Wo sind die Klima-Architekten?

Bericht zum BDA Montagsgespräch „Positionen zum Klimawandel“

Man möchte von einem Vortragsabend ja gerne ein Resümee mit nach Hause nehmen. Dass daraus nichts werden würde, war beim Stichwort „Klimawandel“ eigentlich schon zu erwarten. Auch dass das Stammpublikum der Montagsgespräche einen Bogen um das Thema machen würde, war nicht überraschend; der Altersdurchschnitt lag DEUTLICH niedriger als an sonstigen Montagen.

Dabei ging es um nichts weniger als um „Die Neuerfindung der Moderne“, so der Untertitel der Veranstaltung. „Die Baubranche ist der Hauptverursacher für den enormen Ressourcen- und Energieverbrauch in Deutschland,“ heißt es bei achitects4future. Und so gilt es, das Bauen neu zu erfinden, „eine neue Moderne, die allen nutzt, nicht nur den Menschen, sondern auch der Umwelt und den Tieren“, wie es eine Zuhörerin formulierte. So viel Relevanz und Dringlichkeit macht Angst, um so lobenswerter, dass der BDA sich dem Thema aussetzte und damit sein Publikum mit vielen Fragezeichen in die Nacht hinaus schickte…

Förstern in der Stadt

Verena Brehm von Cityförster brachte die Position ihres Verbundes knapp auf den Punkt: Stadt ist Wald. Beide Gebilde sind Ökosysteme, die in und vom Zusammenhang leben. Die Projekte der Stadtförster sollen einen Mehrwert für die Umgebung erzeugen. Für ein familiengeführtes Wohnungsbauunternehmens in Hannover haben sie ein Haus aus Gebrauchtmaterialien gebaut, zum Beispiel aus Jutesäcken für die Fassadendämmung, aus Abbruchziegeln und Saunabänken. „Geerntet“ haben sie diese größtenteils in den Abbruchhäusern des beauftragenden Unternehmens.

Abbruchmaterial im Recyclinghaus sorgt für eine eigene Ästhetik. © CITYFÖRSTER architecture + urbanism, Foto: Olaf Mahlstedt

„Wenn wir so bauen wollen, stellt sich der gesamte Planungsprozess auf den Kopf; Planung wird zum iterativen Prozess, der über Leistungsphasen nicht mehr abzubilden ist,“ sagt Verena Brehm. Und zum Thema Kosten ist das Fazit desillusionierend: „Mit Gebrauchtmaterialien baut man nicht kostengünstiger als mit konventionellen, sondern zurzeit ist noch genau das Gegenteil der Fall.“

Die Lektionen aus diesem Projekt sollen demnächst der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden. Das „Second Hand“ Haus entstand als Prototyp, an dem die Verwendung gebrauchter Materialien im Reallabor getestet werden konnte. „Trotz“ der Umständlichkeit bei Beschaffung, Lagerung und Einbau ist der Auftraggeber weiterhin daran interessiert, recycelte Materialien zu verwenden.

Architects4Future

Die Cityförster sind schon in der glücklichen Lage, ihre Konzepte für die klimaadaptive Stadt unter Realbedingungen testen zu können. Häufiger jedoch ist der Fall, dass junge Architekten frustriert sind, wenn sie versuchen, solche Ansprüche in ihrem Berufsalltag umzusetzen. Ein guter Anfang ist es, sich zu vernetzen. In ganz Deutschland bestehen Ortsgruppen zu Architects4future, jetzt auch in Köln, beim ersten Treffen waren immerhin 30 Leute da. „Wir haben auch keine Antworten, aber wir wollen in den Diskurs treten, weil uns nicht gefällt, wie gebaut wird,“ sagt Stefanie Blank, die zusammen mit Lillith Kreiß die Initiative vertrat.

Countdown 2030

Was tust du für den Klimaschutz? „Countdown 2030” denkt interdisziplinär und lässt sich von der Initiative Psychologie im Umweltschatz gerne zeigen, wie man mittels Visualisierungen die Menschen erreicht. https://ipu-ev.de/postkarte/

Überall läuft der Countdown, in der Schweiz wird dazu sogar der Sekundentakt angezeigt. Vor zehn Wochen haben sich in Basel etwa 15 Leute zusammengetan, sie treffen sich jeden Freitag und wollen „die Auswirkungen unseres beruflichen Handelns auf den Klimawandel einer großen Zahl von PlanerInnen und ArchitektInnen bewusst machen.“ Viele Systeme haben Kipp-Punkte, erläutert Leon Faust von der Initiative Countdown 2030; sind diese einmal überschritten, ist das System unwiederbringlich zerstört. In der aktuellen Dekade müssen Kohleverstromung, Verbrennungsmotoren und Zement als Baustoff abgeschafft werden. Wenn alles gut läuft, wird sich die Gruppe 2030 auflösen.

30+Berlin

Ananda Ehret hat gerade in Kopenhagen ihre Diplomarbeit abgeschlossen und stellte einen Teil daraus vor. Wie lässt sich mittels Ein- und Abstrahlung von Oberflächen, Verdunstung und Luftzügen der extremen Aufheizung der Städte begegnen? In ihrer Toolbox findet sich zum Beispiel ein schwarzer Berg aus Recycle-Betonplatten in einem Park. Park und Berg bilden eine thermisch aktive Einheit, die durch Wasserverdunstung und aufsteigende kühlere Luftmassen ein Tiefdruckgebiet imitiert. In den kühleren Jahreszeiten hingegen sind die schwarzen Platten ein angenehmer Aufenthaltsort, da sie die Sonnenwärme speichern.

Ananda Ehret widmet sich der Hitze in der Stadt: Wie müssen wir unsere Städte umbauen, damit sie besser abkühlen? © Ananda Ehret

Gretchen-Frage: Wie, Herr Architekt, hälst du es mit der Umwelt?

Eva-Maria Pape, die die Runde auf dem Podium ergänzte, ist Direktorin des Instituts für Energieeffiziente Architektur und wundert sich: „Das Thema gibt es für Architekten doch schon so lange, warum kommen so viele erst jetzt darauf?“ Als Gast der Veranstaltung wundert man sich auch, allerdings über etwas anderes: Eine Referentin berichtete, sie habe bei einem Büro in einer anderen Stadt angeheuert, weil sie in Köln keines fand, das auf alternative Materialien setzt. Positionen zum Klimawandel sind in dieser Stadt offenbar in erster Linie bei jungen Architekten und in der Wissenschaft zu finden. Die Moderne wird sich derweil wohl anderswo neu erfinden müssen.

Ira Scheibe

 

Weiterführende Links:

30+Berlin

CITYFÖRSTER architecture + urbanism

Countdown 2030

Architects4Future: Kölner Treffen immer am 1. Mittwoch im Monat in der Regel in der Rheingasse 14

 

 

 

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