude sind in diesem Sinne flexibel – das allermeiste kann man ja irgendwie umbauen, aber es geht eben auch eine gewisse Eigenschaftslosigkeit damit einher.“

Jenseits der Eigenschaftslosigkeit

Das kann man dem vorliegenden Entwurf nicht attestieren. Das Hörsaalzentrum, das unmittelbar östlich neben dem bestehenden Altbau der beiden Fakultäten für Bauingenieurwesen und Umwelttechnik sowie Architektur liegen wird, zeigt schon in seiner äußeren Erscheinung den Wesenskern seines Entwurfsgedankens: eine sehr robuste Struktur aus vertikalen, breiten Stützen und horizontal darauf lagernden Deckenplatten, die ihren statischen Kräfteverlauf deutlich abbilden. Diese Struktur soll in raugeschaltem Beton ausgeführt und mit leichten Bauteilen ausgefacht werden. Der Frage nachgehend, welche Bauteile eines Hochschulgebäudes wirklich notwendig sind, wenn sich in zehn oder 15 Jahren die Lehr- und Lernbedingungen grundsätzlich verändert haben, führt Staab aus: „Das sind natürlich die vertikalen Erschließungen, die Treppen, die technischen Erschließungen, die Schächte.“ Ob sich dazwischen Vorlesungssäle, studentische Arbeitsräume oder Co-Working-Bereiche befinden, spielt hier zunächst keine Rolle. „Schaut man sich heutige Lehrmethoden an, hat man doch gewisse Zweifel, ob Frontalunterricht im klassischen Hörsaal auch in zehn oder 15 Jahren noch das Mittel der Wahl ist“, so Volker Staab.

Die tragende Struktur (schwarz) lässt auch für die Zukunft variantenreiche Ausbaumöglichkeiten (orange und grau) zu. Grafik ©Staab Architekten

Darauf aber ist das Haus vorbereitet: „Die Idee ist, dass jede Treppe, jeder Schacht, jedes dieser vertikalen Elemente, die sich immer aus einer Funktion heraus ergeben, je ein Deckenelement mitbringt. Über diese Fixpunkte hinaus gibt es keine weiteren vertikalen Elemente.“ So ergibt sich ein Gerüst, in das verschiedene Funktionen eingeräumt werden können: Bibliothek, Seminarräume, Hörsäle, studentische Arbeitsräume oder sonstwie genutzte Kompartimente.

Vorbereitet auf die Zukunft

„Für uns war die entscheidende Frage, wie sich ein Hochschulgebäude den unterschiedlichen Lehr- und Lernanforderungen in den kommenden Jahrzehnten anpassen kann,“ sagt Volker Staab. Grafik ©Staab Architekten

 

Die stützenden Betonkerne weiten sich nach oben hin pilzartig und fließen zu den ebenfalls betonierten Deckenscheiben zusammen. Zwischen ihnen sollen Räume entstehen, die einen „Werkstatt-Charakter“ haben. „Wir können uns vorstellen, dass es Paneele aus verzinkten Blechen gibt, zum Teil gelocht, damit sie akustisch wirksam sind, und die Möbel aus Holzwerkstoffen, nicht aus edlen Furnieren gefügt sind. Aus zwei oder drei Materialien soll ein Kanon entstehen, der ebenso robust ist wie die räumliche Struktur, und für alle künftigen Ausbauten funktioniert“, so Volker Staab. Fürs erste aber sei klar, dass den Anforderungen des Raumprogramms Genüge getan wird: Es ist eine Mischung aus bestimmten Hörsaalgrößen, studentischen Arbeitsräumen und Seminarräumen. Darüber hinaus werden Staab Architekten ein Regelwerk vorschlagen, wie mit späteren Um- und Ausbauten zu verfahren ist. „Das betrifft etwa den Umgang mit Licht oder Akustik, die Anschlüsse und Materialien der Einbauwände und die Frage, wie sie sich in den Ausbau und das Große und Ganze der räumlichen Struktur integrieren.“

Studentische Arbeitsräume sind ebenso denkbar, wie eine spätere völlige Abkehr vom klassischen Lehrgebäude. Grafik ©Staab Architekten  

Aktuell lässt sich noch keine seriöse Prognose wagen, wann das neue Hörsaalzentrum fertiggestellt sein wird, die künftigen Studierenden und Lehrenden aber dürfen sich freuen. Sofern die Bauherrenseite den Mut hat, sich auf die Konzeption von Staab Architekten einzulassen, könnte hier ein Lehrgebäude entstehen, das das Potential hat, räumlich-atmosphärisch ebenso dicht wie prototypisch für diese Bauaufgabe zu sein, da es sich selbst ebenso ernst nimmt, wie das Thema Nachhaltigkeit, das hier kein bloßes Lippenbekenntnis ist.

David Kasparek

Das neue Hörsaalzentrum liegt an der Schnittstelle zwischen neuem Campus und angrenzender Wohnbebauung. Grafik ©Staab Architekten

 

Dieser Text ist Teil einer Reihe zur städtebaulichen Entwicklung des ingenieurwissenschaftlichen Zentrums – kurz IWZ

Kern und Mantel
Zum Stand der Planungen des Campus Deutz der TH Köln
31.01.2020

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