Teilen ist der neue Zeitgeist - nicht nur Autos, Wohnungen, auch Arbeitsplätze und Ideen werden geteilt © Nathalie Gozdziak

Über geteilte Arbeitsplätze und die Sicht ihrer Nutzer und Betreiber darauf

Mein Schreibtisch ist Zeuge einsamer Stunden, während mein Hirn raucht. Viele Ideen, die ich dort entwickelt habe (und einige mehr die ich verworfen habe), Kreise, die ich im Kopf gedreht habe, Erkenntnisse, die ich dort gewonnen und Artikel die ich dort geschrieben habe. Dort warten Stifte, Hefte, Bücher, Notizen und meine geduldige Schreibtischlampe auf mich. Und die Decke? Die fällt mir langsam auf den Kopf. Ich verlasse das Haus, schnappe frische Luft, spaziere zum Rathenauplatz und stehe verdutzt vor einem schick eingerichteten Arbeitsraum hinter einem riesigen Schaufenster. War dort nicht vorher.. ja, was war da eigentlich vorher? Die gleiche Überraschung erwartet mich am Barbarossaplatz, in der Brüsseler Straße und vielen anderen Orten in Köln. CoWorking – es macht auch vor Köln nicht halt. Ob es die Lösung für die Decke ist, die einem beim Arbeiten auf den Kopf fällt?

So sieht das neue Arbeiten in der Gemeinschaft aus – am Beispiel von COWOKI © Niklas Tropp

Ein drastisch zunehmender Trend

Wenn man den Statistiken glauben darf, dann sind die CoWorking Spaces in ihrer Anzahl, aber auch in der Fläche und der Anzahl ihrer Mitglieder über die letzten Jahre deutlich gestiegen. 2007 gab es laut dem Onlineportal Statista 14 gemeldete CoWorking Spaces weltweit, 2016 waren es bereits 11.091 CoWorking Spaces. Wie sieht die CoWorking Welt in Köln aus? Gar nicht so einfach das rauszufinden, denn die Antworten auf meine zahlreichen Anfragen waren spärlich. Ich finde eine Onlineplattform namens WEARECITY, die regional über Köln berichtet – mitunter auch über Kölns Coworking Spaces. Bei meinen Recherchen stelle ich fest, dass die Redaktion von WEARECITY auch in einer Art Coworking Space arbeitet.

Bürogemeinschaft Bonner Straße – die Unprätentiösen

„Eigentlich ist es einfach eine Bürogemeinschaft.“ beschwichtigt Gründerin Athenea Diapouli-Hariman. Das Büro sitzt in einem Gebäude an der Bonner Straße und mehrere Untermieter teilen sich Räume, Internet, Strom und eine Gemeinschaftsküche. Einmal die Woche bekocht der Vater von Athenea, ein gebürtiger Grieche, die Mannschaft mit leckeren Gerichten. Die Mieter haben unterschiedlichste Berufe, darunter ein Comedian, Doktoranden, Studenten, die ihre Masterarbeit schreiben, Autoren und viele Andere. Das klingt nach einem unprätentiösen Konzept, das Gemeinschaft fördert und Geld spart. 240 Euro Warmmiete zahlt die Redaktion für das 16qm große Büro in der Bonner Straße. So ein Preis klingt angesichts der angespannten Marktlage unschlagbar.

Athenea Diapouli-Hariman – Gründerin WE ARE CITY © Simon Hariman

„Leider werden wir wahrscheinlich in einem Jahr auf Grund des Projekts Parkstadt Süd ausziehen müssen, weil das Gebäude abgerissen wird, sonst wäre die Miete sicherlich höher. Die Vermieter suchen bereits nach neuen Räumen und denken sich Konzepte einer Coconnutzung in großen, leerstehenden Hallen aus.“ erklärt Athenea. Solange holen alle das Beste aus der Zwischennutzung heraus. Wäre diese günstige Nutzung demnach ohne bevorstehenden Abbau überhaupt möglich? Die professionell vermarkteten Gemeinschaftsbüros zeigen sich jedenfalls deutlich verschwiegener – die wenigsten antworten auf meine Anfragen. 

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WERTHEIM COLOGNE – neues Arbeiten hinter alten Mauern

Ganz anders Oliver Struch, Inhaber und Gründer des CoWorking Space WERTHEIM COLOGNE, der sehr kurzfristig bereit war mir die Räumlichkeiten zu präsentieren. Die Räume hinter der großen Holztür eines Gründerzeitbaus halten jedenfalls jedes Versprechen. Leise Musik im Hintergrund, jede Menge Messing, eine große Theke, Kerzen auf einem schweren Holztisch und sehr gemütliche Sessel in den Ecken erwarten mich im Gemeinschaftsraum. Oliver Struch ist ein quirliger Typ – er sorgt definitiv für gute Laune. Die Geschäftspartnerin an seiner Seite, Kathrin Nolde geb. Labza, wirkt ruhig und wählt ihre Aussagen mit Bedacht. Ein gutes Team, das mich stolz auf eine kleine Tour durch die Räume mitnimmt.

SlowWorking – bloß kein Stress beim Arbeiten im WERTHEIM Cologne! © Nathalie Gozdziak

Zentrales Element des Gebäudes ist ein voluminöses Treppenhaus aus Holz, von dem aus abgetrennte Büroräume hinter Glastüren liegen. Einige Räume werden als Konferenzräume genutzt, andere bieten flexible Arbeitsplätze, denn nicht alle Plätze werden fest vermietet. Ganz oben unter dem Dach findet sich ein luftiger Raum mit Tisch, Küche und einem verglasten Patio. „Das Gebäude steht zum Glück nicht unter Denkmalschutz, aber wir haben ab dem Kauf vier Jahre kämpfen müssen, bis wir die Flächen vermieten konnten.“ erläutert Oliver Struch. Die ersten beiden Architekten konnte den Bauantrag nicht durchsetzen und das urspünglich geplante Boardinghouse für temporär genutzte, möblierte Wohnungen wurde verworfen. Nach einer gemeinsamen CoWorking-Tour in Berlin stand die Idee eines Coworking Spaces. „Den Begriff Co-Working haben wir gemäß dem Wertheim Naturell zu Slow-Working ummodeliert. Das was wir machen ist eigentlich mehr eine Art  Gemeinschaftsbüro. Wertheim soll für ein Familiengefühl, für ein Heim stehen. Unser neuer Begrifflichkeit für das Wertheim ist also Slow-Working Space.“

Die Designermöbel auf allen Etagen wirken imposant und wertig. Für die Gestaltung hat Kathrin Nolde zum großen Teil mitgewirkt, die von Beruf Innenarchitektin ist. „Wir sind Vitra Partner und hosten immer wieder auch Events von Vitra im Wertheim und veranstalten gemeinsame Events.“ Diese Tatsache und die gemeinsamen Events mit der Firma erklären den Zugang zu Designermöbeln. Wenn man die Büroflächen mit klassischen Grundrissen von Gewerbeflächen vergleicht, stellt man fest, dass die Fläche pro Kopf im Wertheim deutlich großzügiger ausgelegt wird. Mehr Fläche, mehr Raum, dafür auch mehr Qualität – das gehört zum Slow Working dazu. In diesen Genuss kommen auch immer mehr Unternehmen, die im Wertheim ganze Büroräume für sich mieten, mal zeitweise mal dauerhaft. Oft sind es Personalabteilungen, die die Räume nutzen, um vor Ort Personal zu rekrutieren. Im Unterschied zu den einzelnen Nutzern werden in diesen Verträgen drei Monate Kündigungsfrist statt vier Wochen veranlasst. Doch das Wertheim ist mehr als nur eine Immobilie. Die sogenannte CreativeCouch ist ein regelmäßig stattfindendes Netzwerkevent für junge Gründer und Neugierige. „Es ist ganz relaxt, ohne Ellbogen-Gehabe. Wir halten es bewusst klein, denn sobald es mehr als 50 Leute sind, kommt kein gutes Netzwerken mehr zustande.“ erklärt Kathrin Nolde. Das Netzwerken sei ein essenzieller Bestandteil von Coworking Spaces, versichern mir die beiden Inhaber.

Gemeinschaftsraum WERTHEIM Cologne © Eduardo Perez, Vitra

Doch was kostet der Genuss des Arbeitens im Wertheim? Wer einen fixen Arbeitsplatz mieten möchte, bezahlt 460 Euro. Außerdem werden Halbtages-, Tages- und 12er-Karten angeboten. Coworking für einen Tag ausprobieren? Für 28 Euro ist man dabei. Doch der Bedarf ist groß und so müssen sich neue Nutzer leider mehrere Monate gedulden, bis etwas frei wird. Beim Abschied bekomme ich ein kleines Gläschen Honig aus dem eigenen kleinen Bienenstock geschenkt, den ich beim Blick aus dem Gemeinschaftsraum in den Garten entdecke. Oliver Struch empfiehlt mir außerdem das COWOKI, das ein einzigartiges Projekt mit integrierter Kinderbetreuung in Köln ist. Ein Coworking mit KITA? Ich folge der Empfehlung und treffe mich mit Gründerin Peggy Wahrlich. 

Das Gebäude steht nicht unter Denkmalschutz – zu Gunsten einer neuen Architektur © Nathalie Gozdziak

COWOKI – Arbeit und Kinderbetreuung unter einem Dach

Das COWOKI ist unauffällig im Ensemble der umgebauten Christuskirche am Stadtgarten in Köln integriert und liegt in den ersten beiden Geschossen. Im unteren Geschoss befindet sich die KITA, im oberen Geschoss empfängt mich Peggy Wahrlich in einer gemütlichen Küche mit langem Tisch, Pinnwänden, Fotos der Mieter und einer beachtlichen Auswahl an Teesorten. Bei einer gut schmeckenden Tasse Kaffee erzählt sie mir, dass sie als Selbständige und Mutter die Vision hatte Beruf und Familie vereinbar zu machen, indem Eltern an einem Ort arbeiten können, an dem ganz in der Nähe die Kinder betreut werden. Gerade für Kinder unter drei Jahren ist es besonders schwer einen KITA Platz zu bekommen und so entstand eine Kombination aus Coworking und Großtagespflege. Die Eltern schliessen einen Betreuungsvertrag mit den Tagesmüttern und zahlen einen einkommensabhängigen Beitrag an die Stadt Köln. Die Betreuer sind speziell ausgebildete und geprüfte Tagesmütter, die in zwei Gruppenräumen und einer kleinen Küche die Kinder betreuen.

Flexible Arbeitsplätze im COWOKI © Niklas Tropp

Insgesamt fällt mir auch hier in allen Räumen eine angenehme Einrichtung in pastelligen Tönen mit Designermöbeln auf und auch hier werden wie bei WERTHEIM Cologne die Möbel gemietet und präsentiert. Doch die Stimmung, die hier herrscht ist etwas anders, leiser und kleinteiliger. „Wir sind der unaufgeregte Coworking Space für Menschen, die in der Blüte ihres Lebens stehen und nicht mit dem Hipstertempo mithalten wollen. Die Leute kommen hierher, um zu arbeiten und dann pünktlich nach Hause zu ihren Familien zu gehen. Für abendliches Netzwerken gibt es keinen Bedarf. Viel lieber bringen wir die Mieter bei einem gemeinsamen Mittagessen zusammen.“ Ich schaue auf die Warmhalteschale in der Küche. Ein Mittagstisch wird hier ebenfalls angeboten. Als Melanie von Gersdorff, die zweite Geschäftsführerin, hinzukommt, lächelt sie verschmitzt, als sie vom Caterer erzählt. Reines Bio-Essen des Caterers PurBio Feinkost aus Köln, vegetarisch und es wird immer für die Anzahl der Leute gekocht, die sich ein warmes Essen wünscht.

CoWorking mit Kinderbetreuung – für viele selbständige Eltern eine Entlastung © Olaf-Wull Nickel

Bei aller Gemütlichkeit betonen die beiden Inhaberinnen, dass die Plätze nicht nur für Mütter, sondern auch für Väter interessant sein sollen. Der Mann von Peggy Wahrlich – von Beruf Dekobauer – hat mit viel Holz und Stahl zu einem coolen Look verholfen und das Verhältnis ihrer Mieter liegt bei 50/50. „Wir sind ein frauenunterstützendes Unternehmen, aber auch männerliebend.“ Im Raum hinter der Küche befinden sich mehrere Schreibtische auf der einen Seite und Stehtische mit Hockern auf der anderen Seite. Zusätzlich gibt es einen Coachingraum mit zwei gemütlichen Sesseln und zwei Telefonkabinen. Eine Kabine war zuvor ein Ruheraum mit Lautsprechern, aber der Bedarf an Räumen für Gespräche war zu groß. „Das laute Telefonieren stört die anderen Nutzer, daher bitten wir um Nutzung der Telefonkabinen. Berufsgruppen wie Architekten tun sich da schwer, weil sie beim Telefonieren oft gleichzeitig auf die Pläne schauen müssen.“ erklärt Peggy Wahrlich. Der ‚laute‘ Raum befindet sich im unteren Geschoss gleich neben der KITA. Für Eltern, die sich in der Eingewöhnungsphase mit der Kinderbetreuung befinden und sich gegenseitig viel zu erzählen haben, sei das ein sehr guter Ort zum Arbeiten.

ergonomische Bürostühle im COWOKI Konferenzraum © Niklas Tropp

Und was ist der Topseller bei diesem Coworking Space? „Die 10er Karte. Die Leute möchten sich einfach nicht zu sehr binden und flexibel bleiben.“ verrät Melanie von Gersdorff. Das besondere Anliegen von COWOKI ist das Prinzip des gesunden Arbeitsplatzes. Gesund im Hinblick auf gesundes Mittagessen, gut eingestellte Bürostühle, angenehme Akustik dank perforierter Decken, Massageangeboten, nachhaltigen Lebensmitteln und der Nutzung von Ökostrom. Und was sind die wichtigsten Faktoren für einen guten Coworking Space außerdem? Guter Kaffee und gutes Wlan – davon hat sich Peggy Wahrlich überzeugen lassen und in Folge in eine sehr gute Kaffeemaschine investiert. Die Preise sind auch hier ähnlich wie beim WERTHEIM Cologne. Eine Tageskarte kostet 24 Euro und die 10er Karte kann halbtäglich abgearbeitet werden. Der unbegrenzte Monatspass kostet monatlich 349 Euro. Es gibt eine Firma, die einen abgrenzten Raum mit vier Arbeitsplätzen buchen möchte, aber ansonsten distanziert sich Peggy Wahrlich von einer Vermietung fester Plätze an Unternehmen. Die Mischung mache den Raum attraktiv und belebt. Sobald nur noch professionelle Unternehmen unter sich sind, sei die Stimmung eine ganz andere. 

Über CoWorking lässt sich vortrefflich diskutieren – auch bei Oliver Struch und Kathrin Nolde vom WERTHEIM Cologne © Nathalie Gozdziak

Die Frage, die sich mir stellt ist: werden CoWorking Spaces sich zunehmend professionalisieren und von Unternehmen angeeignet als ein Kind seiner Zeit? Können Unternehmen in Zukunft davon profitieren Arbeitsplätze extern auszulagern und dadurch flexibel auf eine flukturierende Mitarbeiterzahl zu reagieren? Oder werden angesichts der steigenden Mitpreise immer mehr Selbständige zu dieser Lösung greifen, um von geringeren Kosten und Austausch mit Gleichgesinnten zu profitieren? Ist CoWorking ein Phänomen, das sich aus einer Improvisation zu einem professionalisierten Business entwickelt hat?

von Nathalie Gozdziak


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