Sehe alle Märkte bald aus wie Museen? © Foto: HGEsch, Hennef

Denn billig allein reicht heute auch beim Discounter nicht mehr. So zu sehen in Buchforst

Dass die Deutschen ihre Lebensmittel gerne günstig kaufen, ist bekannt. Aber 2018 stiegen die Umsätze der Supermärkte doppelt so viel, wie die der Discounter. Die erkannten daran schnell, dass niedrige Preise allein nicht mehr ausreichen, um Kunden zu locken und zu binden. Ein Aspekt, der auch den günstigen oder/und täglichen Einkauf zum Einkaufserlebnis machen könnte, ist die Gestaltung der Filiale. Lidl-Märkte gibt es in 30 Ländern der Welt mit klassischem Satteldach oder seit 2015 auch mit Flachdach und vollverglaster Front. Im Sommer 2019 eröffnete die ungefähr 40. Kölner Filiale in Buchforst im Stadtbezirk Mülheim. Geplant von dem Kölner Büro caspar. stammt diese Filiale nicht aus den Baukästen und gibt sich mit ihrer filigran gestalteten Hülle aus dunkelrotem Ziegel auf den ersten Blick auch nicht als das zu erkennen, was sie ist. Für den Discounter ist der Verzicht auf die gebaute Corporate Identity vielleicht ein wenig schmerzhaft, doch der Weg über besseres Aussehen zu einem besseren Image ist in diesem Fall sicherlich ein kurzer.  

Der Eingang in den Markt liegt nicht am Parkplatz, sondern an dem kleinen Vorplatz © Foto: HGEsch, Hennef

Großzügig

Die Nachbarschaft in Buchforst ist geprägt von einfachem vier- bis sechsgeschossigem Geschosswohnungsbau in Reihen und Zeilen, gestalterisch und konzeptionell herausragend sind der Blaue Hof und die Weiße Stadt, mit denen Riphan und Grod Ende der 1920er Jahre neue Maßstäbe im Siedlungsbau setzen. Auch die direkt an das Lidl-Grundstück (Ecke Karlsruher Straße / Kalk-Mülheimer Straße) angrenzende backsteinerne Reihe Wohnhäuser steht unter Denkmalschutz und diente mit ihrer Materialität als Referenz.

 

Der Nachbar wird zur Referenz © Foto: HGEsch, Hennef

2015 gewann das Büro meyerschmitzmorkramer einen Einladungswettbewerb zum Neubau der Lidl-Filiale in Buchforst. In der Auslobung war der Wunsch der Stadt Köln formuliert, „eine architektonische Lösung zur qualitätsvollen Gestaltung des neuen Lidl‐Standortes“ zu finden. Was beim Planen und Bauen gesetzt sein sollte, musste in diesem Fall also ausdrücklich gewünscht werden. „Einen schönen Lidl zu bauen, kann eine größere Herausforderung sein, als ein gutes Museum“, stellte Caspar Schmitz-Morkramer fest, dessen Büro caspar. das Projekt nach dem Gewinn des Wettbewerbs ausgeführt hat. Mit diesem Vergleich spielte er auf die unterschiedlichen wirtschaftlichen wie zeitlichen Rahmenbedingungen zwischen Funktions- und Kulturbau an. In diesem Fall ging es aber nicht nur darum schnell und günstig zu sein, sondern den Typus „Discounter“ in einer Weise neu zu denken, dass er (über die Versorgung mit günstigen Lebensmitteln hinaus) auch etwas für seine Nachbarschaft tut.

Öffentlicher Raum: der Parkplatz kann von den Anwohnern auch nachts genutzt werden. © Foto: HGEsch, Hennef

Früher nutzte ein Gebrauchtwagenhändler das Eckgrundstück, hinter dem sich ein begrünter Hügel, ein Ausläufer des Kalkbergs, erhebt. Der caspar.-Lidl nimmt mit doppelter Geschosshöhe und flachem Dach die Flucht der traufständigen Wohnhäuser an der Kalk-Mülheimer Straße auf. Der schmale Kopf entwickelt sich mit einem zurückversetzten Anbau in die Tiefe. Der Parkplatz und die Anlieferung werden davon abgewandt über die Karlsruher Straße angefahren.

Lidl Köln Buchforst Lageplan © caspar.

Der Eingang in den Markt liegt an der freien Gebäudeecke, ein mit Bänken und Laternen gestalteten Vorplatz wird zum Vermittler zwischen Privatem und Öffentlichem, denn Sitzen und Bleiben darf hier jeder. Caspar Schmitz-Morkramer spricht von Stadtreparatur – vorbildlich ist es in jedem Fall, wenn ein Konzern auch Verantwortung für den öffentlichen Raum übernimmt, auch wenn es sich nur um ein kleines Stückchen Stadt an einer vielbefahrenen Kreuzung handelt.

Lidl Köln-Buchforst, Schnitte © caspar.

Aufgeräumt

Ob der Wunsch nach einer qualitätvollen Gestaltung erfüllt wurde, lässt sich aber nicht nur an der Kubatur, sondern insbesondere an den Fassaden überprüfen. Caspar. entwarf eine zweischalige Hülle aus Backstein die Kultur signalisiert, nicht Konsum. Die äußere Ebene ist übereck ganz geöffnet, gibt den Blick auf die vollverglaste Eingangsecke frei. Seitlich davon wird sie in schlanke Stützen aufgelöst, der Zwischenraum wird zur Arkade, die auch die Einkaufswagenschlagen und Fahrräder schluckt und damit zu einem aufgeräumten Gesamteindruck beiträgt. Erkennt man die Discounter gewöhnlich schon von Ferne, braucht es hier einen zweiten Blick, denn auch das markante Logo mit dem gelben Kreis im blauen Quadrat wurde nicht in der äußeren Ebene, sondern nach innen versetzt auf die Glasflächen montiert. Immer noch gut sichtbar, aber nicht marktschreierisch. Der von Lidl eingerichtete Verkaufsraum profitiert von der Gebäudehöhe, die Decke ist unverkleidet, so dass die weit spannenden Holzleimbinder sichtbar bleiben, die Beleuchtung wird abgependelt.

Kultur oder Konsum – verschwimmen hier die Grenzen? © Foto: HGEsch, Hennef

Markiert die Filiale in Buchforst nun die Wende in der Discounter-Architektur? Sehen alle Märkte bald aus wie Museen? Auch wenn Baukosten nicht veröffentlicht wurden, es ist offensichtlich, dass, wer mehr (Geld, Zeit, Gedanken) investiert, auch mehr Wert bekommt. Und die Städte tun gut daran, von derart präsenten Unternehmen wie Lidl, deren Mutterkonzern, die Schwarz-Gruppe, der größte Handelskonzern Europas ist, eben dieses Mehr zu fordern.

Uta Winterhager

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