„Wohnungsbau ist Dombau“

Das Erzbistum stockt seine Bestände mit 632 Wohnungen auf

Erstaunt hält die Dame auf ihrem Weg in den Keller des Mehrfamilienhauses im Kölner Stadtteil Bilderstöckchen inne und blickt dem groß gewachsenen Mann hinterher, der gerade durch den Hauseingang getreten ist und sie so freundlich begrüßt hat. „Sie kenne ich doch“, sagt die Frau zu dem Mann. Sie überlegt noch einen Augenblick, dann ruft sie hinterher: „Guten Tag, Kardinal Woelki!“ Während sich die Hausbewohnerin noch fragt, was der Kölner Erzbischof in dem Haus am Schiefersburger Weg will, hat Woelki schnellen Schrittes eine der Dachgeschosswohnungen erreicht. Als er die Türschwelle überquert, schaut er sich um und hält inne. „Das ist ja wie bei mir damals daheim in Berlin. Den Fußboden kenne ich und auch die Ausstattung des Bads“, die er mit einem Blick durch die offene Badezimmertür wahrgenommen hat, kommt mir sehr bekannt vor“, sagt er lachend. Nur sei seine Wohnung in der Hauptstadt, in der er in seiner Zeit als Erzbischof von Berlin gewohnt hat, ein wenig größer gewesen.

Historische Zahl 632

Woelki ist nicht ohne Grund in die Wohnsiedlung am Schiefersburger Weg gekommen. An Ort und Stelle möchte er sich davon überzeugen, dass das vom ihm angestoßene Projekt „632 Wohnungen“ Fortschritte macht. So schnell wie möglich will die Kirche durch kirchennahe Wohnungsbaugesellschaften für jedes Jahr, an dem von der Grundsteinlegung des Kölner Doms 1248 bis zu seiner Vollendung 1880 gebaut wurde, in Summe 632 Jahre, eine neue Wohnung schaffen. Nachdem der Erzbischof in der Silvesterpredigt vor zwei Jahren den Mangel an bezahlbarem Wohnraum für durchschnittlich verdienende Menschen beklagt hat, bekam er die Frage gestellt, warum die Kirche keinen Wohnraum schaffe. Woelki solle sich ein Beispiel an einem seiner Vorgänger Frings nehmen, der nach dem Krieg auf Kirchenland in Köln zahlreiche Siedlungen hat bauen lassen. In einer dieser Siedlungen, der Bruder-Klaus-Siedlung im Kölner Stadtteil Mülheim, wuchs auch der Kölner Kardinal auf. Woelki reagierte und startete mithilfe unter anderem der Aachener Siedlungs- und Wohnungsbaugesellschaft (ASW) und ihrer Töchter, der Deutschen Wohnungsgesellschaft mbH‚und der Gesellschaft, Bilderstöckchen GmbH‚ sein Projekt. Doch wo sollen die Wohnungen entstehen? Flächen für Neubauten sind knapp und teuer. Für Benjamin Marx, Prokurist und Leiter der Wohnungswirtschaft bei der ASW, zudem ein Mann unkonventioneller Ideen, lag die Lösung schnell auf dem Tisch: ‚Wir fühlten uns vom Wunsch des Erzbischofs angesprochen. Doch wie sollte dieser realisiert werden? Und dann hatten wir die Lösung: Wir haben sogar sehr viele Grundstücke, nur befinden die sich alle „oben“ und über die ganze Stadt verteilt. Dort, wo ungenutzte Dachflächen sind, könnten doch mit ein wenig Fantasie neue Wohnungen entstehen. Marx kann auf Erfahrungen aus Berlin bauen. Auch dort hat er für die ASW durch sogenannte Nachverdichtungen neue Wohnungen in bestehenden Wohnhäusern der kirchennahen Wohnungsbaugesellschaft geschaffen.

Rheinische Glückszahl

Elf Standorte, verteilt über die ganze Stadt, wurden als geeignet identifiziert. In konstruktiven Verhandlungen mit der Stadt Köln wurde erreicht, dass für das gesamte Genehmigungsverfahren nur eine einzige Stelle zuständig ist. Dadurch konnte der bürokratische Aufwand reduziert werden. Marx freut sich, dass inzwischen für alle 632 Wohnungen positive Bauvorbescheide vorliegen. Für 75 Wohnungen seien detaillierte Bauanträge gestellt worden, und in den acht neuen Wohnungen im Schiefersburger Weg sind die Mietverträge bereits unterzeichnet. Die Häuser auf dieser Straße gehören der Gesellschaft Bilderstöckchen GmbH, einer Wohnungsbaugesellschaft, die 1932 unter anderem von den Kölner Katholiken und Widerstandskämpfern in der Zeit des Nationalsozialismus Nikolaus Groß und Prälat Otto Müller, Vertretern der Caritas und des Kolpingwerkes gegründet worden war. Die acht neuen Wohnungen im Dachgeschoss haben drei Zimmer, eine Wohnküche, sind zwischen 61 und 65 Quadratmeter groß und kosten warm rund 860 Euro im Monat. „Sogar den Dom kann man sehen“, freut sich Woelki, als er aus der Wohnung auf den großzügigen Balkon tritt. „Wohnungsbau ist Dombau“, sagt der Kardinal ernst. Die Kirche habe im Rahmen ihrer Möglichkeiten mit dafür Sorge zu tragen, dass Menschen mit einem durchschnittlichen Einkommen in der Stadt eine Wohnung mieten können. „Dies ist ein Menschen- und ein Grundrecht“, sagt Woelki, „dieses Recht auch für junge Familien zu gewährleisten, ist eine pastorale Aufgabe für die Kirche. Schließlich stellen Gottesdienst und Menschendienst eine Einheit dar, Kult und Diakonie.“

Robert Boecker

Dieser Beitrag erschien in der Adventszeitung des Erzbistums Köln. Wir bedanken uns für die Erlaubnis der Zweitveröffentlichung.

 

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