Entwurf für ein Haus für eine Person mit dem Holzbausystem "SimpliciDIY". © Atelier SLOW
Entwurf für ein Haus für eine Person mit dem Holzbausystem "SimpliciDIY". © Atelier SLOW

Wie Absolventen das Bauen preiswerter und nachhaltiger machen möchten.

Ein eigenes Häuschen! Davon träumen viele. Nur: Wer kann das bezahlen? Eine Möglichkeit, die Baukosten zu senken, ist Eigenleistung. Die allerdings kann bei einem traditionellen Bau nur in geringem Umfang erbracht werden, meist im Innenausbau. Was zu groß, zu schwer oder statisch relevant ist, kann Baufrau oder Bauherr nicht so einfach selberbauen.

„Wir möchten mehr Menschen Zugang zur Architektur verschaffen“, erklärt Max Salzberger vom Kölner Atelier SLOW, „und mittlerweile gibt es die technischen Möglichkeiten, in der Produktion aber auch in den Materialien, mehr Eigenleistung erbringen zu können.“ Ein Architektenhaus zum Selberbau also? Ja. Der Werkstoff Holz macht es möglich. Salzberger und sein Kollege Michael Lautwein haben für ihre Masterarbeit während des Architekturstudiums an der TH Köln das Holzbausystem „SimpliciDIY“ entwickelt, das jetzt gemeinsam mit Studierenden weiterentwickelt wird. Die Teile sind vorgefertigt, haben eine klar definierte Einbaurichtung und sind nur so groß, dass sie von zwei Personen mit Hammer und Akkuschrauber zusammengebaut werden können. „Unser Idealkunde ist ein Laie, der mit wenig Vorerfahrung über die Aufbauanleitung und die klar konfigurierten Teile die Tragstruktur des Hauses selbst zusammenbauen kann“, so Lautwein.

Darstellung der Konstruktion eines Hauses mit dem Holzbausystem "SimpliciDIY". © Atelier SLOW
Darstellung der Konstruktion eines Hauses mit dem Holzbausystem „SimpliciDIY“. © Atelier SLOW

Praktische Analyse

Zunächst aber haben Lautwein und Salzberger vier Holzbausysteme analysiert – und in der Praxis getestet. „In der Recherche und Analyse für unser Haus waren wir in Almere und haben bei Wikihouse in den Niederlanden auf der Baustelle mit angepackt um Erfahrungen für uns selbst zu sammeln“, berichtet Max Salzberger, „wir kommen beide aus dem Handwerk und wollten für den Nutzer nachvollziehen können, wie die Prozesse auf der Baustelle sind.“ Beim Aufbau des Hauses haben sie festgestellt, was ihnen wichtig ist: dass die Bauteile nicht zu groß sind, so dass nicht zu viele Personen zum Aufbau benötigt werden und dass es wirklich ein reines Holzhaus ohne Dampfdiffusionssperre ist.

Detail des Holzbausystems "SimpliciDIY". © Atelier SLOW
Detail des Holzbausystems „SimpliciDIY“. © Atelier SLOW

Entwickelt haben sie ein System aus Bauteilen, die nicht nur klein genug sind, damit zwei Personen sie bewegen, sondern die auch überall gefertigt werden können. „Die Werkstoffe sind so gewählt, dass sie an möglichst vielen Orten der Welt verfügbar und auf kleinen CNC-Maschinen zu produzieren sind“, erklärt Michael Lautwein, „die Rahmenkonstruktion wird aus Doppel-T-Trägern aus Holz gefertigt. Verbunden werden die Träger mit von uns entwickelten Knotenpunkten aus Holzplattenwerkstoffen.“ In die Planung ihres zukünftigen Hauses sollen die Bauherren eng eingebunden werden, mit Hilfe einer eigens entwickelten Software und Unterstützung eines Architekten viel selbst planen. Sind die Pläne fertig, werden die Daten verschickt, so dass die Bauteile möglichst nah an der Baustelle lokal und aus heimischen Hölzern produziert werden. „Uns ging es auch darum, das Potenzial der der digitalen Technologien aufzuzeigen und ein nachhaltiges System zu entwickeln“, so Salzberger.

Entwurf für zwei- oder dreigeschossige Gebäude mit dem Holzbausystem "SimpliciDIY". © Atelier SLOW
Entwurf für zwei- oder dreigeschossige Gebäude mit dem Holzbausystem „SimpliciDIY“. © Atelier SLOW

Architekt als Vermittler

Angst, sich selbst als Architekten überflüssig zu machen, haben Michael Lautwein und Max Salzberger nicht. „Die neuen Planungswerkzeuge bieten dem Architekten ganz neue Möglichkeiten“, sagt Lautwein, „einerseits erschließen wir eine neue Kundschaft, die sich vorher nicht an ein Holzhaus gewagt hätte. Und klassisch war der Architekt immer ein Generalist in einer Schnittstellen-Position.“ Diese Funktion als Vermittler hat er in diesem Produktionsablauf auch.

Modelle für das Holzbausystem "SimpliciDIY" im Atelier SLOW. © Vera Lisakowski
Modelle für das Holzbausystem „SimpliciDIY“ im Atelier SLOW. © Vera Lisakowski

Zudem müssen Architekten weiterhin prüfen, ob die Bauteile auch korrekt zusammengesetzt wurden. Wobei die baurechtlichen Fragen noch in der Klärung sind – sieht das Baurecht doch nicht vor, dass Laien das Tragwerk eines Hauses bauen. Obwohl das System eigentlich sicherstellen soll, dass man dabei gar nichts falsch machen kann, so dass auch der abnehmende Architekt abgesichert wäre. Sanitär- und Elektroinstallation sollen so die einzigen Bereiche sein, wo nach wie vor zwingend Fachleute beschäftigt werden müssen.

Preisgekrönt und erforscht

Für ihr Do-It-Yourself-Holzbausystem „SimpliciDIY“ bekamen Max Salzberger und Michael Lautwein kürzlich den VDI Förderpreis 2019. Es wird jetzt zusammen mit Studierenden der TH Köln unter dem neuen Namen „InterACT“ weiterentwickelt. Im Anschluss soll ein Prototyp auf dem Campus realisiert werden, auch um die Statik zu prüfen. Für diese Weiterentwicklung haben Salzberger und Lautwein ein Fellowship für Innovationen in der digitalen Hochschullehre vom Ministerium für Kultur und Wissenschaft NRW und dem Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft erhalten.

Max Salzberger, Moritz Winkler, Michael Lautwein und Marc Over (v.l.) vom Atelier SLOW. © Moritz Winkler
Max Salzberger, Moritz Winkler, Michael Lautwein und Marc Over (v.l.) vom Atelier SLOW. © Moritz Winkler

Neben ihrer Tätigkeit als wissenschaftliche Mitarbeiter an der Hochschule sind die beiden Absolventen weiterhin Teil des Atelier SLOW. Max Salzberger, Michael Lautwein, Marc Over und Moritz Winkler lernten sich während des Architekturstudiums an der TH Köln kennen und gründeten 2012 die Ateliergemeinschaft SLOW, die im Bürohaus von Walter von Lom unterkam und dort als erstes gemeinsames Projekt die Katalogisierung des Archivs von Walter von Lom übernahm. Und auch wenn der Name „SLOW“ auf die Nachhaltigkeit verweist, die durchaus zu ihrem Konzept gehört, ist er doch ursprünglich aus den Anfangsbuchstaben ihrer Nachnamen entstanden.

Vera Lisakowski

Weitere Informationen auf der Website des Atelier SLOW.

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