Das Straßenbild verschönern, koordiniert nachverdichten und zu Eigeninitiative ermutigen: Auch London hat keine Zauberformel in der Tasche, wenn es um „gutes Wachstum“ geht. Oder vielleicht doch: Einfach machen! Städtisch finanziertes Start up Center in Tottenham @ GLA / Angus Leadley Brown

Lernen von Londoner High Streets – ein Abend der Reihe „Kölner Perspektiven“

Was haben die Londoner High Streets mit Kölns Hohe Straße gemeinsam? Mehr als man auf Anhieb denkt: Viele der 600 „hohen Straßen“ in der britischen Hauptstadt waren ebenfalls römische Handelsrouten – auf denen dann bald sehr viele Kölner Kaufleute wandelten. Das machte Hermann Breuer, stellvertretender Amtsleiter des Amtes für Stadtentwicklung und Statistik, der durch den Abend führte, gleich von Anfang an klar: Wenn London heute als Handelsplatz das ist, was es ist, dann hat es das in erster Linie Köln zu verdanken. Aber das ist hier ja nicht das Thema.

Die Reihe „Kölner Perspektiven“ präsentiert die Stadt seit 2014 gemeinsam mit den Partnern IHK, KStA und Kap Forum. Sie stellt besondere europäische Beispiele für die Gestaltung des Stadtraums vor, und es hat sich herumgesprochen, dass da jemand ein gutes Händchen für die Auswahl der Referenten hat. Das VHS Forum war bis auf den letzten Platz besetzt.

Tim Rettler, der Redner des Abends, ist „Principal Officer Regeneration and Economic Development“ bei der Greater London Authority (GLA), die für strategische Stadtentwicklung zuständig ist. Auch er ist in gewisser Weise ein Kölner Export in die britische Metropole, denn er hat in Köln studiert. In seinem Beitrag geht es um „Good Growth“, Wachstum nicht des Wachstums willen, sondern für die Bürger.

High Street heute: Entweder viktorianisch, wie hier in Camden … @ GLA / Jim Stephenson
…oder etwas neueren Datums, wie hier in Bromley-by-Bow, ein Beispiel für gut durchdachte Verdichtung entlang der High Streets: Großfamilien leben in EG-Maisonettes mit Gärten und doppelgeschossigen Einheiten mit Dachgärten. @ GLA

DNA der Stadt

Um gut zu wachsen, hat man in London außerhalb der „Central Activities Zone“ CAZ, sprich Innenstadt, den Fokus seit einigen Jahren auf die High Streets gerichtet: Sie umfassen 3-4 % des gesamten Straßennetzes und zählen 6.500 Gewerbe mit 80.000 Arbeitsplätzen. Außerhalb der CAZ sind 54% aller Arbeitsplätze auf den High Streets angesiedelt. Hier können 200.000 neue Wohneinheiten entwickelt werden, durch die Sanierung leerstehender Gebäude und Nachverdichtung.

Doch es geht nicht nur um BGF, die High Streets sind sozusagen Wasserstandsanzeiger dafür, wie es dem ganzen Stadtteil geht, und sie sind auf der anderen Seite Aushängeschild für das Quartier. Bisher sind 200 Mio Pfund in die Aufwertung der Straßenzüge geflossen, weitere 70 Mio sind bereitgestellt. Aber auch mittels Crowdfunding finanzierten sich um die 100 Projekte, das ist eine beachtliche Realisierungsquote von 94 % gegenüber etwa 50% bei „klassischen“ Crowdfunding Vorhaben.

Teil des Projektes High Streets 2012 im Olympiajahr: Sanierte Fassaden in Aldgate @ GLA / Jim Stephenson

Das Geld fließt in viele kleine, sehr unterschiedliche Projekte. Ein kleines Team für eine große Stadt, so charakterisiert Rettler seine Mannschaft. Sie haben das Rad nicht neu erfunden, sondern die Ärmel hochgekrempelt und gemacht.

Shoppen in jedem Land der Welt

Den Läden kommt natürlich eine zentrale Rolle zu. Bürgermeister Boris Johnson vermutete, dass man in den Londoner High Street Shops Waren aus jedem einzelnen Land der Welt kaufen kann. Also fing die Behörde an, die Shops aufzuhübschen und war sich auch für eher schlichte Interventionen nicht zu fein, wenn es etwa darum ging, die exotischen, bunten Snacktütchen im indischen Kiosk aus den Kartons zu packen und auf Regalen zu präsentieren. Sie brachte Jungdesigner mit guten und günstigen Ideen mit den Ladenbesitzern zusammen, und so zieren jetzt appetitliche Koteletts die Schaufenster der Metzgerei Limpopo: Good growth by design.  

Good growth by design: Restaurierte und neu gestaltete Ladenfronten in Stepney Green @ GLA / Philipp Ebeling

Für theorieverliebte Stadtplanungsstrategen ist das vielleicht einfach zu viel britische Hands-on Mentalität, aber wie sagt man so schön: Es läppert sich. Die Anwohner selbst setzen Entwicklungen in Bewegung, wenn man ihnen Freiräume gibt. Und so entstand auch die Idee, leer stehende Lokale oder Häuser durch die Behörde befristet anzumieten und sie lokalen Kaufleuten und Interessenten anzubieten, zum Beispiel als temporäre Markthalle. So können neue Geschäftsideen ausprobiert werden, und es entstehen lokale Netzwerke.

Gesunde Straßen

Ein auch von den Londoner Verkehrsbetrieben adoptiertes Vorhaben ist „Healthy Streets“: Bis 2041 sollen nur noch 20% aller Wege mit dem privaten PKW gemacht werden. Entsprechend legt die Behörde Projekte auf, die den öffentlichen Raum zugunsten von Fußgängern und Radfahrern umgestalten: Sitzgelegenheiten, Begrünung, Bedachungen für die vielen vielen Märkte und Einiges mehr.

Gesunde Straßen – Raum zum Sein. In langandauernder, harter Arbeit hat die Bezirksverwaltung Barking die Straßen neu gestalten lassen. @ GLA / Philipp Ebeling

Und noch eine Idee

Die Kölner Verwaltung kann ein Lied davon singen, wie schwer es ist, junge Absolventen für die Gebäudewirtschaft zu begeistern. Und was macht London? Bastelt eine flotte Webseite und lädt junge Talente aus den Architekturbüros zu einem Probejahr ein, in „vorwärts denkenden Einrichtungen der öffentlichen Hand.“ Es funktioniert und geht nun schon in die zweite Runde.

We made it: So heißt das Büro, das in South Croydon Frühjahrsputz gehalten hat. @Jakob Spriestersbach

Was kann Köln sich abgucken bei der Greater London Authority? Es ist ja ermutigend, dass man auch dort keine städtebauliche Zauberformel entdeckt hat, sondern sich stoisch an kleinen Schritten und Verbesserungen abarbeitet und dabei die Mantras bemüht, die wir auch hier alle beten: Reduzierung des fahrenden und ruhenden Verkehrs, Begrünung, Aufwertung des öffentlichen Raums, man kennt den Text.

„Warum nur kann Planung in London mit so mediterraner Leichtigkeit gelingen“ seufzte Hermann Breuer im Anschluss an den Vortrag von Tim Rettler. Und warum nicht in Köln? Möglicherweise  weil wir hier noch einen längeren Weg gehen müssen, um die typisch deutsche Autosucht in den Herzen und Köpfen zu lindern. Vielleicht wäre es ein guter Anfang, auch so ein Praktikumsprojekt aufzulegen: Team Public Practice, herzlich Willkommen bei der Kölner Verwaltung!

Ira Scheibe

Weitergehende Informationen

Weitere Veranstaltungen in der Reihe „Kölner Perspektiven zu Arbeit und Stadt“

Informationen zum Projekt public practice

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