Das ist keine holländische Landschaftsmalerei 2.0, sondern der prämierte Vorschlag von Karres en Brands im Realisierungswettbewerb für den neuen Hamburger Stadtteil Oberbillwerder. © Adept / Karres en Brands

Diskussion zum Potential der Verkehrswende für Kölns öffentlichen Räume

Mobilität ist das Thema der diesjährigen BDA Landesreihe „Stadt in Bewegung – ökologisch mobil lebenswert.“ Wohin soll sie sich bewegen, die Stadt, und wie – darüber diskutierten Bart Brands von Karres en Brands aus Hilversum, Andrea Blome als Kölner Verkehrsdezernentin und Martin Herrndorf, Mitinitiator des Tags des Guten Lebens auf Einladung des BDA Köln. Über die Richtung herrschte Einigkeit, doch sich auf ehrgeizige Ziele festzulegen, ist mit der Kölner Politik nicht zu machen.

Der Titel des Abends klingt zwar etwas kopfdeutsch, aber der BDA ging es strategisch genau richtig an. Die Frage ist: Wie großzügig und großartig könnte unsere Stadt sein, wenn auf ihren Straßen vorrangig Menschen leben würden statt Autos? Wie würde das aussehen, wo wollen wir hin?

“If you plan for cars and traffic you get cars and traffic; if you plan for people and places you get people and places.” Planungsweisheit aus den 1980ern © Adept / Karres en Brands

 

Mobilität als Ökosystem

Der BDA Köln hatte Bart Brands zum Impulsvortrag eingeladen, und er malte in hinreißenden Bildern aus, was man anstellen könnte mit diesem Potenzial. Zu Beginn seines Vortrags outete er sich aber erst einmal als moderaten Veränderer: „Ich bin nicht gegen Autos, aber wir müssen anders damit umgehen.“ Sein Büro baut „Autobahnen und Friedhöfe und überhaupt fast alles außer Häusern.“ Auch an denen wird klar, wie autoabhängig wir leben, denn oft sind ihre Grundrisse nicht von unseren Wünschen vorgegeben, sondern von der Tiefgarage. Brands plädiert dafür, die Architektur zu befreien von der Diktatur des Parkrasters!

Mobilität ist für ihn nicht einfach nur Verkehrsplanung, sondern ein integratives Ökosystem, in dem Wohnen, Arbeit, Sport und Erholung in Verbindung gesehen werden mit Versorgungswegen, der Wasserwirtschaft und sonstigen Parametern, die der Planer verstehen muss. Dessen Rolle besteht darin, Raum zu reservieren für neue Verkehrslösungen, die wir noch gar nicht kennen.

Bilder im Kopf, damit man weiß, wo man hinwill: Karres en Brands für Oberbillwerder © Adept / Karres en Brands

 

Neuer Stadtteil, Stellplatzschlüssel: Null

Karres en Brands entwarfen im Südosten Hamburgs, auf der grünen Wiese, den neuen Stadtteil Oberbillwerder: 124 ha, 7000 Wohnungen, 5.000 Arbeitsplätze, ein Bildungs- und Begegnungszentrum, zwei Grundschulen, bis zu 14 Kitas – und kein Parkplatz! Dafür elf Mobility Hubs mit Parkgaragen und Quartierszentren, wo man seine Pakete abholen, Smoothie trinken und Nachbarn treffen kann und jede Menge Grün- und Freiflächen mit Spielplätzen, Freizeitpark und  Schwimmbad – nein, kein Märchen! Wie sich das finanzieren lässt? „Man bekommt auch finanziell viel Freiheit, grüne Straßen anzulegen, wenn man keinen Platz zum Parken braucht.“

 

Wenn die Zeit gekommen ist, lassen sich die Parkhäuser zu besseren Zwecken umbauen. © Adept / Karres en Brands

 

Kölner Mobilitätspolitik: Hinhaltetaktik ohne Strategie

Natürlich ist auch Köln auf dem Weg zur fahrradfreundlichen Stadt, leider bisher als Schlusslicht. Verkehrsdezernentin Andrea Blome kann ins Feld führen, dass etwa für Mülheim Süd der Stellplatzschlüssel um 50% gesenkt wird und 1,9 Mio Euro Fördergelder für Lastenräder geflossen sind. Beim Modal Split, der Verteilung des Transportaufkommens auf verschiedene Verkehrsmittel, hat Köln sein Ziel sogar erreicht: Wurden 1982 noch 48% aller Wege mit dem PKW gemacht, so waren es 2017 „nur noch“ 35%. Das aber bringt gar nichts, da in der wachsenden Stadt absolut gesehen der motorisierte Verkehr weiter zunimmt. Will man die Pariser Klimaziele erreichen, müsste der Anteil des motorisierten Individualverkehrs auf 10 % sinken. Von allein wird er das nicht tun.

 

Städte in Bewegung: Manche machen große Schritte. London Exhibition Road (mit Imperial College) vor …. © Wikimedia Commons, Txllxt TxllxT

… und nach dem Straßenumbau © Wikimedia Commons, Romazur

 

 

Martin Herrndorf von Agora Köln weiß aus eigener Erfahrung „wie wahnsinnig anstrengend es ist, Autos von der Straße zu kriegen.“ Er erinnert an das sogenannte Integrationsparadox: Die zweite Generation in Migrantenfamilien ist meist unzufriedener als ihre Eltern, weil ihnen das ganze Ausmaß ihrer Benachteiligung bewusst ist. So ginge es einem, wenn man von diversen Städtereisen nach Köln zurückkehrt: „Auf einmal merkt man, wie man hier hingehalten wird.“

Die Pendler – Fluch und Segen

Andrea Blome kann ihm darin zustimmen, wie anstrengend es ist, z.B. parkenden Verkehr zu reduzieren. „Das ist das Ziel, das wir alle verfolgen, den Menschen Platz wiederzugeben.“ Warum dann diese Trippelschrittchen, wer steht hier auf der Bremse? „Die Kölnerinnen und Kölner haben das verstanden, aber die Pendler bringen den Verkehr hinein,“ sagt Andrea Blome. Da ist etwas dran: Über eine Million Bewegungen über die Stadtgrenze gibt es – täglich! Doch ist es nicht Aufgabe der Politik, Visionen und Konzepte zu entwickeln, anstatt es resigniert als Tatsache zu nehmen, dass die KVB mehr als ihren jetzigen Anteil am Modal Split nicht gestemmt kriegt?

Wir brauchen eine Vision, ein ehrgeiziges Ziel

„Eine Vision ohne Strategie taugt auch nichts, denn dann stehen Sie vor leeren Regalen im Supermarkt,“ sagt Andrea Blome. Also greifen wir erst einmal zum Poller, so wie in der Zülpicher Strasse. Martin Herrndorf hat da noch weitere Vorschläge und auch gleich eine Einladung von Andrea Blome: „Dann kommse mal und zeigen die Pöllerstandorte.“

Nichts gegen kleine Schritte hat auch Bart Brands, im Gegenteil: „Ich bin sehr ängstlich vor großen Innovationen. Das Ziel muss sehr ambitioniert sein, und dann wird jeder kleine Schritt darauf ausgerichtet. ‚Langsam, dann geht es schneller,‘ sagen wir in Holland.“

Städte in Bewegung – Köln als Schlusslicht

Die Stadt wächst, die Pole schmelzen, und jeden Monat wird die „Critical Mass“ größer, die ihrer Wut über die blinde und zähe Autonarrheit der Kölner Verwaltung mit der Fahrradklingel Luft macht. An der Langsamkeit fehlt es gewiss nicht in Köln, aber wo wollen wir hin? Schaffen wir uns ein belastbares, auf die Zukunft gerichtetes Mobilitätskonzept oder hängen wir uns nach dem Vorbild von Shanghai, das Andreas Fritzen zu Beginn der Veranstaltung zeigte, einfach Blumenkästen an die Nordsüdfahrt?

Ira Scheibe

 

 

Diesen Text verfasste Ira Scheibe für den BDA NRW, er darf hier mit freundlicher Empfehlung erneut veröffentlicht werden.

Das BDA Montagsgespräch ist Teil der Landesreihe Stadt in Bewegung – mobil ökologisch lebenswert. Alle Nachberichte zur Landesreihe finden Sie auf der Seite des BDA NRW

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