Eine lange Geschichte, eine lange Wand

Eine Cortenstahlwand von Simon Ungers erinnert an das Deportationslager Müngersdorf

Im Äußeren Grüngürtel, wo die Stadt nicht mehr städtisch ist, steht seit einigen Wochen eine Wand aus übereinander geschweißten Stahlträgern. Zunehmend schnell verändert sich ihre Oberfläche, Grau wird Orange, das Objekt wird unübersehbar. So markiert es den Ort, an dem lange nichts mehr daran erinnerte, dass dort während der Nazidiktatur mehr als 5.000 Menschen in Teilen des ehemals preußischen Fort V und einer in der Nähe errichteten Barackenanlage gettoisiert, 3.500 von ihnen in das Ghetto Theresienstadt und Vernichtungslager deportiert, andere vor Ort als Zwangsarbeiter missbraucht wurden.

Erinnerung an das Erinnern, der Findling am Ort des ehemaligen Deportationslagers Müngersdorf © Foto Bürgerverein Müngersdorf

Baracken und Fort sind längst abgerissen, seit 1981 lag am Walter-Binder-Weg immerhin ein Gedenkstein im wuchernden Grün, kein Mahnmal, mehr nur eine Erinnerung daran, das Erinnern nicht zu vergessen. Dem großen Engagement des Bürgervereins Köln-Müngersdorf ist es zu verdanken, dass der Ort nun noch ein würdiger Gedenkort wurde, mit einem Denkmal, das allein durch seine Größe und Materialität wahrgenommen werden muss.

Montage der Wand-Skulptur im Januar 2020 © Foto Bernd Grimm

Ein langer Weg

In Köln konzentrierte sich die Auseinandersetzung mit der nationalsozialistischen Terrorherrschaft zumeist auf die Arbeit des EL-DE-Hauses. Mitten in der Kölner Innenstadt finden in der zum Gedenkort umgestalteten ehemaligen Gestapo-Zentrale ebenso didaktisch anspruchsvolle wie bewegende Ausstellungen und Veranstaltungen statt. Im gesamten Stadtgebiet erinnern über 2.000 Stolpersteine des Künstlers Gunter Deming an den jeweils letzten freiwillig gewählten Wohnort der von den Nationalsozialisten verfolgten Kölner. Am Messeturm in Deutz dagegen erinnert nur eine kleine Plakette daran, dass sich dort das Messelager als Deportationsort und Außenstelle des KZs Buchenwald befand. Viele der Reden, die anlässlich des 75. Jahrestags der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz gehalten wurden, markierten im In- und Ausland, wie wichtig die politische und gesellschaftliche Auseinandersetzung mit der Geschichte und den wieder deutlich stärkeren Ausprägungen des Fremdenhasses und Antisemitismus weiterhin sind. Doch das Deportationslager Müngersdorf zählte bislang zu den aus dem öffentlichen Bewusstsein verdrängten Orten.

Lageplan des Gedenkortes Müngersdorf im Äußeren Grüngürtel

Nie vergessen

Der Bürgerverein stieß mit seinem Vorhaben einen Gedenkort zu errichten bei Sophia Ungers, der Leiterin des UAA auf großes Interesse. Ihr Bruder Simon Ungers, der 2006 verstorbene Künstler und Architekt Simon Ungers, hatte sich mit verschiedenen Arbeiten mit der Geschichte des Holocaust auseinandergesetzt. 1995 gewann er mit seinem Beitrag einen von zwei ersten Preisen für das in Berlin geplante Denkmal für die ermordeten Juden Europas. Sein Entwurf sah ein 85 x 85 Meter großes Plateau vor, das mit Stahlträgern gefasst werden sollte, aus denen die die Namen der größten Konzentrationslager so herausgestanzt werden sollten, dass die Schriftzüge von außen spiegelbildlich erschienen und erst mit Betreten der inneren Plattform zu lesen waren. Nach einem zweiten Wettbewerb, an dem Ungers mit einer Überarbeitung teilnahm. wurde dort schließlich der Entwurf von Peter Eisenman realisiert. Für den Wettbewerbs der Gedenkstätte „Topographie des Terrors“ in Berlin entwickelte Ungers seinen Entwurf weiter, zu einer Realisierung kam es jedoch auch hier nicht.

Entwurf für die Gedenkstelle entwickelt aus Wettbewerbsbeiträgen für Gedenkstätten in Berlin von Simon Ungers © Bernd Grimm

Sophia Ungers, deren Familie eng mit dem Stadtteil Müngersdorf verbunden ist, sichtete den künstlerischen Nachlass ihres Bruders und entwickelte in Zusammenarbeit mit dem Bürgerverein, dem NS-Dokumentationszentrum der Stadt Köln, dem Bildhauer Bernd Grimm und dem Architekten Sven Röttger aus den vorliegenden Entwürfen ein für den Gedenkort in Müngersdorf den inhaltlich wie räumlich passendes Konzept, das mit Spenden, sowie finanzieller Unterstützung der Stadt Köln und des Landes NRW realisert werden konnte.

Eine lange Wand

Die vier Meter hohe und 19 Meter lange Wand, zusammengeschweißt aus 8 Doppel-T-Trägern, greift Ideen der von Simon Ungers für Berlin entworfenen Mahnmale auf. Ihre Oberfläche nimmt durch den verwendeten Cortenstahl schnell eine leuchtend-orange Färbung an. Unter ihren Fundamenten liegen noch Überreste des Forts. Sieben Öffnungen, Fenster, wenn man so will, erlauben Durchblicke, Ausblicke. Geben eine Perspektive, vielleicht auch Hoffnung. Ein mit drei aus rotem Ziegel gemauerten Infoblöcken markierter „Weg des Gedenkens“ führt von der Skulptur, die im Zentrum des ehemaligen Forts aufgestellt wurde, zum Standort des Barackenlagers. Kurze Texte auf Deutsch, Englisch und Hebräisch in Edelstahlplatten graviert und auf die Blöcke montiert, informieren über die Geschichte des Ortes.

Es ist kein leichtes Werk, kein schönes Objekt im klassischen Sinne. Es steht im Weg, will als Fremdkörper wahrgenommen werden. So setzt es dem Vergessen etwas Stärkeres entgegen, das lange überdauern wird und immer neuen Generationen die immer wieder gleiche Frage stellen wird.

Uta Winterhager

Die Eröffnung des Mahnmals findet am 15. März 2020 um 15 Uhr statt.

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