Ein Haus für die Einwanderungsgesellschaft

Das Migrationsmuseum DOMiD zieht vom Netz in die Hallen Kalk

1990 gründeten vier aus der Türkei stammende Migranten den „DOMiT – Dokumentationszentrum und Museum über die Migration aus der Türkei e.V.“, um das historische Erbe der Einwanderungsgesellschaft, das weder in der historischen Wissenschaft noch in Museen oder Archiven besondere Aufmerksamkeit erhielt, zu bewahren. Sie legten – anfangs noch in einer Garage in Essen – ein Archiv an, das im Jahr 2000 nach Köln umzog und seitdem auf einer Etage im Bezirksamt Ehrenfeld eine bundesweit einzigartige Sammlung an sozial-, alltags- und kulturgeschichtlichen Zeugnissen zur Geschichte der Migration in Deutschland anlegen konnte. Gleichzeitig war aber auch die Errichtung eines zentralen Migrationsmuseums ein Ziel des DOMiT, hörbarar wurde ihre Stimme 2007 durch die Fusion mit dem Verein „Migrationsmuseum in Deutschland e.V.“, der sich ebenfalls für die Errichtung eines zentralen Migrationsmuseums einsetzte. Mit der Zeit wurde die Sammlung auf alle migrantischen und migrantisch geprägten Communities erweitert und das ehemals für die Türkei stehende „T“ im Vereinsnamen mit einem „D“ – Dokumentationszentrum und Museum über die Migration in Deutschland ersetzt.

Kassetten-Archiv des DOMiD im Bezirksamt Ehrenfeld mit Blick über das Heliosgelände © Foto DOMiD Archiv

Neue Heimat Kalk

Mit zahlreichen Ausstellungen, die an verschiedenen (Gast-)Standorten bundesweit gezeigt wurden, konnte das DOMiD seine Ideen in den vergangenen Jahren partiell realisieren, seit 2018 bietet das Virtuelle Migrationsmuseum einen eigenen Raum immerhin im Netz. Doch der Verein strebt ein zentrales (physisches) Haus an, in dem Migration demokratisch verhandelt werden kann und somit als konstituierender Bestandteil von Gesellschaft anerkannt zugänglich gemacht wird.

DOMiD Archiv Köln © Foto: Dietrich Hackenberg/ DOMiD-Archiv, Köln

Nach gemeinsamer Standortsuche von Stadtverwaltung und DOMiD stellte BeL Sozietät für Architektur im Juli 2019 in einem Werkstattgespräch in den Abenteuerhallen Kalk ihr ausgezeichnetes Ergebnis der Machbarkeitsstudie zur Nutzung des Areals „Hallen Kalk“ vor, in der das geplante Migrationsmuseum in der rund 1 Hektar großen Halle 70 ein Zuhause finden soll.

Hallen Kalk – Integrierter Plan: Ursprünglich plante die Stadt Köln bereits 2018 die Freigabe der ersten Grundstücke. Aber die Umnutzung der Hallen Kalk findet noch immer nur im Modell statt © Stadt Köln

DOMiD Geschäftsführer Robert Fuchs bezeichnete Kalk als „ein von Migration geprägtes Viertel, das die Vielfalt der Migrationsgesellschaft widerspiegelt.“ Und erläuterte weiter „Wir gehen mit unserem Museum dahin, wo auch die Zukunft dieser Gesellschaft erfahrbar werden wird. Die Halle 70 bietet historische Anknüpfungspunkte und ist technisch sowie architektonisch bedeutsam. Das gesamte Areal wird durch die Ansiedlung eines solchen wichtigen Projekts mit nationaler und internationaler Strahlkraft nochmal deutlich an Attraktivität gewinnen.“ Nach der Standortfindung fanden bereits Gespräche mit weiteren Akteuren statt, im November 2019 bewilligte der Haushaltsausschuss des deutschen Bundestages 22,13 Millionen Euro für das »Haus der Einwanderungsgesellschaft«.

Aktueller Zustand der Halle 70 © Foto: Winterhager

Offenes Forum

Konkrete gestalterische Entwürfe für das Haus in der Halle gibt es noch nicht. Doch die Vision von krafthaus – Das Atelier von facts and fiction, die zur Kommunikation des Projektes erstellt wurde, gibt den elementaren Ideen des Vereins, der sich hier auf seine 30jährige Erfahrung in der Ausstellungskuration stützen kann, bereits eine Form. Das Museum möchte mit seinem innovativen Konzept als ein Forum der offenen Diskussion über die Migrationsgesellschaft verstanden werden und bezieht sowohl historische Ereignisse als auch biografische Erzählungen sowie diskursive Formate als Inhalte des Museums mit ein, dazu bietet die als Agora gestaltete Treppenanlage ein offenes Forum. Um sich von dem Konzept des historisch/chronologischen Museums zu lösen wird der offene Raum in Themenräume (Identität, Wandel etc.) gegliedert. Größtes Ausstellungsstück der Vision ist ein Ford Transit, mit dem die frühen Migranten in den Sommerferien in ihre alte Heimat, nach Jugoslawien oder Anatolien gefahren sind.

Möglicherweise wird das Haus der Einwanderung der erste Nutzer der neuen Generation in den Hallen Kalk sein, gleichzeitig ist die Umsetzung jedoch eng mit vielen weiteren Entscheidungen in Politik und Verwaltung verknüpft, die erfahrungsgemäß oft länger auf sich warten lassen. Wir bleiben dran und werden von der Materialisierung des virtuellen Hauses der Einwanderung berichten.


Uta Winterhager

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