Steine mit Nasen. So schnell erschöpft sich das Feld der Rheinkiesel nicht. © Uta Winterhager

Ein Thema, ein Buch, ein Museum und ein Sammelsurium zum Jahresende

Gehen wir in der Geschichte einmal ganz weit zurück, sehen wir, dass das Sammeln (wie auch das Jagen) schon immer Teil des Menschseins war. Heute dient es zwar nicht mehr unbedingt der Nahrungsbeschaffung und somit dem Überleben, doch wir tun es trotzdem noch immer. So wage ich zu behaupten: Kein Kind und nur wenige Erwachsene kommen ohne Stein von einem Spaziergang am Rheinufer zurück, niemand hat nach einem Tag am Strand nicht wenigstens eine Muschel in der Tasche. Flohmärkt oder Städtereisen lassen uns ganz ähnlich handeln. Wir sehen etwas, das unser Interesse weckt. Weil wir etwas darin gesehen haben, das für uns von Bedeutung ist, weil wir für uns in einem Zusammenhang mit anderem steht, weil es für uns zu einem Thema geworden ist, weil wir es haben wollen. Was dann mit der Beute geschieht, ist wiederum eine andere Sache. Denn hier wird aus dem Jäger der Sammler. Unterscheiden muss man spätestens hier zwischen denen die erst horten, dann aber schnell vergessen und denen die ernsthaft sammeln – also mit System vorgehen, sortieren, katalogisieren und forschen. Wer denkt das Potential der Rheinkiesel sei schnell erschöpft, sammelt vielleicht lieber Kunst, Autos oder Häuser jeglichen Formats. Objekte, die gegebenenfalls auch einen Nutzen oder einen materiellen Wert haben.

 

Sammeln, um zu arbeiten

Insbesondere Architekten halte ich für ausgesprochen sammelaffin. Nicht nur O.M. Ungers sammelte Unmengen von Dingen – seien sie nun banal oder wertvoll – die ihn inspirierten. Früher gingen wir nie ohne Skizzenbuch aus dem Haus, heute ersetzt das Fotografieren das Zeichnen, denn mit dem Handy ist auch die Kamera immer griffbereit. Ständig auf der Suche nach Bildern, Stimmungen, Lösungen, Material und Farbe, fangen wir damit alles ein, um irgendwann einmal darauf zurückgreifen zu können. Themen, die Serien generieren machen regelrecht süchtig.So finde ich auch auf meinem Handy gerade 9.789 Bilder, die ich mir gerne und oft ansehe. Und damit bin ich nicht alleine.

 

Die Leipziger Architektenbrüder Schulz und Schulz sind da ganz ähnlich gepolt. In ihrem Buch Snapshot zeigen sie eine Auswahl von 120 unbearbeiteten Handyfotos, die sie in sehr pointierten Textchen erläutern. Sie nennen diese Art des Fotografierens, wo es nicht auf das schöne Bild (die perfekte Belichtung, den rechten Winkel) ankommt, „selektives Sehen“. Es ist der Moment, die Inspiration, der Denkanstoß, die Würdigung einer gelungenen Lösung und manchmal nur ein Spaß mit Schuhen oder Autos. Die Bilder finden Verwendung in ihren Vorträgen, in den Sozialen Netzwerken, aber vor allem bei ihrer Arbeit. Ihre Zusammenstellung zeigt alsbald, wie Ansgar und Benedikt Schulz unterwegs sind, wie sie kommunizieren, lehren und arbeiten. Und häufig denkt man als Leser, das muss ich mir unbedingt merken, das habe ich doch auch schon mal gesehen oder warum ist mir das nie aufgefallen. Ein sehr schön gemachtes und überaus aufgeräumtes kleines Büchlein, das man genauso gerne in die Hand nimmt wie das eigene Handy.

 

Professionell gesammelt und verwahrt © Arp Museum Bahnhof Rolandseck

 

Sammeln aus höheren Beweggründen

An alle, ob sie nun Substanzielles, Materielles oder Kurioses sammeln, richtet sich der Aufruf des Arp Museums Bahnhof Rolandseck, dessen Jahresthema 2019 mit „Sammlungen“ überschrieben ist. Da findet sich doch bestimmt noch etwas:

KURIOS GENUG? Was sammeln Sie? – Museen leben von Sammlungen, jedoch auch vom Erlebnismoment – der einzigartigen Begegnung mit dem Original. 2019 widmet sich das Arp Museum Bahnhof Rolandseck dem Jahresthema »Sammlungen« und präsentiert verborgene Schätze von Sammlern in neuen Kontexten. Jede dieser Sammlungen geht zurück auf bestimmte Beweggründe und Intentionen sowie auf die ganz eigene Biografie eines Sammlers. Was bewegt Sie persönlich, bestimmte Dinge zu sammeln? Briefmarken, Münzen, Bowletöpfe oder einfach Hauptsache kurios? Geben Sie uns einen Einblick in Ihre ganz persönliche Sammlung mit einem Foto Ihres Lieblingsstückes. Das Foto bekommt dann einen prominenten Platz während des Themenjahres 2019 »Sammlungen« im Arp Museum. Je kurioser desto besser!

Schicken Sie bis zum 20. Januar 2019 ein Foto Ihres Lieblingsobjekts aus Ihrer eigenen Sammlung per Mail an sammlungen@arpmuseum.org und – wenn Sie mögen – erzählen Sie uns Ihre Geschichte dazu! (Foto: jpg-Datei im Format 10cm x 15cm; Textdatei: max. 1 DIN A4-Seite)

 

Uta Winterhager

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