Kern und Mantel

Zum Stand der Planungen des Campus Deutz der TH Köln

Schaut man sich die Berichterstattung über die Mode der letzten Jahre an, trifft man oft auf Unverständnis hinsichtlich entblößter Knöchel und dünner Sneaker, die auch trotz widrigster äußerer Umstände von jungen Menschen getragen werden. Zu kalt sei das, die Erkältung sicher, und überhaupt komplett fragwürdig, da es doch mit Stiefel und Mantel tradierte Methoden gäbe, den eigenen Leib im Kern warm zu halten. Allein: Die Jugend zeigt sich zum Glück beratungsresistent und geht dünn besohlt ihrer eigenen Wege.

Erhalt und Neubau

Gut sieben Jahre ist es inzwischen her, da bestimmte die Jury unter Vorsitz von Albert Speer den Entwurf von kister scheithauer gross architekten und stadtplaner (ksg, Köln) und Atelier Loidl (Berlin) zum Sieger des Wettbewerbs zum Campus Deutz der damaligen FH und heutigen TH Köln. Am 5. November 2012 endete der zweiphasige Wettbewerb zur städtebaulichen Entwicklung des ingenieurwissenschaftlichen Zentrums – kurz IWZ – mit einem einstimmigen Votum für den mit „Kern und Mantel“ überschriebenen Beitrag. Laut den Unterlagen zum Wettbewerb galt es, sowohl den in den 2000er Jahren sanierten Bau der Fakultäten für Architektur sowie Bauingenieurwesen und Umwelttechnik als auch die Hochschulbibliothek zu erhalten. Hochhaus, Hallenbauten und Mensa sollten durch Neubauten ersetzt werden.

Stadtplanung als bloße Flächenverwaltung

Der erste Preis des Wettbewerbes von 2012, ksg architekten und stadtplaner mit den Landschaftsarchitekten Atelier Loidl, bildet einen Campus aus. ©ksg architekten und stadtplaner

Nach dem Gewinn des Wettbewerbs, so Kister, seien sich zunächst alle einig gewesen. Der städtebauliche Entwurf von ksg und die Landschaftsplanung von Atelier Loidl, so Bau- und Liegenschaftsbetrieb (BLB) NRW, TH Köln und Stadt Köln in einer gemeinsamen Erklärung, sollten umgesetzt werden. Über die Gültigkeit dieser Vereinbarung ist sich Johannes Kister indes nicht mehr sicher: „Mir ist offen gestanden unklar, ob die Masterplanung aus dem Wettbewerb derzeit obsolet ist“, sagt der Architekt im Gespräch.

Kister wirkt einigermaßen konsterniert. Ein Jahr habe das Büro an der Aufgabe gearbeitet, ein Masterplan-Buch erstellt, „das wir gemeinsam mit der Hochschule und dem BLB verabschiedet haben“, so Kister.  Das aber scheint nunmehr Makulatur zu sein: „Das Büro ksg war beauftragt für die Entwicklung des informellen Rahmens – hier Masterplan – und ist aktuell nicht mehr zu diesem Thema im Auftragsverhältnis des BLB NRW, da die Leistung abgeschlossen ist“, wie Frank Buch, Pressesprecher des BLB klarstellt. „Informeller Rahmen“ – das lässt aufhorchen. Dieser Masterplan, so Buch weiter, diene „als Grundlage des laufenden Bebauungsplanverfahrens, welches durch einen Stadtplaner – speziell für die formale Stadtplanung – begleitet wird und in enger Abstimmung mit der Stadt Köln läuft.“

„Ein Konzept für die Stadt“

Der neue geplante Campus bildet im Masterplan von ksg den „Kern“ während sich die Wohnbauten wie ein „Mantel“ drumherum legen. ©ksg

Die Hochschule ihrerseits hat mit der hauseigenen Architekturfakultät selbst Gestaltungsrichtlinien formuliert. Diese, so Sybille Fuhrmann, Pressesprecherin der Hochschule, seien dann auch Bestandteil der Auslobungen der folgenden Architektenwettbewerbe gewesen: Ziel dieser Leitlinien sollte „ein allgemein lesbarer Ausdruck der inneren Einstellung und äußeren Haltung der Hochschule sein. Die Gestaltungsleitlinien haben in diesem auf lange Zeit angelegten Prozess die Aufgabe der verbindlichen Beschreibung von spezifischen räumlichen und gestalterischen Eigenschaften des Campus und seiner Gebäude“, wie Fuhrmann ausführt. Sie ergänzt: „Ein solches Regelwerk ist unabdingbar.“

Dem stimmt auch Johannes Kister prinzipiell zu: „Wir hatten in einem zweiten Schritt eine Architekturfibel und eine weitere Begleitung mit angeboten. Vor allem auch, weil sich handelnde Personen in Ämtern, Städten und anderen Institutionen ändern. Deswegen wäre in unseren Auge eine gewisse Konstanz und Begleitung wichtig gewesen.“ Darüber, dass eine Beauftragung dieses zweiten Schritts nicht erfolgt ist, zeigt sich der Architekt enttäuscht: „Ich bedaure es sehr, dass mit uns als Urheber dieser städtebaulichen Idee, jetzt nicht mehr zusammengearbeitet wird.“ Unmittelbar nach dem Jury-Entscheid hatte der damalige Kölner Stadtbaudezernent Franz-Josef Höing die „extrem hohe Qualität des Entwurfs“ gelobt, der sich „ohne Schwächen“ gegen die anderen Beiträge durchgesetzt habe. Damit sei nicht nur ein Entwurf für die Hochschule vorgelegt, sondern, so Höing, „ein Konzept für die Stadt gemacht“ worden.

Weichenstellung zur Erneuerung

Die aus den 1970er-Jahren stammenden Hochschulbauten genügen baulich, infrastrukturell und stadträumlich nicht mehr den heutigen Ansprüchen. Ingenieurwissenschaftliches Zentrum (IWZ) © Raimond Spekking via Wikimedia Commons

2013 hatte sich Ulrich Krings in der architekt für einen Erhalt des von Bernhard Finner (mit Walter Henn und Claus Wiechmann) entworfenen und von 1973 bis 1978 erbauten Hochschulgebäudes stark gemacht. Johannes Kister, Gründungspartner des Büros ksg und Entwurfsverfasser des Masterplans, aber kann den Entschluss zum Abbruch des Hauses nachvollziehen: „Ich kann auch verstehen, dass der Nutzer sagt, man will nicht nur schöne neue Häuser haben, sondern auch grundlegend eine andere Haltung, was eine Hochschule heute sein kann und vermitteln möchte.“

Kister und sein Team hatten den Weiterbetrieb der Bestandsbauten bei gleichzeitiger Neubebaung der umgebenden Freiflächen vorgeschlagen. Erst nachdem für entsprechenden Ersatz gesorgt ist, so die Konzeption, würde das einst denkmalgeschützte Hochhaus abgerissen. Gemeinsam mit den erhaltenen Häusern sollen sich die Neubauten um eine grüne Mitte gruppieren. Der neue Campus, so ksg, bilde den „Kern“, um den sich ein „Mantel“ von Wohnbauten lege. Diese, teilweise im erweiterten Wettbewerbsgebiet gelegenen Wohnhäuser, könnten Teil der Lösung der städtebaulich wie räumlich-atmosphärisch höchst unbefriedigenden Insellage des IWZ sein. Johannes Kister unterstreicht die Wichtigkeit dieses Themas: „Dass im Südwesten der zentralen Allee Wohnbauten entstehen sollen, ist für uns eine zentrale Idee. Diese Bebauung ist Teil dessen, was wir ‚Mantel’ genannt haben: ein Ring von Wohnbauten, der sich um den ‚Kern’ der Hochschulgebäude legt. Nur so lässt sich der Campus mit den umliegenden Wohngebieten verweben –  und so rückt das Wohnen tatsächlich an die Hochschule heran.“

Insgesamt sind in den Neubauten rund 44.500 Quadratmeter Nutzfläche geplant. Masterplan und Bauabschnitte. © TH Köln / BLB NRW

Wann und wie die Stadt zumindest diesen Teil der Planung weiterverfolgt, wird Inhalt eines weiteren Textbeitrags an dieser Stelle sein – beschlossen ist sie vom Rat der Stadt Köln. Dass eine enge Begleitung solch komplexer und auf einen langen Zeitraum angelegter städtebaulicher Verfahren einen Mehrwert bietet, beweisen verschiedene Projekte von Campus Neubauten bis hin zu Stadterweiterungen. Für den BLB ist die Sache für den Moment klar: „Der Masterplan und dessen Vorgaben dienen als städtebauliches Gerüst für alle weiteren Entwicklungen der Baufelder des Vorhabens Ersatzneubauten Campus Deutz.“

Geld und Zeit

Visualisierung des Entwurfs für Gebäude A, für den die wulf architekten gmbh den ersten Preis erhielt. © wulf architekten

Mit Staab Architekten aus Berlin und wulf architekten aus Stuttgart haben im Dezember 2018 zumindest zwei renommierte Büros die Wettbewerbe für die ersten beiden Ersatzneubauten gewonnen: wulf architekten werden das mit „Gebäude A“ überschriebene Haus für Fakultäten, Hochschulverwaltung, Campus IT, Archiv der Hochschulbibliothek und die Technikzentrale für den gesamten neuen Campus sowie externe Nutzerinnen und Nutzer im Südosten des Areals errichten. Das neue Hörsaalzentrum aus der Feder von Staab Architekten soll unmittelbar östlich an das Gebäude der Fakultäten für Architektur und Bauingenieurwesen und Umwelttechnik anschließen.

Visualisierung des Entwurfs für das Hörsaalzentrum, für den die Staab Architekten GmbH einen von zwei zweiten Preisen erhielt. © Staab Architekten

Das Land stellt knapp 280 Millionen Euro für Grundstücke und Ersatzneubauten auf dem Campus Deutz zur Verfügung, doch Rüdiger Küchler, bis 2019 Vizepräsident für Wirtschafts- und Personalverwaltung der TH Köln, machte bereits vor Baubeginn in einem von der Hochschule veröffentlichten Interview deutlich: „Mit den bisher bereitgestellten Mitteln werden wir wohl nur die ersten beiden Bauabschnitte bezahlen können. Für den dritten müssen weitere Landesmittel bereitgestellt werden.” Mit einem Baubeginn rechnet der BLB NRW, so Frank Buch, „frühestens in 2023/2024. Dieser Termin ist jedoch noch nicht fix, da aufgrund der Komplexität des Projekts aktuell noch eine Vielzahl an Abstimmungsgesprächen stattfinden.“

Johannes Kister macht derweil deutlich, dass aus seiner Kritik an der Ausbootung seines Büros aus dem Verfahren kein gekränkter Entwerfer-Stolz spricht. An den Hochbauverfahren für die beiden ersten Ersatzneubauten hat schließlich auch ksg teilgenommen: „Ich sehe das sportlich: Bei den beiden bisherigen Hochbauwettbewerben hat sich die Jury für zwei andere Büros entschieden, deren Arbeit ich sehr schätze. Vielleicht beteiligen wir uns bei einem der noch kommenden Verfahren und können dann etwas gewinnen.“ Lachend fügt er an: „So ist das bei Wettbewerben: Mal kommt man selbst zum Zug, mal die anderen.“

Architekturausstellung oder homogener Campus

Der Architekt betont hinsichtlich der Hochbauten, dass „der Wettbewerb ein hohes Gut“ sei, „das wir nicht geringschätzen dürfen“, stellt aber mit Blick auf die Masterplanung klar, dass „niemand in seiner architektonischen Freiheit eingeschränkt wird, wenn es eine konkrete Begleitung gibt.“ Denn, so Kister weiter: „Die Gefahr, dass das nachher alles Einzelobjekte sind, die nebeneinander stehen, sehe ich auf der einen Seite, wenn es keine übergeordnete Begleitung gibt, auf der anderen Seite sind die bisher benannten Architekten keine Autisten, sondern Kollegen, die stets auf ihre Umgebung eingehen können und wollen.“

Die Verzahnung von Bestand und Neuplanung zeigt die Komplexität der anspruchsvollen Großbaustelle am Campus Deutz. Schwarz/Grauplan ©ksg architekten und stadtplaner

Er betont die Komplexität des Verfahrens, die auch Sybille Fuhrmann unterstreicht: „Es wird eine große Herausforderung für die Hochschule, diesen Umbau im laufenden Betrieb zu bewältigen.“ Wie dies organisiert werden soll, wird die Hochschule gemeinsam mit dem BLB im Detail nach den jeweiligen Erfordernissen in den einzelnen Bauphasen planen, so Fuhrmann, wobei ein störungsfreier Studienbetrieb Priorität habe. Von Seiten der TH freue man sich deshalb „sehr, dass der BLB NRW eigens einen Baustellenlogistiker in das Projekt eingebunden hat, der vorrangig dieses Ziel im Blick haben wird.“ Frank Buch bestätigt das für den BLB: Es ist „ein Generalplaner beauftragt, welcher die Themen der Infrastruktur in Bauphasen für den gesamten Campus plant. Dies betrifft sämtliche Themen der Freianlagen, Verkehrsanlagen, Technische Versorgung, Baulogistik und Ingenieurbauwerke.“

Vor allem in Hinblick auf die Dauer, die ein solch umfängliches Verfahren naturgemäß in Anspruch nimmt, ist genau dieser Generalplaner eine Schlüsselfigur, der immense Verantwortung trägt. Ob die Idee, einen homogenen Kern als neuen Campus der TH Köln zu entwickeln, sich in die Wirklichkeit übertragen lässt, entscheidet sich – neben qualifizierten Einzelverfahren für die jeweiligen Hochschulgebäude – auch hier. Dass dieser Kern schließlich mit einem adäquat wärmenden Mantel umhüllt wird, der Stadt und Campus, zumindest potentiell, zusammenführt und in der Bewertung nicht auf ähnliches Unverständnis wie entblößte Knöchel zur Winterzeit stößt, fällt indes in die Zuständigkeiten der Stadt.

David Kasparek

 

Dieser Text ist Teil einer Reihe zur städtebaulichen Entwicklung des ingenieurwissenschaftlichen Zentrums – kurz IWZ

Robuste Pilze
Zum Entwurf des neuen Hörsaalzentrums der TH Köln
31.01.2020

Schreibe einen Kommentar