Unsere Vorstellung vom Bauhaus ist weiß, aber die weiße Bauhaus-Putzarchitektur eignete sich nicht gut für die von Ruß und Staub geprägten Industrie-Reviere, dunkel getönter Ziegel hingegen schon. Peter Behrens, ehemaliges Hauptlagerhaus der Gutehoffnungshütte in Oberhausen © LVR-Industriemuseum, Andreas Schiblon

Bauhaus 100 - auch im Westen ein großes Thema für 2019

In den 60er Jahren hat das Thema niemanden interessiert. Und so konnte sich eine Baumarktkette ganz ungehindert den Markennamen Bauhaus sichern. Zum hundertjährigen Jubiläum der Schule 2019 richtet die Architektur-interessierte Welt ihren Fokus auf Deutschland. Viele Städte polieren fleißig ihr Tafelsilber, und selbst die vielen Bauhaus-freien Orte können bei der Grand Tour der Moderne im nächsten Jahr mitfahren. Welche Kampagnen laufen und was sollte man sich für das nächste Jahr in den Ausflugskalender schreiben?

koelnarchitektur.de in Madrid, Centro de Arte de Reina Sofía

Die Deutsche Zentrale für Tourismus (DZT) wirbt im Auftrag der Bundesregierung für das Reiseland Deutschland. Ihre Themenkampagne für 2019 lautet #Celebrating Bauhaus. Für die Veranstaltungen in Madrid und Barcelona vor spanischen Reiseveranstaltern waren wir als Netzwerkpartner von Guiding Architects eingeladen, die Fachvorträge zu halten und unser Bauhaus-Programm vorzustellen. Das Interesse war ausgesprochen rege.

In Jean Nouvels Erweiterung des Museo Reina Sofia fand der DZT Kampagnenauftakt Bauhaus 100 in Spanien statt. Ira Scheibe, Redakteurin von koelnarchitektur.de, hielt den Fachvortrag. 

Fast so toll wie Sri Lanka

Selbst der Reiseführer-Klassiker Lonely Planet schickt seine Leser auf Bauhaus-Pfade. Die Ausgabe “Best in Travel 2019” ist gerade neu erschienen. Und zum ersten Mal in zehn Jahren schafft Deutschland es unter die Top-10-Länder, und zwar ganz nach vorn – einzig Sri Lanka ist cooler! Insbesondere Thüringen empfehlen die Reiseexperten ihrem internationalen Publikum, aber auch ein Besuch in Städten wie Köln oder Frankfurt lohne, weil sie sehr eigen seien. “Deutschland verzaubert und überrascht – auch die, die hier leben.”

Mies van der Rohe baute 1927 in Krefeld zwei Wohnhäuser für die Direktoren der Vereinigten Seidenwebereien Hermann Lange und Dr. Josef Esters. Beide werden heute für Ausstellungen benutzt und nach Restaurierung im März 2019 wiedereröffnet. Museum Haus Esters, Krefeld, Gartenseite © Foto: Volker Döhne Krefeld / Kunstmuseen Krefeld

Bauhaus vor der Haustür

Für das Jubiläum “100 jahre bauhaus” haben sich im Bauhaus Verbund 2019 drei Bauhaus-Institutionen (Bauhaus-Archiv / Museum für Gestaltung Berlin, Stiftung Bauhaus Dessau, Klassik Stiftung Weimar) und der Bund zusammengeschlossen. Auch elf Bundesländer sind beteiligt. Wer sich nicht ausgerechnet im Jubiläumsjahr durch die neuen Museen in Dessau und Weimar drängeln will, kann mit den Bauhaus-Studien ja schon einmal in NRW anfangen. Hier lautet das Motto “100 jahre bauhaus im westen. Gestaltung und Demokratie. Neubeginn und Weichenstellungen im Rheinland und in Westfalen.”

Wenn man nicht mit Bauhaus-Jüngern aus aller Welt an den Thüringer Hotspots Schlange stehen möchte, kann man auch nach Krefeld fahren. Mies van der Rohes Bauten von 1931 in Krefeld: Im HE-Gebäude der Vereinigten Seidenwebereien AG (Verseidag) lagerten Herrenfutterstoffe. Nebenan, unter den Sheddächern, wurden Stoffe gefärbt. Der „Mies van der Rohe Business Park“ soll auf Basis seiner originalen Pläne für das gesamte Gelände vollendet werden.@ 2018 Mies van der Rohe Business Park

“Soviel Bauhaus hier und alles brauchbare Leute”

So schrieb Oskar Schlemmer an seine Frau, als er in Krefeld zu Besuch war. Man sollte sich ein Beispiel an ihm nehmen und auch hinfahren, denn im März werden die beiden Mies van der Rohe-Häuser wiedereröffnet. Für die hier ansässige Seidenindustrie hat Mies auch ein Fabrikgebäude entworfen. Doch neben Mies und Lilly Reich arbeiteten mehr als dreißig Absolventen und ehemalige Lehrer des Bauhauses seit den 1920er-Jahren in Krefeld. Die Fabrikanten der Textilindustrie interessierte die kunsthandwerkliche Veredelung ihrer Produkte aus ökonomischen Gründen, und das Krefelder Bürgertum war liberal und kunstsinnig.

Ein Team aus sieben Kunst-, Wirtschafts- und Architekturhistorikern hat das komplexe Netzwerk aus Bauhaus, Seidenindustrie, Werkbund und lokaler Kunstszene untersucht. Die Ergebnisse liegen im April 2019 als Publikation vor und sind die Grundlage der Ausstellung “Bauhaus und Industrie in Krefeld” in einem Pavillon von Thomas Schütte, die am 7. April 2019 eröffnet wird.

Stahlfachwerkarchitektur von Fritz Schupp und Martin Kremmer: Zeche Zollverein, Bandbrücken des Wagenumlaufs im Vordergrund, im Hintergrund die Kohlenwäsche auf Schacht XII © Jochen Tack / Stiftung Zollverein

Architektur-Touren „Bauhaus West“

Zu den exotischen Reisezielen 2019 gesellt sich neben Krefeld auch Oberhausen, wo im LVR-Industriemuseum unter dem Motto von Werkbund und Bauhaus “Kunst und Technik” im obersten Stock dauerhaft eine Peter Behrens Ausstellung zu sehen ist – in dem vom ihm 1921 als Lager der Gutehoffnungshütte entworfenen Gebäude. Und auf dem Weg nach Oberhausen kann man in Duisburg Halt machen, wo im Lehmbruck Museum Werke von Oskar Schlemmer gezeigt werden – allerdings nur bis zum 17.2.2019.

Grand Tour der Moderne

Nun gibt es durchaus Gestalter, die keine direkte Verbindungen zum Schulbetrieb des Bauhauses hatten und die doch zu Zeiten der Weimarer Republik innerhalb des durch Backsteinexpressionismus und Heimatstil geprägten Bauens eine funktionale Konzeption mit einer sachlichen Architektursprache verbanden – das sogenannte „Neue Bauen.“ In NRW finden sich viele solcher Spuren, z.B. von Peter Behrens, Bruno Paul und Wilhelm Riphahn. Das LVR-Amt für Denkmalpflege im Rheinland plant als Beitrag zu den Bauhaus-Feierlichkeiten einen topografisch aufgebauten Objektführer mit einer repräsentativen Auswahl zur Architektur des Neuen Bauens im Rheinland.

Serielles Bauen, von Bauhaus-Gedanken geprägt: Die Naumannsiedlung in Köln-Riehl, 1927-29, von Manfred Faber, Otto Scheib, Fritz Fuß und Hans Heinz Lüttgen © LVR-ADR, Jürgen Gregori

Kölner Bauhaus?

Als Walter Gropius nach einer neuen Heimstätte für die Bauhaus Schule suchte, stand auch Köln zur Debatte, es gab sogar im September 1924 Gespräche zwischen Walters Ehefrau Ise Gropius und dem damaligen Oberbürgermeister Konrad Adenauer, der sich sehr zugetan zeigte. Warum die Pläne abbrachen, ist nicht bekannt.

Der Kölner Beitrag von offizieller Seite fällt denn auch recht dünn aus. Mit der bereits abgelaufenen Schau zu Peter Behrens im MAKK war es das auch schon fast: Von April bis August zeigt das MAKK in der Ausstellung: „2 von 14: zwei kölnerinnen am bauhaus“ Keramiken und Bühnenentwürfe.

Wir von koelnarchitektur.de werden das Jubiläum zum Anlass nehmen, in unserem Tourenprogramm unbekanntere Stätten der Moderne in Köln und Umgebung in den Fokus zu rücken. Das genaue Programm geben wir demnächst hier bekannt. Wir freuen uns schon auf die unentdeckteren Bauhaus-Pfade mit Ihnen – bei uns im Westen.

Ira Scheibe

Infos im Netz

100 Jahre Bauhaus Jubiläumshauptseite: 

Bauhaus 100 NRW

Fachtouren “Bauhaus Ost” bei den Bauhaus-Spezialisten im Netzwerk Guiding Architects:

Überblick über die Veranstaltungen nach Themenblöcken und Regionen:

Bauhaus in Krefeld

Bauhaus in Stationen

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Eine Reaktion auf “So viel Bauhaus war nie”

  1. Barbara Sengelhoff

    Bauhaus, ja, sehr wichtig und sollte nachhaltig in Erinnerung bleiben. Geschützt werden. So doch sicher auch eins der wenigen Bauhaus-Objekte in der Hitzeler Straße in Köln- Raderthal. Dieses wunderbare Prachthaus in der Mitte der englischen Siedlung wurde viele Jahre als Flüchtlingsunterkunft genutzt, ohne denkmalpflegerische Bemühungen verfiel es so, dass es nun unbewohnbar ist und allmählich weiterhin vergammelt. Vielleicht kann ja auch einmal diese Praxis der Bauhaus- Kultur Kölns beleuchtet werden? Vielleicht finden sich dann ja kreative Ideen zur Erhaltung und Nutzung… Herzliche Grüße aus Raderthal von Barbara Sengelhoff, geb. Lohmeyer

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