Kaspar Kraemer in seinem Büro am Römerturm im Juli 2019 Foto ©Uta Winterhager

Im Gespräch mit Kaspar Kraemer zu seinem 70. Geburtstag

Fast hätte dieses Gespräch schon in der Schlange beim Bäcker in der Apostelnstraße begonnen, doch auch die lange Schlange wäre nicht lang genug gewesen, als dass uns Kaspar Kraemer, der am 20. August 2019 seinen 70. Geburtstag feiert, all unsere Fragen zu seinem Werden und Sein dort hätte beantworten können. Also sitzen wir wenige Minuten später im Besprechungsraum des Büros Am Römerturm. Dort zieht er ein kleines schwarzes Büchlein aus der Jackett-Tasche, gerade an der Ampel hat er beim Warten auf Grün auf seinen Knien noch eine kleine Skizze gemacht. Wie so oft. 60 dieser datierten und nummerierten Büchlein füllt er jedes Jahr mit diesen Skizzen, die er mit Aquarellfarben noch koloriert. Immer 30 davon passen in einen blauen Karton, von denen es inzwischen über 20 gibt. Die Frage, ob er sie noch einmal anschaut, verneint er, es gebe ja keinen Anlass, aber sie seien alle gescannt und irgendwann werde er damit noch etwas machen. Bis dahin zeichne er aber weiter, denn ohne das Büchlein in der Tasche fehlt ihm etwas.

 

Sind Sie denn über das Zeichnen zur Architektur gekommen?

Kaspar Kraemer: Ich bin in einem von einem Architekten geprägten Haus aufgewachsen. Wir haben immer sehr schön, in großzügigen Häusern wohnen dürfen, denn mein Vater hatte einen unglaublichen Sinn fürs Wohnen und sehr früh angefangen Moderne Kunst zu sammeln. Für mich als Kind hat das aber keine Rolle gespielt, es war einfach normal. Während meiner Schulzeit war ich auch nie im Büro. Das, ebenso wie die Hochschule, bei uns zu Hause nicht stattfand. Mein Vater kam zum Abendbrot, es wurde erzählt, aber nie wurden architektonische Fragen diskutiert. Insofern ist vieles an mir vorbeigegangen und ich habe keinen inneren und intellektuellen Bezug zur Architektur entwickelt. Lange wusste ich nicht, was ich werden wollte. Als man mich dann für die Abiturzeitschrift fragte, was ich werden möchte, habe ich „Architekt“ gesagt, weil mir nichts Besseres einfiel. Nach der Bundeswehrzeit musste ich mich dann wirklich für ein Studium entscheiden und habe in Darmstadt die Aufnahmeprüfung für Architektur gemacht und bestanden. Das war der Beginn. Auch mein Vater hat nie versucht auf mich einzuwirken, eher im Gegenteil.

Täglich zeichnet und skizziert Kaspar Kraemer Architektur- und Landschaftsmotive. Rund 60 Skizzenbücher füllt er jährlich damit. Fotos ©Uta Winterhager

 

Hatten Sie dann sowas wie einen Erweckungsmoment, ein Schlüsselerlebnis, während des Studiums?

KK: Was mich unglaublich beeindruckt hat, war der Raum der Hagia Sophia, obwohl ich da noch gar nicht wusste, was Raum ist, war ich völlig überwältigt. Fasziniert haben mich auch die Aquarelle von Döllgast und danach die Entwürfe von James Stirling. Ich habe relativ spät erst zum Entwurf gefunden, im sechsten und siebten Semester habe ich Theater gespielt, dann ein Urlaubssemester in Zürich gemacht. Erst danach kam der Durchbruch bei einem Entwurf bei Max Bächer, wo ich zum ersten Mal gemerkt habe, dass mir das Entwerfen von Grundrissen liegt, dass es spannend ist, aus einem Raumprogramm und einer Situation eine Gestalt, Haus, ein Gebäude werden zu lassen. Das kam zwar spät, hat sich dann aber verstetigt und ich habe eine sehr schöne Diplomarbeit gemacht. Mit dem summa cum laude bekam ich ein Stipendium und konnte nach Amerika gehen, wo ich ein großartiges Jahr an der Yale University erlebte. Ich wurde übrigens hauptsächlich wegen meiner Aquarelle angenommen.

War oder ist Ihr Vater Friedrich Wilhelm Kraemer ein Vorbild für Sie?

KK: Ich war nie darauf disponiert, unbedingt Architekt zu werden. Ich habe auch nie das Gefühl gehabt, außer meinem Vater einen richtigen Lehrer zu haben, nie habe ich in einem anderen Büro gearbeitet, sondern bin direkt nach der Rückkehr aus Amerika, am 1. Oktober 1977, hier in das Büro KSP Kraemer, Sieverts und Partner eingetreten und habe drei Jahre mit meinem Vater gearbeitet, was mühsam, aber auch sehr hilfreich war. Interessant war, dass mein Vater, während ich studierte, mich nicht ein einziges Mal gefragt hat, was ich eigentlich mache oder einen Entwurf von mir sehen wollte. Ich glaube, er hatte ein bisschen Angst, dass ich eine Null bin. Auch die Partner meines Vaters, die altersmäßig zwischen ihm und mir standen, habe ich nicht als Lehrer empfunden. Das klingt sicher ungerecht, wahrscheinlich haben sie mir viele Dinge beigebracht, ohne dass ich es gemerkt habe, aber ich hatte das Gefühl, dass ich mir alles selbst erarbeitet habe. Genauso wie ich mir die Literatur und das Zeichnen und Malen selbst angeeignet habe. Dass ich nie einen Zeichenlehrer hatte, bedaure ich sehr. Mein Traum ist es, in Südfrankreich noch Französisch und Malen zu lernen – das muss ich noch machen.

Gab es eine Phase, in der Sie sich von Ihrem Vater emanzipieren wollten und Dinge ganz anders machen mussten?

KK: Ich habe mich komischerweise nie von meinem Vater abnabeln müssen. Es ist eine etwas kompliziertere Geschichte, denn mein Vater war nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges schwer verletzt, noch im Lazarett hat er seine Doktorarbeit geschrieben. Weil er nicht in der Partei und deshalb unbelastet war, konnte er gleich durchstarten und wollte alles, was er durch die Kriegszeit verpasst hatte, nachholen. Im Mai 1945 wurde er Stadtbaurat in Braunschweig und am 1. Januar 1946 der erste berufene Professor in Deutschland. Sein Lebensinhalt waren sein Büro und die Hochschule, wir Kinder sind da eigentlich zu kurz gekommen, weshalb es unter uns vier Geschwistern immer Konkurrenz gab. Was uns aber alle immer verbunden hat, war die Sehnsucht nach der Liebe der Eltern, weil wir immer das Gefühl hatten, zu wenig davon zu bekommen.

Von 1985 bis 1998 waren Sie das „K“ in KSP Kraemer, Sieverts & Partner. Was gab den Anstoß, mit fast 50 den Schritt aus dem vom Vater gegründeten Büro heraus zu machen und alleine noch einmal neu anzufangen und ein eigenes Büro zu gründen?

KK: Es war ein nicht ganz freiwilliger Schritt, dazu bin ich mehr oder weniger gezwungen worden, als ich festgestellt habe, dass meine damaligen Partner und ich unterschiedliche Auffassungen von der Ausrichtung des Büros hatten. Ja, und dann stand ich plötzlich ohne Büro auf der Straße, hatte ein halbjähriges Konkurrenzverbot, und auch kein richtiges Konzept für die Zukunft. Ich hatte nie darüber nachgedacht, aus dem von meinem Vater gegründeten Büro auszuscheiden, insofern war ich unvorbereitet.

Interessanterweise ist das heute so weit weg, dass ich frei darüber sprechen kann und diesen Neuanfang als ganz entscheidenden Wendepunkt in meinem Leben akzeptiert habe. Meine Weiterentwicklung als Architekt oder auch mein ganzes ehrenamtliches Engagement sind dadurch überhaupt erst möglich geworden.

Aufgefangen hat mich damals Alexej Pirlet. Nach der Trennung hat er mir ein Zimmer in seinem Büro eingerichtet, so hatte ich eine Adresse, ein Telefon und ein Sekretariat. Als das Konkurrenzverbot vorbei war, brachte er zur Bürogründung noch einen Auftrag mit: „Bau mir doch bitte mal mein Haus“. Unglaublich!

Das ist dieses Ziegelhaus in der Goethestraße neben der Galerie von Diener und Diener. Eines Tages hat Gottfried Böhm angerufen und gesagt, da hätte ich aber ein sehr schönes Haus gebaut (lacht), ein Ritterschlag.

 

Wohnhaus Pirlet Köln-Marienburg 2002 Foto ©Stefan Schilling

 

Hat sich Ihr Portfolio nach der Trennung geändert?

KK: Erst einmal habe ich Villen gebaut, große Einfamilienhäuser, wie das von Alexej Pirlet. Oder, die ursprünglich von Paul Pott entworfen, heute denkmalgeschützte Villa in der Leybold Straße, die ich saniert und mit einem neuen unterirdischen Schwimmbad versehen habe. Und dann kam Thomas Klus vom Schuhhaus Kämpgen mit dem Bild eines Hamburger Hauses aus den 20er Jahren und fragte, ob ich ihm dieses Haus so oder ähnlich bauen könnte. Ich sagte, das ist ein schönes Haus, ich kann es versuchen. Da war er ganz erstaunt, weil diese Aufgabe drei Architekten zuvor abgelehnt hätten, weil es nicht modern genug sei. Jetzt steht es da und sieht so aus, als hätte es schon immer dort gestanden. Ich empfinde das als Qualität und habe keine Berührungsängste, Häuser in einem Stil zu bauen, der in die Umgebung passt, für andere ist es Anbiederei.

Sie haben ja auch eine eindeutige Haltung zum Thema Rekonstruktion.

KK: Ich habe an den Wettbewerbsverfahren für das Braunschweiger und das Berliner Schlosses im Preisgericht teilgenommen, habe mich in der Rekonstruktionsdebatte aktiv engagiert und die Projekte immer unterstützt. Deshalb sollte ich sogar als BDA Präsident zurücktreten, weil die Mehrheit der Kollegen gegen den Wiederaufbau des Berliner Schlosses war und meinte, der BDA Präsident dürfe eine solche Haltung nicht vertreten. Ich meine, dass man hier die Funktion für den Verband und das eigene architektonische Tun trennen muss. Ich habe mich damals intensiv mit sämtlichen Publikationen und Kommissionen auseinandergesetzt, wir haben zwei Jahre diskutiert, ob und wie das Schloss wiederaufgebaut wird. Und durch diesen Prozess habe ich für mich die Haltung entwickelt, den Wiederaufbau richtig zu finden.

 

Pfarrzentrum St. Rochus, Köln-Bickendorf 2015, Foto ©Stefan Schilling

 

Gibt es ein Gebäude, das Sie als Ihr „gebautes Manifest“ ansehen würden?

KK: Es war ein langer Weg, mich und meine Auffassung zur Architektur aus dem ganzen Durcheinander rauszuschälen. Wir sind ja in einer Zeit großgeworden, in der es an den Hochschulen keine konstante Haltung gab, es ging auch nicht um Harmonie, Proportionen, Ordnung oder Klarheit. Für meine eigene Architektur setzen aber die Lesbarkeit und Klarheit der Baukörper, die Harmonie der Proportionen ganz eindeutige Maßstäbe, dazu kommt die Wertigkeit des Materials. Großartig ist es, wenn man die Chance hat, Raum zu definieren, auch Außenraum zu bilden. Wenn die eigene Architektur Teil der Stadt wird und die Fassade des Hauses die Innenansicht des öffentlichen Raumes bildet. Das leistet z. B. bescheiden, aber selbstverständlich das Gemeindezentrum für St. Rochus in Köln-Bickendorf.

Und wenn man nach einem Gebäude schaut, das über diese Grunddisposition hinaus eine weitstrahlende Zeichenhaftigkeit besitzt, dann ist es das Hochwasserpumpwerk Schönhauser Straße. Das ist zwar eigentlich kein Bauwerk, weil es eine technische Struktur abbildet, aber es schwebt wie ein Diadem über der Steinmauer. Die jeweilige Artikulation der Bauteile und Baukörper ist sehr wichtig für mich. Fugen, von der Schattenfuge bis zur Gebäudefuge, erleichtern die Lesbarkeit eines Bauwerks. Es sind ganz einfache Prinzipien, die meine Arbeit bestimmen. Und ich bin überzeugt davon, dass sie auch durch dieses Haus hier am Römerturm geprägt wurden, weil es Lesbarkeit, axiale Ordnung und Proportion hat – alles Qualitäten, die für die Architektur essensiel sind.

 

Hochwasserpumpwerk Schönhauser Straße 2008, Foto ©Stefan Schilling

 

Sie haben schon viel in Köln erlebt und mitgestaltet. Fühlen Sie sich auch als Kölner?

KK: Ja, aber es ist eher eine gedämpfte Liebe. Ich bin sehr glücklich, dass ich dieses wunderbare Haus mitten in der Stadt erwerben und hier das neue Büro eröffnen konnte. Mir ist auch der Sancta Clara Keller mit seinen Konzerten und Lesungen, mit denen wir diesen Ort, wie einen klassischen „Salon“ für die Kölner Bürgerschaft öffnen können, sehr wichtig. So hat dieses Haus für mich als Bürger und als Architekt einen großen Beitrag dazu geleistet, dass ich mich als Kölner fühle, obwohl ich in Braunschweig geboren und sicherlich preußischer bin als die Kölner, die ein bisschen lässiger und dem öffentlichen Raum gegenüber gleichgültiger sind.

Können Sie Karneval?

KK: Karneval kann ich super! Ich habe vierzig Jahre Hockey gespielt, als Mannschaftssportler kann man dann auch Karneval feiern. Man muss natürlich Humor haben, sonst geht das nicht.

 

Warum es das Glück allein nicht tut
Kaspar Kraemer zum 70. Geburtstag, Teil II
>>Zweiter Teil des Interviews mit Kaspar Kraemer



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