Zeit für einen Tapetenwechsel? 38 Prozent der befragten Kölner planen, innerhalb der nächsten zwei Jahre umzuziehen. Quelle: Stadt Köln – Amt für Stadtentwicklung und Statistik; „Leben in Köln“-Umfrage 2016 Foto: Matthias Keller

Drama Köln lädt zur Wohnungsbesichtigung.

Da ist ein Haus zu vermieten! Ganz bei mir in der Nähe. Wie hoch die Miete sein soll, weiß ich nicht. Und die genaue Adresse bekomme ich erst kurz vor dem Besichtigungstermin. Aber hey, ein Haus! Mit Garten!

Zum Besichtigungstermin sammeln sich vor der Garage des Hauses bestimmt 40 Personen – und werden mit Kopfhörern ausgestattet. Die “Wohnungsbesichtigung” von Philine Velhagen ist eine Live-Hörspielinstallation, die zunächst ein Paar in das Haus begleitet, das einen möglichst guten Eindruck hinterlassen möchte. Schon bald erklärt eine Maklerin – oder ist es doch die Eigentümerin? – Haus und Umgebung, erlaubt, Fotos bei der Besichtigung zu machen, setzt aber voraus, dass man ein Drittel seines Einkommens für die Miete aufbringt. Die Miethöhe allerdings wird immer noch nicht benannt.

Tückische Selbstauskunft

Beim Ausfüllen der Selbstauskunft am Esstisch. Foto: Matthias Keller
Beim Ausfüllen der Selbstauskunft am Esstisch. Foto: Matthias Keller

Auch nicht, als die Interessenten aufgefordert werden, die Selbstauskunft auszufüllen. Die löst erstmals dieses unangenehm indiskrete Gefühl der Grenzüberschreitung aus, das sich so oft bei der Wohnungssuche einstellt. Neben persönlichen Daten, der finanziellen Situation und Social-Media-Accounts wird auch abgefragt, ob man sich regelmäßig die Zähne putzt, oder wie groß der Esstisch ist. Welche Antwort mag hier die gewünschte sein? Aber wie sagt die namenlose Maklerin: “Lügen Sie nicht – es hat eh keinen Sinn!”

Ausgefüllte Selbstauskünfte auf dem Tisch. Foto: Matthias Keller
Ausgefüllte Selbstauskünfte auf dem Tisch. Foto: Matthias Keller

Immer interaktiver wird das Stück, über Abstimmungen im Raum zur eigenen Wohnsituation bis zum gemeinsamen Einrichten des Wohnzimmers. Gleichzeitig differenziert es sich immer weiter aus, die Interessenten werden in verschiedenen Gruppen über die Audio-Anweisungen perfekt aufeinander abgestimmt zu Darstellern für die jeweils anderen Gruppen. Die Situation wechselt, wir sind nicht mehr bei der Wohnungsbesichtigung, sondern bei der Einweihungsparty mit extrem neidischem Freundeskreis. Und es wird mysteriös: Sind es die ehemaligen Bewohner, die hier noch herumspuken?

Fakten und Emotionen

Manches bleibt rätselhaft bei der "Wohnungsbesichtigung" von Philine Velhagen: Menschen auf dem Boden. Foto: Matthias Keller
Manches bleibt rätselhaft bei der “Wohnungsbesichtigung” von Philine Velhagen: Menschen auf dem Boden. Foto: Matthias Keller

Die phantasievolle Audio-Installation stellt immer wieder Querbezüge her zur Situation auf dem Wohnungsmarkt. Beiläufig kommen Mietpreisbremse, Profitgier oder unpassende Wohnungsgrößen zur Sprache. Wie Irrlichter tauchen sie auf und verschwinden ganz schnell wieder in der Geschichte, die den Besucher rätseln und mitfühlen lässt. Wer ist hier wer? Was hat das mit mir und meiner Situation zu tun? Die Kombination aus Hören, im Raum dirigiert werden und Appellen an die eigene Erinnerung bringt neue Einsichten und wird doch nie ganz klar. Aber genau das bereitet ein fast kindliches Vergnügen – auch als es zum Finale vom reinen Audio ins reale Schauspiel wechselt.

Wer ist Zuschauer, wer Darsteller? Blick von außen durch das Wohnzimmerfenster. Foto: Matthias Keller
Wer ist Zuschauer, wer Darsteller? Blick von außen durch das Wohnzimmerfenster. Foto: Matthias Keller

Das Haus ist übrigens sehr schön großzügig und gut gelegen, nur arg renovierungsbedürftig. Aber darum geht es bei dieser “Wohnungsbesichtigung” schon lange nicht mehr.

Vera Lisakowski

Nächste Vorstellungen: 27./28./29./30. November 2019, 19.30 Uhr
Baadenberger Straße, Neuehrenfeld
Reservierung unter: 0163-4418323

Informationen auf der Seite von Drama Köln

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