Vater und Sohn Neufert: Die 42. Ausgabe der Bauentwurfslehre im violetten Umschlag, wer denkt da nicht an die Fassade des Papageienhochhauses? @ Grafik Uta Winterhager

Des Architekten liebstes Buch - jetzt mit Kölner Mehrwert

Schon früh hatte der Bauhausschüler und -lehrer Ernst Neufert (*1900 in Freyburg an der Unstrut; †1986 in Rolle CH) Rationalisierungsmöglichkeiten sowie einen Bedarf an normativen Grundlagen im Bauwesen erkannt. Seine Erkenntnisse aus der Praxis trug er zunächst für Vorlesungen an der staatlichen Bauhochschule in Weimar zusammen und veröffentlichte am 15. März 1936 die „Bauentwurfslehre. Handbuch für den Baufachmann, Bauherren, Lehrenden und Lernenden“. Inzwischen ist „Der Neufert“ ein Klassiker und ohne Zweifel eines der erfolgreichsten Architekturbücher des 20. Jahrhunderts, ohne das kein Büro zu betreiben ist. Doch der Neufert ist inzwischen mehr als nur ein Handbuch. Er zeichnet, betrachtet man seine 83 Jahre lange Geschichte, auch eine Chronologie unserer Gesellschaft, nie hat er das „… mit dem Menschen als Maß und Ziel“ in seiner kleinen Selbstbeschreibung auf dem Vorsatztitel verloren. Vielleicht hilft genau das auch dabei, dieses Standardwerk stets zeitgemäß fortzuführen.

Bis 1986 überarbeitete Ernst Neufert selbst sein Werk, mit der 33. Auflage wurde es von seinem Sohn Peter Neufert (*1925 in Freyburg an der Unstrut; †1999 in Köln) in Zusammenarbeit mit Ludwig Neff innerhalb der Planungs AG Neufert Mittmann Graf Partner weitergeführt. Seit der 38. Auflage bearbeitet Johannes Kister, der seit 1994 auch die Professur für Entwerfen und Baukonstruktion an der Hochschule Anhalt (FH) am Bauhaus Dessau innehat, mit einem Redaktionsteam, sowie derzeit 32 externen Beratern, den „Neufert“.

 

Ausschnitt Neufert Bauentwurfslehre Ausgabe 42 aus dem Kapitel Grundlagen – Zeichnungen . Zeichnen mit der Hand © Neufert Bauentwurfslehre 2019

 

Mit jeder der inzwischen 42 Auflagen sind Änderungen und Ergänzungen hinzugekommen, Themen, die vorher keine Themen waren, ergänzen das Spektrum. So wurden 2009 für die 39. Auflage unter anderem die Kapitel Bauen im Bestand und Marinaanlagen/Supermarinas ergänzt, drei Jahre später bestimmten Themen wie Barrierefreiheit, Demografischer Wandel und Nachhaltiges Bauen die Überarbeitung für die 40. Auflage. Bei der 2019 erscheinenden 42. Auflage wurden unter anderem ÖPNV, Co-Working Spaces, Erneuerbare Energien, Schulsport, Sakralbauten, Serieller Wohnungsbau und Wohnen auf Zeit aktualisiert oder neu aufgenommen.

Natürlich ist der Neufert in erster Linie ein Handbuch, das für fast jeden Entwurf einen Ausgangspunkt liefert. Die eigentliche und virtuose Kunst des Entwerfens kann es natürlich weder ersetzen noch lehren, wohl aber ein Fundament dazu bieten. Doch wie häufig kommt es vor, dass man auf den knapp 600 Seiten irgendetwas findet, das man nicht gesucht hat. Den Großstadtmenschen auf dem Faltrad (S. 40), die Hausfrau beim Bügeln (S. 327) oder die Badenden in der Wanne (S. 324). Anachronistisch, aber aus  Gründen der Architekturgeschichte durchaus gerechtfertigt ist die im Bereich Grundlagen vorangestellte Seite „Zeichnen mit der Hand“, die die richtige Fingerhaltung, Hilfe beim Schraffieren oder Rändeln von Zeichnungen und andere „Zeichenkniffe“ illustriert.

Ausschnitt Neufert Bauentwurfslehre Ausgabe 42 aus dem Kapitel Wohnen – Hausräume – Bäder © Neufert Bauentwurfslehre 2019

 

Wir wissen nicht, ob in Zukunft noch viele christliche Kirchen neu gebaut werden, aber die Bandbreite der gezeigten Beispiele von Bramante bis Bartning ist groß, zeitgemäß fortgeschrieben wird sie mit Umnutzungen und Umbauten historischer Kirchen aus Maastricht, Münster und Baumholder. Auf den nächsten Seiten folgen sehr detailliert Grundlagen und klassische wie moderne Beispiele zu Synagogen (u.a. von Frank Lloyd Wright und Manuel Herz) und Moscheen, darunter auch die Kölner Zentralmoschee von Paul Böhm. Interessant ist auch die Annäherung an die Thematik der „Bürolandschaft“ (S. 496), die nicht als Trend vorgestellt wird, sondern als eine Entwicklung, die Hermann Hertzberger mit seinem Verwaltungsgebäude Centraal Beheer schon 1972 vorweggenommen hat. Begriffe wie das „non-territoriale Büro“ und „Hot Desk“ und „Think Tank“ werden erklärt von ihrem Zauber befreit, auf Funktionen beschränkt.

Typisch deutsch ist sicher die Akribie, mit der seit der ersten Ausgabe Maße, Normen und Typologien zusammengestellt werden, doch genauso typisch ist dann auch die Verlässlichkeit und Vollständigkeit der Informationen. Nichts ist zu banal, nichts zu speziell, als dass es hier nicht Eingang finden würde. „Der Erfolg der Bauentwurfslehre ist mit Sicherheit auch in ihrer Nützlichkeit zu suchen“, sagt Johannes Kisters im einleitenden Interview. Und das hat sich scheinbar weltweit herumgesprochen, denn das Buch wird inzwischen in 19 Sprachen übersetzt.

 

Screenshot aus dem Interview mit Johannes Kister, das über die Verlags-App zu öffnen ist.

 

Und dann bietet die 42. Auflage noch eine multimediale Neuerung: mit der Springer Nature More Media App können über die kleinen QR-Codes im Buch 16 etwa 10minütige Videos abgerufen werden, in denen Johannes Kister verschiedene Kollegen interviewt, um das im Buch gesammelte Faktenwissen mit Einblicken in ihre individuellen Entwurfsprozesse-und -haltungen zu ergänzen. Diese technische Spielerei ist sicher kein Muss, denn heutzutage entstehen Entwürfe kaum mehr nur auf dem Zeichentisch des Architekten, aber sie bietet einen im wörtlichen Sinne menschlichen, vielleicht auch inspirierenden Mehrwert. Ole Flemming (bof, Hamburg) erläutert sehr anschaulich, dass heute nicht mehr, wie noch zu Ernst Neuferts Zeiten, das Maß der Schulbank den Schulbau bestimmt, sondern die Pädagogik, Arno Lederer (LRO, Stuttgart) hält ein Plädoyer für die Treppe, die zur Erschließung degradiert wurde und Anne-Julchen Berhardt (BeL, Köln) warnt vor der Über-Neufertisierung, die Gebäude zu perfekt und damit unflexibel machen würde.

Die 42. Auflage der Neufert Bauentwurfslehre präsentiert sich in einem leuchtend violetten Umschlag, den man im Regal sicher nicht aus den Augen verlieren wird. Und er erzählt – zumindest für die Kölner gut ersichtlich – ein wenig von der Neufert-Familiengeschichte. Denn genau so ein ungewöhnliches Violett verwendete Peter Neufert neben Blau, Orange und Rot für die abstrakte Fassadengestaltung des Herkuleshochhauses. Wer noch ein wenig Theorie dazu sucht, findet auf Seite 49 übrigens das Thema „Mensch und Farbe“ – konsequent natürlich in Schwarzweiß gehalten.

 

 

Uta Winterhager

 

Ernst Neufert
Bauentwurfslehre
Grundlagen, Normen, Vorschriften

607 Seiten mit über 6.000 (!) Abbildungen und Tabellen

42. Auflage,  2019

Vorbestellpreis 129,- €

Springer Vieweg, Wiesbaden

 

 

 

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